Daniel Shaked

Bundesheer

Der Militär-Imam am Heldenplatz

von Moritz Gottsauner / 25.10.2015

Der Islam ist längst Teil des Bundesheers. Ein eigener Imam soll muslimische Soldaten theologisch unterstützen. Heute wird er erstmals an der Angelobung am Heldenplatz teilnehmen.

„Techno!“ ruft eine Stimme aus den Lautsprechern am Heldenplatz. Dann geht es los. Rave-Musik in voller Lautstärke. Was sich zuerst so anhört, als hätte sich der Musikbeauftragte des Bundesheers in der Playlist vergriffen, ist in Wirklichkeit eine penibel einstudierte Show: Schmuck hergerichtete Soldaten der Gardemusik marschieren zum Takt, schwingen ihre Waffen synchron über die Schultern. Kniebeuge. Ausfallschritt. Drehung. Hocke. „Techno!“ Umpf, umpf, umpf.

Es ist Leistungsschau-Zeit. Einmal im Jahr will das Bundesheer der Bevölkerung zeigen, wofür es da ist. Und dabei möglichst cool wirken. Abdulmedzid Sijamhodzic spaziert durch die Menschenmassen, die sich die Show schon am Freitag nicht entgehen lassen wollen. Vorbei an Hubschraubern, Kampffliegern und Zelten, in denen Tiroler Gröstl serviert wird. Er wirkt nachdenklich dabei.

Vielleicht, weil Sijamhodzic kein Soldat ist und den Krieg in seiner alten Heimat Bosnien als Zivilist hautnah miterlebt hat. „Ich habe gesehen, was Krieg in der Praxis bedeutet. Ich weiß, wie es aussieht, wenn so ein Geschoss einschlägt“, sagt der 38-Jährige und deutet auf das Rohr einer vor der Neuen Burg geparkten Panzerhaubitze. Der Imam Sijamhodzic ist der neue islamische Militärseelsorger des Bundesheers. Heute, Montag wird er an der Angelobung neuer Rekruten teilnehmen.

Das religiöse Heer

Österreichweit sind mittlerweile etwa zehn Prozent der Grundwehrdiener Muslime. In Wien sogar 25 Prozent. Das Bundesheer unterhält seit jeher katholische und evangelische Militärpfarren. Doch erst seit Anfang Juli gibt es mit Sijamhodzic den ersten islamischen Militärseelsorger seit der Kaiserzeit. Er ist Teil der Anstrengungen des Heeres, eine strenggläubige islamische Lebensweise mit jener der Soldaten im 21. Jahrhundert zu vereinbaren.

Zwar gab es bisher schon Regeln dafür. Abdulmedzid Sijamhodzic soll nun aber ein konkreter Ansprechpartner sein und strenggläubige Soldaten im Alltag beraten. Der 38-Jährige ist studierter Jurist und Theologe. Er hat in mehreren Wiener Moscheen gepredigt und arbeitet auch als Religionslehrer. In der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) ist er stellvertretender Generalsekretär.

Beim Bundesheer leitet er für Muslime den sogenannten „Lebenskundlichen Unterricht“, den alle Grundwehrdiener besuchen müssen. Er hält dort Vorträge zu religiös-ethischen Fragen und Themen von der Friedenssicherung bis zum Umweltschutz. Freitags leitet er in einem Gebetsraum in der Maria-Theresien-Kaserne das Freitagsgebet.

Zertifikat: strenggläubig

Mit dem Inkraftreten des novellierten Islamgesetzes wurde auch der Weg für die islamische Seelsorge im Bundesheer freigemacht. Vor allem strenggläubige Muslime sollen davon profitieren. Aus logistischen Gründen wird bereits bei der Stellung abgefragt, ob ein Rekrut einer gläubigen Lebensweise nachgeht. „Die strenggläubigen Soldaten versuchen wir bei der Einberufung möglichst so an Standorten zusammenzufassen, damit es größere Gruppen gibt. Das ist einfacher von der Betreuung her“, sagt Dietmar Rust, der Pressesprecher des Verteidigungsministeriums.

Das Bundesheer verlangt von diesen Rekruten eine Bescheinigung ihrer Gläubigkeit, was nicht unumstritten ist. Zuständig für die Ausstellung ist die IGGiÖ, die auch den Imam Abdulmedzid Sijamhodzic ausgewählt und entsandt hat. „Man muss bei der IGGiÖ glaubhaft machen, dass man den Verpflichtungen, die für Strenggläubige gelten, nachkommt“, sagt Sijamhodzic. Dazu gehörten etwa die fünf Gebete pro Tag. Kontrollieren könne man das allerdings nicht, gibt er zu.

Ramadan am Truppenübungsplatz

Das Bundesheer verlangt das Zertifikat, weil für strenggläubige teils Erleichterungen gelten. So ist das Tragen eines Barts erlaubt, auch wenn es keine religiöse Begründung im Islam hat. Auch den Gebeten sollten die Soldaten nachkommen können. Falls das nicht möglich ist, weil etwa gerade eine Übung stattfindet, gelten Ausnahmeregeln. „Man kann das Gebet auch später nachholen“, sagt Sijamhodzic. Es könne auch verlangt werden, dass die Dienstzeit, die man mit dem Beten verbringt, nachher nachgeholt werden muss.

Auch was das Fasten im Ramadan betrifft, würden für Soldaten unter Umständen religiöse Ausnahmen gelten. „Wenn das Fasten dem Körper oder der Gesundheit schadet, ist es eine Pflicht nicht zu fasten“, sagt Sijamhodzic. In Zeiten großer Anstrengungen wäre es deshalb auch in Ordnung, wenn Soldaten später „nachfasten“.

Für Österreich sterben

Seit seinem Amtsantritt beschäftigen Abdulmedzid Sijamhodzic überwiegend technische Fragen der Soldaten, etwa was Bescheinigungen und Fristen betrifft. Er hat aber auch Einblick in die Weltanschauung Rekruten gewonnen. „Unlängst ist mir im Unterricht positiv aufgefallen, dass die Soldaten von sich auch gesagt haben, dass sie bereit wären für dieses Land zu sterben“, sagt er. Auf Nachfrage hätten sie erzählt, dass ihnen diese Einstellung in ihren Moscheen mitgegeben worden wäre. „Es wird also auch in einigen Moscheen vermittelt, dass ich als Muslim in Österreich mit dem Bewusstsein leben muss, das ich Rechte und Pflichten habe.“

Doch was bedeutet es für strenggläubige Muslime, in der Armee eines säkularen, christlich geprägten Landes zu dienen? Sijamhodzic verweist wieder auf die Rechte und Pflichten, die auch für Muslime gelten. Unter bestimmten Bedingungen sei auch die Anwendung von Gewalt erlaubt.

99 Prozent der islamischen Gelehrten sagen, dass kämpferische Auseinandersetzungen nur dann legitim ist, wenn sie im Verteidigungsfall erfolgt. Da geht es um Notwehr. Das passt ja super mit der österreichischen Neutralität zusammen.

Der Schatten des IS

Doch bisher ist nicht alles reibungslos verlaufen. Auf einem Gruppenfoto anlässlich seiner Amtseinführung posierten ein weiterer Imam und ein Soldat mit erhobenem Zeigefinger. Die Geste ist vielen nur von radikalen Mitgliedern der Terrormiliz IS bekannt. In einigen Medien sorgte die Pose für Wirbel.

Sijamhodzic nimmt die beiden in Schutz. Keinesfalls sei eine radikale Absicht dahintergestanden. Vielmehr sei der ausgestreckte Zeigefinger für Muslime eine geläufiges Symbol für die Einheit Gottes. „Die IS-Leute betreiben einen krassen Missbrauch religiöser Symbole“, sagt er. Auch die schwarze Fahne mit dem islamischen Glaubensbekenntnis sei so ein Fall. „Ich bin trotzdem der Meinung, vorsichtig zu seien und den leichteren Weg zu gehen.“ Auch wenn das bedeute, auf die Geste zu verzichten.

Ein Auge auf das Abdriften

Aber spätestens seit dem Fall des afghanisch-stämmige Gardesoldaten Maqsood L. ist die Radikalisierung auch beim Bundesheer ein Thema. Der Mustersoldat soll später zu einem Terrorcamp im pakistanischen Stammesgebiet an der Grenze zu Afghanistan gereist sein.

In Zukunft wird es deshalb auch zu den Aufgaben des Militärseelsorger gehören, radikale Tendenzen zu erkennen. Zwar sind die Gespräche mit Soldaten vertraulich. Aber er stehe auch in Kontakt mit der sozialen Betreuungsstelle des Bundesheers. „Bei diesen Leuten sind die eindimensionalen theologischen Maximen problematisch. Man muss versuchen, dieses Bild zu zerstören“, sagt Sijamhodzic. „Wenn man merkt, dass das Gespräch keine Früchte trägt, wenn die Sicherheit der Menschen infrage gestellt ist, dann muss man handeln, da gibt es kein wenn und aber. Es ist aber immer eine Frage, ob ich das erkennen kann.“

Verstärkung im Anmarsch

Abdulmedzid Sijamhodzic wird nicht lange allein bleiben. Für den westlichen Landesteil ist es geplant, einen zweiten islamischen Militärseelsorger einzustellen. Heute wird Sijamhodzic jedenfalls an seiner zweiten Angelobung teilnehmen, es ist seine erste an einem Nationalfeiertag. So wie auch seine katholischen, evangelischen und orthodoxen Kollegen wird er ein kurzes Statement vortragen. Thema werde die Botschaft des Friedens sein. Außerdem will er die muslimischen Soldaten dazu aufrufen, im Sinne der Sicherheit und der Bürger dieses Landes zu agieren, sagt Sijamhodzic.

Die Techno-Einlage der Garde auf dem Heldenplatz ist inzwischen vorüber. Die Gardemusikkapelle hat das Kommando übernommen und spielt heitere Märsche in wechselnden Formationen. Zum Schluss geben die Musiker noch ihre Version des „Imperial March“ aus der Star Wars-Filmreihe zum Besten, also das Hauptthema des Oberbösewichts Darth Vader. Zumindest am Freitag hat das Bundesheer auf seine eigene Art den Kulturschock zelebriert. Heute dürfte es ein wenig ernsthafter zugehen.

Mitarbeit: Christoph Zotter
Fotos: Daniel Shaked