Sascha Kohlmann/flickr

Dr. Strangelove

Der moderne Mann ist ein Fabelwesen

Gastkommentar / von Milosz Matuschek / 26.12.2015

Was will die moderne Frau? Offenbar, dass im Spannungsverhältnis der Geschlechter im Grunde alles so bleibt, wie es ist, nur mit mehr Möglichkeiten der Selbstentfaltung für sich.

Was will das Weib?, war einmal eine große Frage, gestellt von Sigmund Freud. Mangels genauer Antwort geriet irgendwann auch der Mann ins Zentrum des Interesses – und blieb ebenfalls ein Rätsel. Was macht ihn genau aus? Wie definiert sich heute Männlichkeit?

Von den Irrungen und Wirrungen rund um Liebe, Partnerschaft und das moderne Geschlechterverhältnis, darüber schreibt Milosz Matuschek alias Dr. Strangelove in seiner Kolumne.

Der Mann befindet sich angeblich seit Jahrzehnten in einer Dauerkrise. Zumindest muss er sich immer wieder anhören, er leide unter vollkommener Rollenverwirrung. Das heutige Wunschbild dürfte etwa der erfolgreiche Business-Punk sein, der nachmittags noch schnell im Beautysalon seinen Hipsterflaum pflegen lässt, bevor er die Kinder von der Kita abholt, um seiner Frau den Rücken freizuhalten. Das gibt bei Twitter mindestens ein Herzchen für die Ewigkeit. Oder doch nicht? Der moderne Mann ist statistisch gesehen ein Fabelwesen geblieben, das berühmte Einhorn, von dessen Existenz zwar ganz viele träumen, das tatsächlich jedoch kaum jemand gesehen hat. Das heißt nicht, dass Männer heute nicht mehr und unterschiedlichere Aufgaben wahrnehmen als noch vor 20, 30 oder 50 Jahren. Da Rollen zwischen Mann und Frau nicht mehr in Zement gegossen, sondern frei verhandelbar sind, ist eine gesunde Durchmischung des Aufgabenspektrums in der Tat längst Realität. Das stahlharte Gehäuse des Rollenbilds hingegen ist geblieben. Und Mitschuld daran hat auch die ach so „moderne Frau“.

Es ist im Grunde recht einfach: Der Mann wird im Großen versuchen, das zu tun, was sich für ihn in den Währungen der Anerkennung, der Liebe oder sexueller Belohnung auszahlt. Weder Zeitschriftenredaktoren noch die Werbeindustrie, ja nicht einmal ein feministischer James Bond könnte daran vermutlich etwas ändern.

Es ist das jeweils andere Geschlecht, das in der Rollenfrage die Hosen anhat. Wer sich fragt, warum der moderne Mann heute immer noch in Scharen eher seinen Bizeps stählt, als sich in der Kunst des romantischen Minnesangs zu üben, sich eher für schnelle Autos, Häuser und die Karriere interessiert als für Baby-Yoga, der braucht nur eins und eins zusammenzuzählen: weil es für derartige „Gedöns-Tätigkeiten“ bei der modernen Frau eben immer noch keinen Blumentopf zu gewinnen gibt. Der Mann steht im Bannstrahl des immergleichen, uralten Reiz-Reaktions-Schemas. Er orientiert sich daran, was bei Frauen Erfolg verspricht. Männer sind auf Belohnungen konditioniert und nicht auf virtuelles Punktesammeln im Wettbewerb um das politisch korrekteste Verhalten. Auch wenn in Talkshows gerne ein anderes Bild bemüht wird: Der Grübler mit Bart und Schwabbelbauch hat es gegenüber dem „Mann, der weiß, was er will“, und das auch sagt, eher das Nachsehen.

Wer das nicht glaubt, besuche am Wochenende eine Bar in jeder beliebigen Großstadt Westeuropas. Oder er lese Statistiken. So orientieren sich Frauen im Kern immer noch an Männern, die ihnen in Sachen Status, Erfolg oder Körpergröße überlegen sind. Details sind verhandelbar. Kernkompetenzen nicht. Die Ernährerrolle für den Hausmann zu übernehmen kann sich nur ein Prozent der Frauen vorstellen. Was will die moderne Frau? Offenbar, dass im Spannungsverhältnis der Geschlechter im Grunde alles so bleibt, wie es ist, nur mit mehr Möglichkeiten der Selbstentfaltung für sie. Damit ist die Richtung klar: Der Mann muss sich verändern – Hauptsache, er bleibt so, wie er ist.