Foto: Mohammedمحمد Al mobarakالمبارك

Newsletter von Michael Fleischhacker

Der Neid der Ungläubigen

von Michael Fleischhacker / 13.12.2015

Wenn ich höre, wie inbrünstig Menschen, deren aufklärerische Energie bis jetzt eher im Verborgenen geglüht hat, „vom Islam“ fordern, er möge sich endlich „der Aufklärung“ unterwinden, damit er, der Islam, hier gesellschaftsfähig wird, beschleicht mich ein Verdacht: dass wir, die aufnehmende Gesellschaft, an den Schwierigkeiten und Problemen, die es bei der Integration von Muslimen gibt, einen sehr spezifischen Anteil haben. Ich würde ihn gern den „Neid der Ungläubigen“ nennen. Mir scheint, dass hinter der Forderung, „die“ müssten so werden wie „wir“, nicht nur der Wille zur Verständigung steht, sondern auch der Wunsch nach Bestrafung auf der Grundlage des Neids. Wir sind nämlich nicht gern aufgeklärt. Es ist anstrengend, es ist freudlos, es widerspricht viel zu oft unseren unmittelbaren Empfindungen.

Vielleicht – ich sage das so vorsichtig, weil ich dazu noch weniger Evidenz habe als der von mir sehr geschätzte Islamwissenschaftler Ednan Aslan in Bezug auf die „islamischen Kindergärten“ in Wien – , vielleicht also beruht unsere teils doch recht aggressive Ablehnung der forcierten Geborgenheit im Religiösen, die viele Zuwanderer aus muslimischen Gesellschaften ausstrahlen, auf einem schmerzlichen Gefühl des Verlustes. Wir sehen, was wir nicht mehr haben, seit wir uns – oft genug nicht einmal bewusst – entschlossen haben, aus dieser Quelle von Ordnung, Bedeutung und Transzendenz nicht mehr zu trinken. Wir leiden unter „Immanenzverdichtung“, hat mein Freund, der Philosoph, einmal geschrieben. Die Gläubigen haben einen „Weg nach draußen“. Darum beneiden wir sie. In diesen Schichten des Bewusstseins liegt möglicherweise auch eine Erklärung dafür, dass unter den islamistischen Terroristen jene die Mehrheit stellen, die ohne Religion aufgewachsen sind: Die Immanenzverdichtung führt zur terroristischen Explosion.

Aber ich will hier nicht den Religionssoziologen, Terrorexperten und Gesamtwelterklärer spielen, der ich nicht bin. Ich will nur eine Wahrnehmung mit Ihnen teilen. Mein Verdacht, dass ein Teil unseres Argwohns gegenüber den Gläubigen unter den Zuwanderern aus dem Neid der Ungläubigen gespeist wird, erstreckt sich übrigens auch auf die sogenannten „Wirtschaftsflüchtlinge“: Auch von denen wollen wir ja, dass sie so werden wie wir. Durchschnitt nämlich, zufrieden mit dem, was Vater Staat für sie bereithält, seit Gott Vater die Bühne verlassen hat. Dass da Menschen kommen, die alles hinter sich lassen, um an einem anderen Ort das Unmögliche zu schaffen, ein Anderer zu werden, sich die Welt neu zu erobern, finden wir irgendwie unerhört. Und es erfüllt uns mit Neid, weil wir uns in irgendeinem Winkel unseres Bewusstseins daran erinnern, dass wir auch einmal so hätten werden können.