ALESSANDRO DI MEO / EPA

Mexiko-Besuch

Der Papst auf einer heiklen Mission

von Sandra Weiss / 14.02.2016

Papst Franziskus beginnt eine Reise an die sozialen Brennpunkte Mexikos. Das Volk erhofft sich Trost, die angeschlagene Elite fürchtet allzu klare Worte.

Mit einem eindringlichen Appell an die Elite des Landes hat Papst Franziskus seine heikle Mission in Mexiko begonnen. Nach einer überschwänglichen Begrüßung am Freitagabend durch die Bevölkerung in Mexiko-Stadt wurde er am Samstag früh im Präsidentenpalast von der politischen Elite des Landes empfangen. Präsident Enrique Peña Nieto, der durch Korruptionsskandale und Menschenrechtsverletzungen in der Kritik steht, begrüßte Franziskus als „Reformer“. Peña zog unmissverständlich eine klare Trennlinie zwischen den Aufgaben eines laizistischen Staates wie Mexiko und der Kirche. Aufgabe des Staates sei, der Bevölkerung Chancengleichheit und ein Mindestmaß an Wohlstand zu garantieren. Die Kirche sei lediglich für die Spiritualität zuständig.

Franziskus hingegen fand gleich in der ersten Rede klare Worte an die Herrschenden: „Die Erfahrung zeigt uns: Immer wenn wir nach einem Weg der Privilegien oder Vorteile für einige wenige zum Schaden des Wohls aller suchen, wird früher oder später das Leben in der Gesellschaft zu einem fruchtbaren Boden für Korruption, Drogenhandel, Ausschluss anderer Kulturen und für Gewalt, einschließlich Menschenhandel, Entführung und Tod.“ Die Gläubigen, die sich vom Papst Orientierung erhoffen, forderte er auf, statt einer Wegwerfkultur eine Zivilisation der Liebe zu errichten.

Im Gegensatz zu den Besuchen früherer Päpste reist Franziskus an die sozialen Brennpunkte des Landes – von der indigenen Hochburg San Cristóbal über die Grenzstadt Ciudad Juárez und die Hochburg des Drogenkriegs, Morelia. Für den mexikanischen Kirchenexperten Rubén Aguilar weist die Mexikoreise des Papstes über das Land hinaus. „Mexiko ist für den Papst der Brennpunkt der Krise unserer Zivilisation“, sagte der Ex-Jesuit. Diese Thematik werde sich wie ein roter Faden durch den Besuch ziehen.

Bereits im Vorfeld für Wirbel sorgten Gerüchte über eine heute Sonntag geplante Privataudienz mit Angehörigen von Opferverbänden. Dies verlautete aus gut unterrichteten Kreisen. Eine solche Begegnung dürfte der Elite bitter aufstoßen. In Mexikos Drogenkrieg starben seit 2007 rund 136.000 Personen, 26.000 verschwanden spurlos. Die Regierung tut sich schwer, die Opfer und Straftaten wie Verschwindenlassen überhaupt anzuerkennen, nicht zuletzt weil dies juristische Folgen auch vor internationalen Gerichten haben könnte. Laut der UNO sind Folter, Verschwindenlassen und außergerichtliche Hinrichtungen an der Tagesordnung. Verantwortlich seien nicht nur Drogenkartelle, sondern auch die staatlichen Sicherheitskräfte.

Auch innerkirchlich werden von Franziskus Weichenstellungen erwartet. In seinem Treffen mit den Bischöfen am Samstagnachmittag rief der Papst die Kirche zu Volksnähe und Transparenz auf. „Habt keine Angst vor Transparenz. Die Kirche muss nicht im Dunkeln arbeiten. Und lasst euch nicht von weltlichen Verlockungen den Blick vernebeln.“ Die überwiegend konservative Kirchenhierarchie steht in der Kritik, weil sie jahrelang schwere Missbrauchsfälle vertuscht hat. Volksnahe Priester und Bischöfe, die im Verdacht standen, der linken Befreiungstheologie nahezustehen, wurden ausgegrenzt. Experten sehen darin einen der Gründe für den Verlust von Gläubigen. Waren vor zwei Jahrzehnten noch 95 Prozent aller Mexikaner katholisch, sind es heute 82 Prozent. Einer der progressivsten Orden sind die Jesuiten, denen der Papst angehört. Sie hoffen auf Zuspruch.