Der Papst muss endlich handeln

von Stefan Reis Schweizer / 13.03.2015

Es ist notwendig, dass Papst Franziskus zeigt, dass er es ernst meint mit den Reformen in der katholischen Kirche – seine Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Ein Kommentar von NZZ-Redakteur Stefan Reis Schweizer.

In jüngster Zeit gab es manche irritierende Äußerung von Papst Franziskus zu hören. Einmal riet er den Katholiken, sich auch ohne Empfängnisverhütung nicht wie die Kaninchen zu vermehren, ein anderes Mal warnte er vor einer „Mexikanisierung“ Argentiniens. Dann gab er Erziehungstipps, die besonders in Europa und Nordamerika zu Recht mit Entrüstung aufgenommen wurden. Das Schlagen von Kindern sei in Ordnung, wenn dabei deren Würde geachtet werde, so ließ sich Franziskus vernehmen. Wenn er sich äußert, scheint der Pontifex, der nun zwei Jahre im Amt ist, jedenfalls nicht immer zuerst die Goldwaage und den päpstlichen Haustheologen im Sinn zu haben. Solche Aussagen, von den Medien dankbar aufgenommen, verdecken freilich manchmal auch den Blick auf wichtige Projekte, die Franziskus nun entscheidend vorantreiben muss.

Aufräumen bei den Finanzen

Der deutsche Kardinal Walter Kaspar, den der Papst offensichtlich sehr schätzt, sagte jüngst dazu, Franziskus wolle nicht Positionen besetzen, sondern Prozesse einleiten. Dazu bieten sich dem Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken, dessen Credo eine arme Kirche für die Armen ist, vielfältige Handlungsmöglichkeiten. Die Arbeit seines Vorgängers Benedikt XVI. setzte er bei der Neuordnung der wirtschaftlichen Verhältnisse des Heiligen Stuhls fort, künftig sollen Transparenz und die Einhaltung internationaler Standards das schon lange ins Zwielicht geratene finanzielle Gebaren des Vatikans bestimmen. Bereits vor einem Jahr gab Franziskus die Einrichtung eines Wirtschaftssekretariats bekannt. Als eine Art Finanzministerium soll diese zentrale Aufsichtsbehörde über alle Wirtschaftsangelegenheiten des Vatikans wachen.

Dieser Schritt ist Teil einer längst überfälligen Reform der Römer Kurie; der jahrhundertealte Verwaltungsapparat der katholischen Weltkirche soll endlich modernisiert werden, effizienter und transparenter werden. Zur Seite steht dem Papst dabei ein Kardinalsrat, dessen Mitglieder wohlweislich bis auf wenige Ausnahmen nicht direkt für die Kurie arbeiten, sondern Diözesen von Boston bis Mumbai leiten. Welchen komplexen und mit vielerlei Widerständen behafteten Prozess der Mann aus dem fernen Argentinien da angestoßen hat, machte die aufsehenerregende Weihnachtsansprache vor Kardinälen und leitenden Mitarbeitern der Kurie deutlich, in der er von „kurialen Krankheiten“ wie „existenzieller Schizophrenie“ oder „geistlichem Alzheimer“ sprach. Dabei war Franziskus nicht der erste Papst, der Machtgier, Geschwätzigkeit und Eitelkeit unter seinen engsten Mitarbeitern kritisierte, wahrscheinlich wird er auch nicht der letzte sein.

In Richtung Barmherzigkeit

Mit einem weiteren kirchlichen Dauerthema, das ungleich mehr Katholiken direkt betrifft, befasst sich der sogenannte synodale Prozess zu Ehe und Familie, der im Oktober fortgesetzt werden soll. An einem Bischofstreffen im vergangenen Herbst wurde mit nie gekannter Offenheit über Sexualität und Ehemoral diskutiert. Auch wenn Franziskus dort nur zuhörte, zeigte das Grundsatzreferat des besagten Kardinals Kaspar eine gewisse Richtung an. Dieser warf die Frage auf, ob es nicht Fälle geben könnte, Wiederverheiratete zur Kommunion zuzulassen. Weiter geht es um Themen wie Homosexualität, Trennung oder Ehen ohne Trauschein. Diskutiert wurde auch die Praxis mancher orthodoxer Kirchen, bei denen unter bestimmten Voraussetzungen die Segnung einer zweiten Ehe möglich ist. Nach der Synode in diesem Herbst sollen konkrete Leitlinien für eine zeitgemäße Seelsorge folgen.

Familiensynode wie Kurienreform stehen für zwei wichtige Projekte, die ihre Wirkung weit über das Pontifikat von Franziskus hinaus entfalten werden. Die Weichen dafür werden jetzt gestellt. Bei der Reform der Römer Kurie scheint der Widerstand beträchtlich, so mancher wird auf den nächsten Papst und dann auf eine andere Prioritätensetzung hoffen. Doch ihnen darf es der Papst nicht zu leicht machen, die Kurie muss nach Skandalen wie Vatileaks nach innen wie nach außen wieder Vertrauen gewinnen und wieder mehr Dienstleister für die Diözesen in aller Welt sein, was auch den Gläubigen zugutekommt. Bei der Synode zu Ehe und Familie wiederum gibt es viele Reformerwartungen, besonders im Westen. Die Antwort der Kirche auf ihre konkrete heutige Lebenswirklichkeit vermissen viele Katholiken immer noch schmerzlich. Franziskus muss zeigen, dass er es ernst meint, wenn er von Barmherzigkeit als „der stärksten Botschaft des Herrn“ spricht. Mehrfach hat der 78-Jährige angedeutet, er könnte dem Beispiel seines Vorgängers folgen und in wenigen Jahren zurücktreten. Der charismatische Jesuit sollte seinen Worten darum entsprechende Taten folgen lassen. So viel Aufbruch war selten wie momentan in der katholischen Kirche. An Franziskus liegt es jetzt, entscheidende Weichenstellungen vorzunehmen.