Der Philosoph als Therapeut?

von Yvonne Widler / 20.03.2015

Wer sich weder Therapeut noch Lebensberater anvertrauen möchte, findet vielleicht Hilfe beim Philosophen. Diese suchen nämlich vermehrt den Weg in die Praxis der Menschen. Und die Menschen wiederum besuchen die Praxen der Philosophen.

Da sitzt dieser junge, gut aussehende Mann auf der schwarzen Ledercouch und klagt sein Leid. Er hat einen tollen Job, aber einen vielleicht noch besseren in Aussicht. Er führt eine Beziehung mit einer Frau, mit der er eigentlich nicht mehr zusammensein möchte. Er weiß das, weil er eine andere kennengelernt hat. Für den neuen Job müsste er allerdings ins Ausland. Er weiß nicht, was er tun soll.

Eine 48-jährige Frau führt eine sehr laue Ehe. Die Kinder sind aus dem Haus, sie war die meiste Zeit bei ihnen zu Hause, obwohl sie einen akademischen Wirtschaftsabschluss hat. Sie besitzt zwei Häuser, die ihre Altersvorsorge sind. Ein weitaus jüngerer Mann hat sich nun in sie verliebt und will sie heiraten, sie will das auch. Ihre Freundinnen sind dagegen, die Kinder sind dagegen.

Welche Dinge sind diesen beiden Menschen wie viel wert? Wie sollen sie leben? Was ist denn nun das gute Leben? Eine Frage, die Philosophen von Beginn an beschäftigt. Um Antworten für sich zu finden, haben der Mann und die Frau eine philosophische Praxis aufgesucht. Das Redebedürfnis musste gestillt werden, und zwar im Gespräch mit einer Person, die ihnen nicht nahesteht, nicht befangen ist, eine gewisse Vernunft in sich trägt – und die kein Therapeut oder Psychologe ist.

Wie viele solcher philosophischen Praxen es in Österreich genau gibt, ist schwer zu sagen, da es sich um kein reglementiertes Gewerbe handelt. Jedenfalls sind alleine bei der Gesellschaft für angewandte Philosophie 25 Mitglieder registriert. „Im Prinzip könnte sich jeder ein entsprechendes Türschild montieren, es braucht keinen Gewerbeschein“, so der Philosoph Alfred Pfabigan, der selbst eine dieser Praxen in Wien betreibt. Daher sei es auch enorm wichtig, den geschützten Bereichen Psychotherapie oder Lebensberatung nicht auf die Füße zu treten und sich klar von ihnen abzugrenzen. Er lasse sich da von Juristen beraten.

Der Dachverband für gewerbliche Dienstleister und das Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft zeigen sich ratlos und überfragt: Sowohl was die tatsächliche Anzahl solcher Praxen betrifft als auch die konkrete Tätigkeit. „Ich sehe das sehr kritisch und würde raten, das Gewerbe des Lebens- und Sozialberaters anzumelden“, meint etwa Thomas Kirchner vom Dachverband für gewerbliche Dienstleister. Er habe keine Vorstellung davon, was da konkret geschehe, schließlich umfasse die Tätigkeit des Lebensberaters ja schon zahlreiche Themengebiete. „Das ist tatsächlich ein Graubereich“, so Kirchner. „Und da muss man Geld bezahlen?“, fragt man von Seiten des Ministeriums.

Was geschieht also konkret?

Während die Psychotherapie Heilung anstrebt, wolle der Philosophische Praktiker seine Klienten aufklären. Er stelle keine Diagnose, sondern führe ein freies Gespräch. Pfabigan spricht mit seinen Besuchern und macht sich gemeinsam mit ihnen Gedanken zu den aufgeworfenen Fragen. Und er stellt selbst viele Fragen.

Das Fragen habe natürliches etwas Manipulatives, aber es sei nicht der mühsame Versuch der Psychotherapie, aus der Interaktion agieren zu müssen. „Es ist wirklich ein großer Unterschied zu Therapien. Dort muss auch der Abschied gelungen sein, das ist ja das Gütesiegel einer guten Analyse. Das ist bei uns nicht so.“ Meist kommen die Menschen einfach nicht mehr und dann weiß Pfabigan, dass es ihnen wieder gut geht. „Ich hab manchmal den Eindruck, dass die Lösung des Problems schon da ist, die Menschen aber die Erlaubnis von mir bekommen wollen, eine bestimmte Entscheidung zu treffen.“ Der Unterschied zur Lebensberatung sei der philosophische Zugang zum Leben. Zudem bieten die philosophischen Praktiker beispielsweise Diskussionsabende für ihre Besucher an und helfen beim Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten zu philosophischen Themen.

Neurosen nicht vorhanden

Der philosophische Praktiker lässt seine Besucher erzählen. Während sie reden, versucht er herauszufinden, wo die Ungereimtheiten in den Geschichten liegen. „Es geht darum, auf diese Widersprüche im richtigen Augenblick hinzuweisen“, so Pfabigan. Die Bedeutungen von Personen, Dingen und Entscheidungen im Leben dieser Menschen sollen auf diese Weise fixiert werden. Durch Hinweise versucht der Philosoph, etwas zu bewegen. „Es ist ein multiples Unbehagen, das meine Klienten zu mir führt.“

Die Probleme kommen meist aus dem Alltag der Betroffenen. Es handle sich bei seinen Klienten um Personen, die schon sehr viel über diese Dinge nachgedacht haben und einen gewissen Bildungsgrad aufweisen. „Zu uns kommen Menschen in Veränderungssituationen, die weder ein juristisches Problem haben noch neurotisch sind. Darauf legen wir sehr viel Wert.“ Derzeit betreuen Pfabigan und seine Praxiskollegen insgesamt neun Klienten. Das Erstgespräch ist gratis.

Infos:

In der Philosophischen Praxis „Verrückt nach Sokrates“ findet demnächst ein Diskussionsabend zum Thema statt, die Frage des Abends: Was macht einen Philosophischen Praktiker aus?

Der Begriff „Philosophische Praxis“ wurde von dem Philosophen Gerd Achenbach geprägt. 1981 hat er in Bergisch-Gladbach die erste Philosophische Praxis weltweit eröffnet. 

Die erste akademische Ausbildung zur Philosophischen Praxis im deutschen Sprachraum startete übrigens im Oktober 2014 an der Universität Wien.