Alessandro Della Bella / Keystone

Mensch und Affe

Der Primat in uns

von Hans Widmer / 02.09.2016

Wir Menschen sehen uns nicht gerne als Tiere. Erfüllung finden wir jedoch nur, wenn wir uns mit unseren animalischen Antrieben anfreunden. Plädoyer für einen abtrünnigen Humanismus. Ein Essay von Hans WidmerHans Widmer ist Physiker und Autor u. a. von „Das Modell des konsequenten Humanismus – Erkenntnis als Basis für das Gelingen einer Gesellschaft“, erschienen bei Rüffer & Rub. .

Läsen wir „Der Affe in uns“ des Anthropologen Frans de Waal, ohne zu wissen, dass seine Geschichten von Affen handeln, kämen wir oft nicht drauf. Wir erkennen uns vielmehr selbst darin wieder. So sehr gemahnen ihre Kooperation, Fürsorge, Zuneigung, Anhänglichkeit, Eifersucht, Bosheit, Hinterlist, Traurigkeit an menschliches Verhalten.

Die wenigen Millionen Jahre seit der Abzweigung des Menschenstammes von jenem der andern Primaten haben für tiefgreifende genetische Veränderungen nicht ausgereicht. Und da in der Evolution alles auf dem Vorangegangenen gründet, erscheinen die im menschlichen Erbgut abgelegten Intuitionen als ein Mix der Instinkte von Schimpanse und Bonobo. Diese Intuitionen würden den Menschen für Leben und Zusammenleben in der Natur ohne zivilisatorische Erleichterungen vollauf genügen, wären da bloss nicht ihre Domestikationsverluste wie verlorene Behaarung, zurückgebildetes Gebiss, grosser Kopf, lang dauerndes Aufwachsen.

Doch sind Menschen eben nicht Affen, sondern aus Affen. Menschen sind das Produkt, das sich aus dem Rohmaterial „Affe“ selbst domestiziert hat. Sie sind ebenso radikal verschieden vom Affen, wie sich Michelangelos David vom Marmorblock unterscheidet, aus dem er gehauen wurde. Wie weit bringt es der Mensch über den Affen hinaus? Hatte der junge Goethe recht, als er im lärmenden, heruntergekommenen Venedig notierte: „[Das Volk] will sich ernähren, Kinder zeugen und die ernähren. Kein Mensch bringt es weiter.“?

Es braucht nicht drei Michelin-Sterne, um sich bewusst zu werden, dass all das Ausgesuchte, Verfeinerte, das man für Hunderte von Franken isst und trinkt, Kunsthandwerk hoch über Füttern ist. Doch damit man das Dargebotene auch wirklich geniesst, bedarf es einer Zutat, die einen vom Affen keineswegs abhebt: Appetit.

Familientisch, Weihnachtsgans, Galadiner mit launigen Tischreden und Château Pétrus: Das ist schon auch Füttern, doch im Grunde ist es Anlass fürs Zusammensein im Rudel, allenfalls dafür, vor einem Rudel zu glänzen. Etwa legen Weinkenntnisse Zeugnis von der Sinnenverfeinerung des oder der Sprechenden ab, und die Diskussion darüber kann derart in Beschlag nehmen, dass vergessen geht, was gegessen wird.

Das übergezogene Tierfell hat die Behaarung an Körper und Gliedern der Menschen verdrängt, und Bekleiden ist unabdingbar geworden. Wie Füttern steigt Bekleiden zur haute culture auf. Wenn beispielsweise eine Kundin von Dolce & Gabbana eigens von New York nach Portofino einfliegt, um als Erste die neuen Kreationen zu ergattern, und dabei ihren Konkurrentinnen kundtut, sie habe zehn Laufmeter D&G in ihren Schränken, die sie nie trage, avanciert Bekleiden vom Ersatz der ursprünglichen Behaarung zum Daseinsinhalt.

Architektur deckt das Urbedürfnis, das zuvor Höhlen deckten: Schutz im Rücken, freie Sicht nach vorn. Doch zielen ihre Leistungen weit darüber hinaus, machen Geschmack und Tüchtigkeit der Bauherrschaft unübersehbar. Schliesslich Fussball: Fussball hat sich vom Raufen junger Äffchen, das die Funktion hat, Jagdgeschick und Zeugungsprivileg zu fördern, zum Big Business emanzipiert – mit grossflächiger Beeinflussung nationaler Befindlichkeit. Welch Gebrüll selbst selbstkritischer Säulen der Gesellschaft, wenn deren Erzrivale mit 7 zu 1 unterlegen ist.

„Kinder zeugen“

Zum zweiten Punkt von Goethes venezianischem Notat sei daran erinnert, dass der Antrieb zum Nachwuchszeugen keine menschliche Erfindung ist. Auch kann kein Mensch seine geschlechtlichen Neigungen wählen. Sie oder er kann nicht einmal das Objekt wählen, auf das sich ihre bzw. seine Neigungen richten: Sie verlieben sich oder nicht. Wie werden daraus, um gleich ans Ende der kulturellen Fahnenstange zu klettern, Gedichte der Sappho, Salomons Hohelied oder Romeo und Julia?

Liebespoesie hat den existenziellen Zeugungstrieb zum Ursprung, oder sie ist warme Luft. Nur „wes das Herz voll ist, des fliesst der Mund über“ oder eben: mündet in Dichtung. Der das physische Überleben der Spezies sichernde Antrieb treibt nun das Individuum in den psychischen Überlebenskampf. Liebesromane erzählen von Verstrickungen, Seelennöten und Wertherschen Abgängen. Spitteler hätte nicht zur Feder für Imago gegriffen, und Berlioz hätte keine Note zu Nuits d’été geschrieben, wenn sie beide nicht über Verliebtheit gestrauchelt wären. Erfüllte Liebe dichtet nicht.

Die Nachwuchs anstrebende Verliebtheit trübt durch die Ausschüttung von Phenylethylamin den Verstand. Das darf jedoch nicht andauern und währt denn auch im Durchschnitt nur 18 Monate. Bleibt das Zeitfenster ungenutzt, droht die Gefahr, dass sich die eben Verliebten bloss noch anwidern, nämlich wenn das durch die Verstandestrübung ins Absolute gehobene Andere nur wieder das ist, was es immer schon war.

Lichtenbergs Eintrag in ein Sudelheft: „Schlanksein ist modern wegen des besseren Anschlusses beim Beischlaf“, weist auf ein in der Christenwelt lang unterdrücktes Kulturpotenzial hin. Ein Papst der jüngeren Vergangenheit wollte sogar den Liebesakt nur zum Zweck der Zeugung tolerieren, während asiatische Kulturen diesen seit Jahrtausenden als ein Kunstwerk des Aufeinandereingehens feiern, des gegenseitigen Bewusstwerdens jeder Faser physischer und psychischer Präsenz.

Liebe hat einen andern Zweck als Verliebtheit: die erfolgreiche Brutaufzucht. Manch widerborstiges Mannsbild, das eben noch nichts von Kindern wissen wollte, birst vor Zärtlichkeit, wenn es sein Neugeborenes erstmals in den Armen wiegt. Das löst nicht sein Verstand aus, sondern, wie Verliebtheit, Hormone, die allerdings auch nicht Ursache sind, sondern Verstärker des Instinkts zur Brutaufzucht. Wer Kinder hat, steckt eine Menge Energie hinein und erhält eine Menge Freude zurück: Welch ein Triumph, wenn der Achtjährige, mit vom Vater massierten Waden, im Ovo-Grand-Prix ohne Sturz ins Ziel kommt.

Doch kann, entgegen dem ursprünglichen Antrieb, auch ohne eigenen Nachwuchs problemlos reiche Liebe heranwachsen. Die Motivation zur Brutaufzucht ist auch das Substrat für „Liebe um ihrer selbst willen“, wie es poetisch heisst oder nüchtern bei Lichtenberg: „Liebe: ein Handel, wobei beide Parteien gewinnen.“ Ein Case in Point sind die an Alzheimer erkrankende Schriftstellerin Iris Murdoch und ihr Gatte John Bailey, der sie bis zu ihrem Tod, unbeirrt von ihrer zuvor blühenden Promiskuität, liebt und pflegt.

Maslows Studium von „Selbstverwirklichern“ ergab, dass diese den Partner als ein Geschenk ansehen, an dem sie wachsen können – vorausgesetzt, dass sie sich selbst genügen und den anderen nicht zur Kompensation eigener Mängel benutzen. Die Ehe kann sich zum Kunstwerk hoch über alle Notwendigkeiten des Fortbestandes der Art erheben, kann jubilieren wie Paarlauf an Olympischen Winterspielen – falls beide fleissig trainieren, therapeutisch gesprochen: falls beide an sich arbeiten.

Das ist nicht alles

Über allen arterhaltenden Anlässen und durch sie ermöglichten Lebensinhalten entfaltet sich die Persönlichkeit als „der letzter Zweck des Universums“, wie sich Wilhelm von Humboldt ausdrückte. Damit liegen nun drei Stufen vor:

■ der unbewusste Primat, der sich in den Intuitionen des Menschen niederschlägt

■ der bewusste Mensch, dessen Denkvermögen Leben und Zusammenleben erleichtert und die Lebensfreude der Spezies erhöht

■ die Persönlichkeit, die ihr Dasein durchgestaltet und mit Konfuzius „aus eigener Kraft Herr über sich selbst wird; sich nicht bewegt, sondern, wie der Polarstern vom All, umkreist wird“.

In dieser quintessenziellen dritten Stufe erhebt sich der Mensch weit über alles Ererbte, Intuitive. Das wird ermöglicht durch die Natur von Denken: Denken ist die von stereotypen Reflexen und Instinkten entkoppelte Datenverarbeitung im Gehirn. Der Erfolg von Denken liegt im Auffinden eines weit grösseren Universums von Antworten auf Bedürfnisse oder Bedrohungen, als es angeborene Reflexe und Instinkte bereithalten. Dazu zimmert es sich ein Bild der Welt, aus welchem Vermögen ihm Fragen über alles Sichtbare hinaus erwachsen und es zu Werken über alles Überlebensnotwendige hinaus motivieren.

Das Hohe dieser dritten Stufe wird um nichts vermindert dadurch, dass es aus den unteren Stufen emporwächst. Und man soll für jeden ursprünglichen Antrieb, jeden Wunsch, jedes Wagnis, in das man gerät, dankbar sein. Ein Leben ohne Sehnsüchte ist leer. Depression ist nicht Mangel an Erfüllung, sondern Mangel an Wunsch. Der das Leben radikal bejahende Nietzsche forderte denn auch: „Dass man den Menschen den Mut zu ihren Naturtrieben wiedergibt.“

Welcher Gott?

Hier rührt der Mensch an das, was er gerne, leicht pathetisch, „Transzendenz“ nennt. Doch heisst transzendent nur: „Übersteigt meinen Verstand.“ Wird jemand aufgefordert aufzuzählen, was er nicht verstehe, nennt er zuerst die Frage, warum überhaupt etwas sei und nicht nichts. Schon Sechsjährige fragen das. Die durch die Natur aller Erkenntnis bestimmte Antwort lautet trocken: Der Verstand kann dafür keinerlei Ursache ausmachen – und könnte er es, so müsste er sich fragen, was die Ursache der Ursache sei und so endlos fort.

Was als Wirklichkeit erscheint, ist da und ohne Begründung hinzunehmen. Dazu Konfuzius vor zweieinhalb Jahrtausenden: „Zu wissen, dass man nur die Hälfte wissen kann, ist Weisheit.“ Genetische Psychologie ergänzt, die Frage entspringe dem sich in den ersten Lebensmonaten im Kind entwickelnden Reflex, für alle Erscheinungen Ursachen zu suchen. Und Goethe kommentiert: „Der Mensch ist sich nicht bewusst, wie anthropomorphisch er denkt.“

Dann folgen Fragen nach Herkunft und Sinn von Leben, Selbst, Tod, Leben danach und so weiter. All dies kann heutzutage hinreichend lückenlos erklärt werden und übersteigt den Verstand keineswegs. Dem Pfad der Wissenschaft von der materiellen über die biologische zur kulturellen Evolution zu folgen, ist reine Lust, löst, wie aller Erkenntnisgewinn, Endorphinausschüttung aus.

Doch gibt es das Transzendente, das mehr anspricht als Unverstand. Jaspers nennt es das „Umgreifende“, andere nennen es „Gott“, der für Karl Barth „das absolut Transzendente“ ist. Kaum ein Philosoph, der es nicht umkreist, und weil es sich dem Verstand entzieht, bisweilen ein bisschen endlos. Was sie in Wirklichkeit umkreisen, ist das, was sie mit Gewissheit fühlen; und was sie fühlen, ist ihr Selbst. Es ist das Unverfügbare in ihrem Innersten, das nicht nur antreibt, sondern auch urteilt, das Moral, Liebe, Zuversicht, alle Stimmungen spendet, unbestechlich und unbedingt wahr ist.

Am ersten Tag eines Menschenlebens ist es noch reiner ererbter Instinkt, doch wächst es stetig, integriert Prägungen, zunehmend Folgen eigener Handlungen und wird zu dem, was fortan als „das Unbewusste“ unabwendbar ins Dasein wirkt. Damit bleibt „der Affe in uns“ die erste und die letzte Instanz, liefert Antrieb und Applaus. Hölderlin, der seine tierische Natur und zugleich seine Anlage zum Göttlichen messerscharf erkannte, die beiden aber nicht zusammenbrachte, hätte vielleicht der Zuruf gerettet: „Deine tierische Natur ist nicht der Widerspruch zum Göttlichen, sondern das Rohmaterial, aus dem du das Göttliche formst. Du!“