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Dr. Strangelove

Der Rambo im Mann

von Milosz Matuschek / 25.11.2015

Terroristen, Amokläufer und Gewalttäter sind meist Männer. Und nun?

Es ist ein nur allzu verständlicher Automatismus, dass nach jeder Katastrophe die Frage nach der Ursache die Runde macht: Wer oder was ist verantwortlich? Sehr oft bleibt das Roulette der Schuldzuweisung beim Mann stehen. Finanzkrise? Mit Lehman Sisters wäre das nicht passiert! Amoklauf? Frustrierte, computerspielsüchtige Männer. Terror? Sowieso männlich. Doch man macht es sich zu einfach, wenn man glaubt, aus groben Koordinaten wie Geschlecht, aber auch Migrationshintergrund und Banlieuewohnort ein Täterprofil zu erstellen. All das träfe übrigens auch auf den Autor dieser Zeilen zu.

Von den Irrungen und Wirrungen rund um Liebe, Partnerschaft und das moderne Geschlechterverhältnis, darüber schreibt Milosz Matuschek alias Dr. Strangelove in seiner Kolumne.

Das Geschlechtsraster ist zu grob

Auch nach den Anschlägen in Paris erlag so mancher Kommentator der Versuchung, die Ursache in der Zugehörigkeit zu einem Kollektiv zu sehen, und das nicht nur dem des Islam, sondern auch dem der Männer. Es mag stimmen, dass Gewaltdelikte häufiger von Männern als von Frauen begangen werden. Das wiederum heißt nicht, dass es keine Gewalt von Frauen gibt (in welcher Form auch immer); statistisch ist der Mann häufiger Opfer von Gewalt. Überhaupt funktioniert, wie so oft, weder die Unterteilung in ein gutes und ein böses Geschlecht, noch eine gegenseitige Aufrechnung. Vielmehr sind männliche und weibliche Aggression oft auf unheilvolle Weise verquickt. Sexuelle Frustration spielt bei vielen männlichen Amokläufern eine augenfällige Rolle. Amokläufer wie Breivik oder der Oklahomabomber McVeigh hassten Frauen entweder oder waren bei ihnen zumindest eklatant erfolglos.

Sexuelle Zurückweisung kann von diesen Männern als Form der Brutalität empfunden werden, ohne dass aus dieser Tatsache natürlich ein Freibrief für Aggression resultiert. Tatsächlich ist der westliche Partnermarkt alles andere als ein lustiges Herzblatt-Topf-Deckel-Spiel, sondern ein knallhartes Assessment-Center: Was hast du? Was bist du? It’s a match. Vielleicht. Wie hoch mögen wohl die Chancen eines schlaksigen Vorstadtfranzosen mit arabischem Vornamen stehen, mit einer Pariserin aus gutem Hause mal einen Kaffee trinken zu gehen?

Terror als Ventil für sexuelle Frustration

Wer beim Lebenslaufdating schlechte Karten, dafür jedoch ein schlichtes Gemüt besitzt, für den bietet der Terrorismus eine Form der Erlösung: endlich Zugang zu Frauen und nach dem Märtyrertod sogar zu noch mehr, eine überschaubare Freund-Feind-Ideologie und die Aufwertung durch eine Kalaschnikow in der Hand. Nicht wenige Frauen oder junge Mädchen fühlen sich übrigens von diesem zweifelhaften Heldentypus ebenfalls angezogen und schließen sich Terrorgruppen an. Es gibt wohl die männliche Aggression nicht ohne die weibliche Gegenseite, die derartiges Verhalten auf irgendeine Weise belohnt.

Aggressivität und Terrorismus sind wie Krankheiten: Sie befallen zuerst die Schwachen, die Ausdrucklosen, die scheinbar Alternativlosen. Das soll nicht als Umkehrung der Verantwortung verstanden werden. Jeder entscheidet selbst, ob er sich dem Terror anschließt oder nicht. Und doch muss sich jede Gesellschaft fragen lassen, welche Chancen sie frustrationsgeneigten jungen Menschen (nicht nur Männern!) eigentlich bietet. In bestimmten französischen oder belgischen Brennpunktvororten ist das nicht viel.

Aggression als Zeichen von Schwäche

Das Paradebeispiel für männliche Aggression ist übrigens immer noch „Rambo“; ein Name, der fast so generisch für Gewalt steht, wie Tempo für Taschentücher. Doch wer sich den ersten Teil der Filmserie mit Sylvester Stallone ansieht, erkennt keinen starken Machotypen, der wild um sich schießt, sondern einen gefallenen, vereinsamten, verlassenen Kriegsveteranen, für den es in der Gesellschaft keinen Platz mehr gibt. Er wird zum Landstreicher, der von der Polizei aufgegriffen und gequält wird, bis er sich schließlich wehrt. Wer sich bei „Rambo I – First Blood“ die Mühe des Bodycounts macht, wird überrascht sein. John Rambo tötet keinen einzigen seiner Widersacher. Der Parademacho hätte schlicht Hilfe gebraucht.