EPA/JEROME FAVRE

Der reproduzierbare Star

von Adrian Lobe / 12.05.2016

Künstlich reproduzierte Wesen konfrontieren unsere auf Prominenz versessene Gesellschaft mit neuen Fragen. Wem gehört das Recht am Bild des interaktiven Scarlett-Johansson-Doubles?

Fünfzehn Minuten Ruhm versprach der Künstler Andy Warhol einst allen Nachgeborenen. Heute kann jeder mit einem Tweet oder YouTube-Clip Berühmtheit erlangen – instantan. Wir leben im Zeitalter der interaktiven Stars. Fans folgen ihren Stars auf Twitter oder Facebook, schaffen dadurch den Popularitätskult und werden im besten Fall selbst zu Stars. Was also ist ein Star? Das ist jemand, der genügend Follower hat. Folgefrage: Muss er dann im digitalen Zeitalter weiterhin aus Fleisch und Blut bestehen?

Vor kurzem kreierte der Hongkonger Designer Ricky Ma mithilfe eines 3-D-Druckers einen Roboter namens Mark 1, der nach der Schauspielerin Scarlett Johansson modelliert ist. Der 50.000 Dollar teure Roboter sieht mit seinen sinnlichen Lippen und seinem wallenden Haar der echten Scarlett täuschend ähnlich. Auch die Stimme lässt sogleich an die Schauspielerin denken.

Mark 1 antwortet auf eine Reihe programmierter verbaler Befehle, die man in ein Mikrofon spricht. Gewiss, Gestik und Mimik sind noch etwas steif, aber Glamour hat der Roboter auf jeden Fall schon einmal. Die Frage, die sich dabei stellt, ist, ob er das darf, oder anders: ob Scarlett Johansson – sofern sie sich überhaupt für ihr Roboter-Ebenbild interessiert – das Dürfen gestatten muss. Hat sie ein Recht am eigenen Bild bzw. Roboter? Es gab in der Vergangenheit bereits gerichtliche Auseinandersetzungen darüber, ob beispielsweise die Sängerin Lindsay Lohan und Spieler der National Football League die Nutzung ihrer Gesichter in Videospielen bestimmen dürfen. In dem Computerspiel „GTA V“ tauchte ein Charakter namens „Lacey Jonas“ auf – eine Blondine im Bikini, die offensichtlich der blonden Lindsay nachempfunden wurde. Der New York Supreme Court wies die Klage jedoch ab, weil Lacey trotz Blondierung eine gewisse Beliebigkeit hatte und die Übereinstimmung angeblich nicht evident genug war.

Rechtliche Probleme

Es gehört zum Wesen von Berühmtheiten (auch wenn sie nur dafür berühmt sind, berühmt zu sein), dass sie Gegenstand öffentlicher Darstellungen sind. Fans generieren Emojis, cartoonhafte Abbilder der Stars. Journalisten schreiben Geschichten. Und Künstler kreieren Skulpturen oder malen Bilder. Machen Roboter da einen Unterschied? Prima facie sieht Mark 1 nicht anders aus als eine Figur im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud. Der Unterschied besteht darin, dass der Scarlett-Roboter sich bewegt und spricht und sich Gesten und Mimik des Stars zu eigen macht. Er ist mehr als eine statuarisch stumme Wachsfigur, es handelt sich um einen Akteur. Der Betrachter steht nicht mehr kontemplierend davor, sondern interagiert mit dem Artefakt.

Zahlreiche Studien belegen, dass Menschen Roboter als soziale Akteure wahrnehmen – sogar Soldaten pflegen, Empathie für Militärroboter zu entwickeln. Mit Mark 1 ist nun aber ein Wesen in die Welt gesetzt, das der echten Scarlett nicht nur verblüffend ähnlich sieht, sondern auch Gesten vollführt und Worte artikuliert, die ihr echtes Vorbild vielleicht gar nicht sehen will. Je realistischer der Roboter-Doppelgänger wird, desto mehr verschwimmt die Grenze zwischen Fakt und Fiktion – und desto unheimlicher kann der Roboter-Akteur der echten Schauspielerin werden.

Womöglich reicht das Recht am eigenen Bild gar nicht mehr aus, um die eigene Persönlichkeit in der medialen Öffentlichkeit zu schützen. Vielleicht muss man als Star auch seine Stimme, seinen Ausdruck und seine Gestik patentieren lassen. Gewiss erschaffen sich Berühmtheiten nicht selbst. Sie sind eine soziale Konstruktion, ein Produkt der Fans und auch der Zeit. Darum müssen sie Abstriche ihrer Persönlichkeitsrechte hinnehmen. Es gibt ein Interesse der Öffentlichkeit und auch die gestalterische Freiheit des Künstlers. Aber gänzlich öffentliche Figuren, die sich nach Belieben instrumentalisieren lassen, müssen Stars dennoch nicht sein. Sie bleiben Menschen mit urmenschlichen Bedürfnissen wie jenem nach Privatheit.

Die – bis dato von Gerichten noch ungeklärte – Frage ist nun in der Tat, ob sich das Persönlichkeitsrecht auch auf roboterisierte Doppelgänger erstreckt. Es wäre mithin zu klären, ob Mark 1 eine Kunstfigur ist, die das Verhalten von Scarlett Johansson persifliert. Oder ob es sich um ein Artefakt handelt, welches das Original so stark imitiert, dass man eher von einem veritablen Abziehbild sprechen müsste. Wie echt darf ein Roboter sein? Was wäre, wenn ein Roboterhersteller ganz legal das Gesicht von Scarlett Johansson lizenzierte und einen Roboter wie Mark 1 tausendfach reproduzierte und als persönlichen Assistenten einsetzte? Oder gar als Sexroboter?

Die große Vermenschlichung

Die Möglichkeit der totalen Reproduzierbarkeit führt zu ganz neuen Fragen nach der Identität und sozialen Konstruktion der Persönlichkeit. Ethiker fordern daher, dass der Roboternutzung Grenzen gezogen werden und man – auch umgekehrt – Robotern auch gewisse Rechte konzedieren müsse. Erste Überlegungen wurden bereits in den „Guidelines on Regulating Robotics“ im Rahmen des EU-Projekts „RoboLaw“ formuliert, das sich von 2012 bis 2014 mit den gesetzlichen Grundlagen zur Robotik befasste. Der Philosophieprofessor Eric Schwetzgebel von der University of California postulierte in einem Beitrag für das Online-Magazin „Aeon“, dass Menschen gegenüber Robotern ebenso sehr Pflichten hätten wie gegenüber den Mitmenschen. Dies umso mehr, da „eines Tages Roboter mit menschenähnlichen kognitiven und emotionalen Kapazitäten“ erschaffen werden dürften. Die Medientheoretikerin Kate Darling vom MIT Media Lab argumentiert derweil anders, aber mit ähnlicher Konsequenz, dass der Umgang mit Robotern viel über uns Menschen selbst aussage. Denn wenn wir sie unmenschlich behandeln, werden wir selbst unmenschlich. Also tun wir gut daran, sie wie Menschen zu behandeln.

Genau dies geschieht bereits im subjektiven Empfinden vieler Zeitgenossen, wie ein gegenwärtiges Beispiel zeigt. Im Sommer vergangenen Jahres setzten kanadische Forscher einen Roboter an der US-Ostküste aus, der per Anhalter quer durch die USA reisen sollte. Hitchbot, wie die infantile Konstruktion aus einem Eimer, Schwimmnudeln, Kinder-Gummistiefeln und einem Tablet-Computer hieß, war zuvor bereits erfolgreich durch Europa getrampt. Doch diesmal sollte das Vorhaben frühzeitig ein jähes Ende finden: Vandalen zerlegten den trampenden Roboter mutwillig in seine Einzelteile. Fotos zeigten den zerstückelten Roboter in einer dunklen Straße von Philadelphia, die Arme verstreut im Laub, der Rumpf daneben, der Kopf abgetrennt. Daraufhin brach im Netz ein Sturm der Entrüstung aus. „Wer hat Hitchbot getötet?“, fragten die Gazetten, als handelte es sich um einen zu Tode gekommenen Menschen.

Die Vermenschlichung der Rechenmaschine schreitet unaufhaltsam voran, so scheint es. Dies zeigt sich mittlerweile auch in der Rhetorik wissenschaftlicher Fragestellungen. Der Computerwissenschafter Laurel D. Riek und der Philosoph Don Howard konstatieren in ihrem Paper „A Code of Ethics for the Human-Robot Interaction Profession“, dass Erscheinungsbild und Verhalten der meisten Roboter ein eurozentrisches Design hätten. In Japan, wo die Entwicklung von Robotern so weit vorangeschritten ist wie in keinem anderen Land und erste Roboter-Concierges in Hotels zum Einsatz kommen, findet gerade eine Debatte über deren übermäßige Feminisierung statt.

Der lachende Dritte

Haben also nicht auch Roboter – wie Menschen – Anspruch auf 15 Minuten Ruhm? Es verwundert angesichts der neuen Entwicklungen jedenfalls kaum, dass Roboter gerne und erfolgreich Hollywood-Stereotype reproduzieren (Prädikate: grau, grobschlächtig, maskulin). Scarlett Johanssons Roboter-Doppelgänger zeichnet das Bild eines weiblichen, makellosen Stars. Nicht stereotyp, aber doch idealisiert. Für die betroffene Person muss es zweifellos komisch sein, sich mit dem Kunstwerk ihrer selbst konfrontiert zu sehen. Aufmerksamkeit bringt die Konstellation aber für das Original und das Double.

Bei all dem medialen Trubel um das roboterisierte Scarlett-Double ist gar nicht mehr klar, wer eigentlich der Star ist. Mark 1? Oder Scarlett Johansson? Am ehesten wohl der Produkte-Designer Ricky Ma. Er hat gleich doppelt gut lachen. Denn er hat Erfolg – und verfügt trotz erfolgreichen Auftritts weiterhin über das Privileg der Diskretion. Nicht alle Prominenten müssen heute ihre Berühmtheit mit Robotern teilen.