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Künstliche Intelligenz

Der Roboter und die Schönheitskönigin

Meinung / von Stefan Betschon / 20.09.2016

Roboter können nur als Betrachter des Betrachters das Schöne erkennen. Sie können mit Schönheitsköniginnen nichts anfangen.

Es war einmal eine Königin, die schaute in die Welt hinaus. Sie wünschte sich eine Tochter, weiss wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz. Eine andere Königin schaute in den Spiegel. Es war ein wunderbarer Spiegel, der Schönheit nicht nur spiegeln konnte, sondern auch erfassen und vermessen. Niemand konnte sich vor ihm verbergen, keine Schönheit blieb unentdeckt. Und so kam heraus, dass das schwarzhaarige Schneewittchen die Stiefmutter vor dem Spiegel an Schönheit weit übertraf.

Die Brüder Grimm waren nicht Volkskundler, sie waren Technik-Visionäre, ihre Geschichten sind nicht Märchen, sondern Science-Fiction-Berichte, nicht für Kinder, sondern für Ingenieure geschrieben. Was ist „Hänsel und Gretel“ anderes als eine Auseinandersetzung mit den Tücken der GPS-Navigation? In dem Märchen „Kristallkugel“ geht es um virtuelle Realität, mit dem „singenden Knochen“ ist ein Smartphone gemeint.

(Bild: imago stock&people )

Nach dem Weltkrieg waren die Grimmschen Geschichten verpönt. Es hiess, sie hätten die Menschen darauf vorbereitet, Grausamkeiten gegen Mitmenschen wenn nicht auszuüben, so doch zu dulden. In Deutschland wurde in der amerikanischen und britischen Besatzungszone die Verbreitung dieser Texte eingeschränkt. Die These, dass diese Märchen eine Schule der Grausamkeit seien, ist wohl nicht mehr haltbar. Es gibt gute Menschen, die als Kinder diese Märchen mit wohligem Schauer gerne gelesen haben, es gibt schlechte Menschen, denen diese Geschichten unbekannt sind.

Grimms Kinder- und Hausmärchen sollten weggesperrt werden. Sie erziehen die Menschen zu einem naiven Technikoptimismus, sie bringen ihnen bei, Wunder der Technik normal zu finden.

Trotzdem sollten Grimms Kinder- und Hausmärchen weggesperrt werden. Sie erziehen die Menschen zu einem naiven Technikoptimismus, sie bringen ihnen bei, Wunder der Technik normal zu finden. Wie funktioniert dieser Spiegel? Wie ist der Mechanismus beschaffen, der auf schwarze Haare und weisse Haut anspricht? Wie steht es um Stromversorgung, Kompatibilität, Datenschutz? Die Grimms schweigen. Und ihre Leser haben sich an dieses Schweigen gewöhnt, haben akzeptiert, dass Technikwunder einfach da sind, nicht erklärbar, nicht hinterfragbar.

Ende vergangenen Jahres hat eine Organisation, die sich Beauty.ai nennt, den ersten Schönheitswettbewerb angekündigt, bei dem Roboter die Kandidaten beurteilen. Vermutlich war der Schönheitswettbewerb als Marketing-Gag gedacht, um für Anti-Aging-Pharmaprodukte Interesse zu wecken. Es dauerte sehr lange, bis Gewinner bekanntgegeben wurden: Es sind ausnahmslos unbekannte, unauffällige, unattraktive Menschen. Interessant war an dem Unternehmen die Reaktion der Medien: Hunderte von Journalisten ereiferten sich im August über die Tatsache, dass unter den Gewinnern keine dunkelhäutigen Menschen zu finden waren. Die Computer seien rassistisch, wurde moniert. Niemand machte sich die Mühe, die Technik hinter dem Roboter-Schönheitswettbewerb zu hinterfragen.

Roboter können nur als Betrachter des Betrachters das Schöne erkennen. Sie können mit Schönheitsköniginnen nichts anfangen. Nur indem sie Menschen nachahmen, können sie Schönheit bewerten, nur wenn sie Gelegenheit erhalten, sehr viele Menschen beim Beurteilen von sehr vielen Porträtaufnahmen zu beobachten. Allerdings lassen sich die Maschinen leicht täuschen. Sie sind nicht verlässlich. Zwei Computerwissenschafter der Universität Berkeley haben kürzlich gezeigt, wie leicht ein gängiges Verfahren für die Gesichtserkennung ausgetrickst werden kann. Die Maschinen sehen dann Gesichter, wo Menschen nur abstrakte Muster erkennen können. Eine Steckdose scheint den Maschinen plötzlich schöner zu sein als die Nike von Samothrake.