Frank Sinatra Enterprises

Frank Sinatra

Der Schauspieler unter den Sängern

von Claus Lochbihler / 12.12.2015

Mit seiner samtenen und sonoren Stimme hat er die amerikanische Populärmusik geprägt wie kein anderer. Am 12. Dezember wäre Frank Sinatra 100 Jahre alt geworden. Der Kulturjournalist Claus Lochbihler über die große Kunst Sinatras.

Am Anfang von Frank Sinatras Kunst war stets das Wort. Wenn der Sänger sich mit einem neuen Song beschäftigte, sah er sich zuerst den Text an: „Ich nehme ein Blatt Papier, auf dem nur die Lyrics stehen“, verriet er dem Kasino-Mogul Steve Wynn. „Ich blicke darauf wie auf ein Gedicht.“ Und wie bei einem Gedicht versuchte er, den Songtext zu verstehen: den „point of view“ und die Gefühle dessen, der aus dem Song heraus spricht. Sinatra lernte jeden Song, indem er ihn zuerst deklamierte und dabei mit Wörtern, Sätzen und Akzenten experimentierte. Dann erst folgte das Singen – im Studio zunächst ohne Mikrofon, aber schon mit Orchester –, um das Gefühl hinter dem Song mit der Musik zu einer Einheit zu verbinden.

Sinatra war nicht nur Schauspieler, wenn er vor der Kamera stand. Er war auch Schauspieler, wenn er sang. Und zwar ein viel besserer als in jedem Film, in dem er auftrat – auch wenn er für eine Nebenrolle in Fred Zinnemanns „From Here to Eternity“ (1953) einen Oscar für die beste Nebenrolle gewann. Seine Capitol-Aufnahmen der fünfziger und frühen sechziger Jahre machen ihn zum unerreichten Schauspieler des „Great American Songbook“, das ganz überwiegend aus Songs besteht, die er zwar nicht geschrieben, aber so gut und oft so perfekt gesungen hat, dass sie durch ihn zu Standards wurden – Songs, bei denen man als Erstes nicht an den Komponisten, sondern eben an Sinatra denkt. Songs, deren kleine und große Dramen und Gefühlslagen Sinatra mit seiner Stimme in gesungene Kurzgeschichten verwandelte: von der alkoholisierten Verlassenheit in „One For My Baby And One More For The Road“ – seiner vielleicht besten schauspielerischen Leistung als Sänger – bis hin zur obsessiven Verliebtheit in Cole Porters „Night And Day“, dem Song, den Sinatra so oft wie keinen anderen gesungen hat.

Aber nicht nur Sinatras schauspielerischer Zugang beim Interpretieren von Songs hatte Methode, sondern auch alles andere, was ihn zum Star der amerikanischen Gesangskunst machte. Weil er so flüssig klingen wollte wie sein Big-Band-Chef Tommy Dorsey auf der Posaune, feilte er in den vierziger Jahren wie ein Besessener an seiner Phrasierung und seiner Atemtechnik: Er trainierte seine Lungen mit Tauch- und Schwimmübungen im Pool, er nahm Gesangsstunden und Sprechunterricht. Nur das Notenlesen lernte er nie.

Nicht weniger arbeitete Sinatra an seiner Mikrofon-Technik. Das Mikrofon war sein Instrument. Er sah sich als Sänger, der auf dem Mikrofon spielte wie Dorsey auf der Posaune. Das Mikrofon ermöglichte Sinatra, so leise und so intim zu singen, dass sich viele seiner Songs wie persönliche, nur an den Hörer gerichtete Geständnisse anhören.

In den vierziger Jahren sang Sinatra das, was Kerle gerne gesagt hätten und was Mädchen gerne hörten. Das machte ihn zum ersten Teenie-Idol, das die Popmusik hervorgebracht hat. Was im Film die Kamera ist, war für Sinatra das Mikrofon, das er auch als Requisit seiner Bühnenshow und des Flirts mit dem Publikum perfekt beherrschte.

Mithilfe des Mikrofons und seiner Phrasierung näherte Sinatra – ähnlich wie Billie Holiday – das Singen dem Sprechen an. Songtexte klangen nicht mehr steif und gereimt, sondern nach einer idealen Verbindung zweier Welten: der geformten Schönheit und Gewitztheit eines Cole-Porter-Verses und der Lässigkeit amerikanischer Umgangssprache. Und all das mit einer Verständlichkeit und Artikulation, deren Schönheit jemand einmal ganz treffend mit der Auslage eines Juweliers verglichen hat: Bei Sinatra sei jedes Wort wie ein Juwel auf schwarzen Samt gebettet.

Sinatra sang nicht nur gern. Für den Mann, der sich in einem Interview einmal als einen „18-karätigen Manisch-Depressiven“ mit einer Veranlagung zu übergroßer Freude und übergrosßer Traurigkeit bezeichnet hat, war Singen lebensnotwendig. Es war das beste Antidepressivum. Wenn Sinatra sang, war er mit sich im Reinen, was er im Leben oft nicht war. Wenn er sang, kanalisierte er Gefühle, die er im Leben oft nicht kontrollieren konnte. Wenn er sang, tat er das, was er im Leben angeblich nie getan hat: sich entschuldigen, Buße tun, Reue zeigen, ein besserer Mensch sein als Sinatra, dieser Womanizer, prügelnde Journalisten-Schreck, komplexbehaftete Egomane und Mafia-Freund.

Umso härter muss es ihn getroffen haben, als er Anfang der fünfziger Jahre nicht nur seinen Plattenvertrag, seine Radio-Shows, sein Publikum, seine Frau Ava Gardner, sondern – mitten auf der Bühne – auch plötzlich seine Stimme verlor. Angeblich sprach Sinatra vierzig Tage kein Wort mehr, dann war die Stimme wieder da. Und bald stellte sich auch wieder der Erfolg ein; die Karriere verlief nun steiler denn je. Mithilfe der Plattenfirma Capitol Records und des kongenialen Arrangeurs Nelson Riddle erfand sich Frank Sinatra neu: Als Torch- und Saloon-Sänger mitternächtlicher Balladen, die im Niemandsland zwischen Schlaf, Traum und Halluzination herumflirren („In The Wee Small Hours“). Als Sprachrohr und Deuter der wunden amerikanischen Männerpsyche in allen Schattierungen ihrer Midlife-Crisis. Als Erfinder des Themen- und Konzept-Albums. Als expressiver Crooner, der sich singend selbst therapiert – und Millionen von Hörern gleich mit.

Irgendwann allerdings bot auch die Musik nicht mehr den Trost von einst. Mit der Rock- und Pop-Revolution, die ihn – einst der Größte – an den Rand drängte, wusste Sinatra nichts anzufangen. Und wenn er es trotzdem mit Popsongs versuchte, passten Sänger und Song nicht wirklich zusammen. „Strangers In The Night“ oder „New York, New York“ wurden Hits, die den späten Sinatra charakterisieren, der nun auch den eigenen Mythos („My Way“) besingt – es waren aber Songs, die Sinatra bis an sein Lebensende hasste.

Die große Kunst Sinatras hat niemand so gut in Worte gefasst wie unlängst Ian Penman: Beim Singen habe Sinatra immer wieder von Neuem erforscht, wie Worte und Melodie miteinander verwoben seien – wie jemand, der ein Fabergé-Ei in seinen Händen halte, es aus jedem möglichen Winkel betrachte und stets neu in Position bringe, weil er wissen wolle, wie sich darin das Licht immer wieder anders spiegle.