Peter Strasser

Morgengrauen

Der Schleier ist unsere Schande

Gastkommentar / von Peter Strasser / 01.04.2016

Beim Frühstück die kulturelle Vielfalt, Tisch neben Tisch: das friedliche Miteinander von Menschen, die zwischen den aufgelegten Speisen hin und her eilen, mit dem Besteck klappern, über Teller und Schalen gebeugt Tagespläne erörtern; dazwischen Alleinsitzende, die via Handy emsig tun.

Solcherlei Treiben lässt den heiteren Blick in einen Nebenraum gleiten, wo die Männer mit ihren verschleierten Frauen sitzen. Ich werde die Verschleierten tagsüber in den Konsumtempeln der Stadt wieder treffen. Kreditkartenbewehrt gehen sie dann in kleinen Gruppen plaudernd shoppen, beginnend mit den schwerduftenden – „orientalischen“ – Parfüms, die von vifen Geschäftsleuten gleich zu ebener Erde, nahe dem Eingangsbereich, präsentiert werden (die luxuriöse Lingerie, ultimatives Einkaufsziel so mancher Schleierträgerin, ist in den oberen Stockwerken, fernab des offen Einsehbaren, ausgelegt).

Es ist meiner abendländischen Provinzialität geschuldet, dass mich, hier und jetzt, das Benehmen der abseits frühstückenden Männer, alles Geldleute, samt ihren Frauen als Unhöflichkeit berührt; ich glaube die Verachtung zu spüren, die vom Benehmen dieser Leute ausgeht: Während man die westliche Tischgesellschaft meidet, weiß man den Westen zu benützen, der vor dem Mammon schlau katzbuckelt. Resümee meines Morgengrauens: Dass der Schleier nicht fällt, ist unsere Schande, nicht die Schande jener, welche sich weigern, auf ihn – aus Höflichkeit vor den selbstachtungslosen Sitten des Gastlandes – zu verzichten.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.