Der Showmaster im Hörsaal

von Yvonne Widler / 04.06.2015

Er betritt den Raum und tobender Applaus bricht los. Unbeirrt von der Geräuschkulisse schreitet er in großen, selbstbewussten Schritten zum Rednerpult und legt auch sofort los. Wenn wir uns heute mit Gerechtigkeit beschäftigen, dann kommen wir an dem Moralphilosophen Michael Sandel nicht vorbei.

„This is a course about justice and we begin with a story.“ Die Worte aus seinem Mund klingen ernst und mitreißend. Innerhalb von Sekunden ist es still im Hörsaal und alle konzentrieren sich auf diesen Mann, der es als erster geschafft hat, über 10.000 Zuhörer in eine Vorlesung zu locken. Man nennt ihn den Rockstar der Philosophie: Michael Sandel. Sein Kurs ist sogar der meistbesuchte in der Geschichte der Harvard University. Mit seinen Vorträgen füllt der Professor ganze Stadien und über YouTube erreicht er ein Millionenpublikum, das über die ganze Welt verstreut ist. Er beginnt immer mit einer kleinen Geschichte, die mit einer moralischen Frage an die Zuhörer endet.

Suppose you’re the driver of a trolley car, and your trolley car is hurdling down the track at sixty miles an hour and at the end of the track you notice five workers working on the track. You try to stop but you can’t. Your brakes don’t work, you feel desperate because you know that if you crash into these five workers they will all die. Let’s assume you know that for sure. And so you feel helpless until you notice that there is off to the right a side track at the end of that track. There’s one worker working on the track, your steering wheel works so you can turn the trolley car if you want to onto this side track, killing the one but sparing the five. Here’s our first question: What’s the right thing to do?

Der etwas andere Philosoph

Sprechen wir heute über das Thema Gerechtigkeit, dann kommt man an Michael Sandel nicht vorbei. Doch was macht Sandel anders? Warum ist er so beliebt? Er konfrontiert sein Publikum stets mit moralischen Dilemmata. Geschichten aus dem Alltag, die wir alle kennen oder Probleme mit denen sich die Gesellschaft beschäftigen muss. Wie werden wir  der massiven Anzahl von Flüchtlingen aus Krisenländern gerecht, die sich in Europa ein besseres Leben erhoffen? Darf man bei der Vergabe von Studienplätzen diskriminieren? Sollen Bewerber aus bildungsfernen Schichten bevorzugt aufgenommen werden? Ist Leihmutterschaft eine Handelsware?

Unterbrechung erwünscht

Sandel wirkt im Hörsaal wie ein Showmaster. Aber wie einer, der sein Handwerk versteht. Da sind sich auch viele Philosophen-Kollegen eher einig, als neidisch zu sein. Es heißt er wäre einer der einflussreichsten seiner Profession in der heutigen Zeit. Es gebe zwar wenig Neues in seinen Ausführungen, aber er sei ein Virtuose in der Wissensvermittlung – eben durch die anschauliche Darstellung, ohne Skript, ohne Notizzettel. Das Publikum wird stets unterhaltsam angesprochen und bleibt aktiv. Genau das ist allerdings für manche der Auslöser für negative Kritik an Sandel. Dass die Zuhörer so viel zu Wort kommen, heiße noch lange nicht, dass sich Konsens ergibt. Teilweise würde das Diskussionsniveau dadurch sogar gesenkt, weil sich die Studenten gerne selbst inszenieren würden in der Mega-Vorlesung.

Doch machen Sie sich selbst ein Bild

Lese-Tipp: In seinem auch auf Deutsch erschienenen Buch „Gerechtigkeit“ stellt Michael Sandel alltägliche Moralvorstellungen infrage.