Morgengrauen

Der Sinn des Lebens, neu zusammengefasst

Gastkommentar / von Peter Strasser / 29.08.2016

Ich bin ein Morgenleser. Aber kein Zeitungsmorgenleser. Morgens brauche ich ein Buch, das mir Zuversicht gibt für den aufdämmernden Tag. Bloß keine News! Obwohl ich’s nicht will, äuge ich ab und zu über den Tisch, zu meiner Frau hin, die gerade in der Zeitung stöbert. Ja, sie stöbert in der Zeitung wie in einem Geschenkeladen, aus dem man sich die Schnäppchen des Tages herausklauben kann. Und kann man es denn nicht?

Ehrlich gesagt, ich bin ein wenig neidisch. Ist denn die Welt, dargeboten auf raschelndem, nach Druckerschwärze riechendem Papier (bloß keine geruchslose Elektronik in aller Herrgottsfrühe!) – ist, so frage ich mich jetzt, da mir mein Morgenbuch vorkommt, als hätte ich es bereits zu Tode gelesen, die morgenbunte Zeitungswelt nicht eben dies: ein Schnäppchenladen, aus dem uns immer wieder quirlige Existenzdesaster, brandneue Skandale und extrafrische Katastrophen, vor denen wir beim Frühstückstisch glücklich verschont bleiben, entgegenpurzeln?

Ich reiche das Buch, das mir nichts zu sagen hat, was mir nicht tausend andere Bücher schon gesagt hätten, über den Tisch und frage meine Frau: „Tauschen wir?“ Woraufhin meine Frau den Titel des ihr angetragenen Druckwerks taxiert – Der Sinn des Lebens, neu zusammengefasst –, bloß, um zu erwidern: „Kenn ich schon.“ Darauf ich: „Das Buch?“ Darauf sie: „Den Sinn des Lebens.“

Das reicht mir, das Buch ist erledigt. Ich gehe und hole die Zeitung von vorgestern. Bloß keine News am Morgen!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).