Morgengrauen

Der Sisyphos des Geschirrspülers

Gastkommentar / von Peter Strasser / 19.08.2016

Wir neigen dazu, den großen griechischen Mythos auf Seufzer herabzuwürdigen, die en passant die kleinen Beschwernisse und Ödlagen unseres Wohllebens begleiten. Entweder ich räume abends, vorm Schlafengehen, den Geschirrspüler noch aus und ein, oder ich räume den Geschirrspüler morgens aus und ein. Aus- und eingeräumt muss jedenfalls werden! Das hört nie auf, solange das Gerät hält, und wenn es endlich – wie man gedankenlos sagt – „den Geist aufgibt“, dann wird es schnellstens durch ein neues ersetzt, und die Plackerei geht von vorne los.

Heute Morgen – als es wieder einmal so weit ist – Ausräumen-Einräumen –, bin ich, in mich hineinseufzend, gleich mit dem Mythos vom Sisyphos zur Hand. Und dann fällt mir auch noch der an den Berg gekettete Prometheus ein, der, weil er den Menschen das Feuer brachte (was auf mich in keiner wie auch immer gearteten Weise zutrifft), die Qual eines Adlers erdulden muss, der ihm die Leber wegfrisst, bloß, damit diese ihm nachwachse und die Qual nicht ende. Es ist eine Schande, eine unverzeihliche Abflachung unserer kulturellen Tiefe, was unsere kollektive Gedankenlosigkeit aus dem menschheitsbewegenden Bildern des tragischen Geistes der Antike alles gemacht hat.

Und dabei bin ich aber ganz froh, dass ich nicht endlos einen Felsbrocken den Berg hinaufrollen oder mir ein Stück Leber herausfressen lassen muss. Mein Morgen mag daher flach sein, meine Seele hingegen ist – ich gesteh’s – beim Einfüllen des Glanzspülers recht heiter.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).