Morgengrauen

Der Solidaritätsolympionike

Gastkommentar / von Peter Strasser / 19.11.2015

Draußen, im Stiegenhaus, steht einer reglos und schweigt. Es ist mein Nachbar.

Als ich die Morgenzeitungen hereinhole, sage ich „Guten Morgen!“. Ich werde keine Antwort erhalten. Vor Tagen schon hat er, noch bevor ganz Europa eine Schweigeminute wegen der Opfer des jüngsten Terroranschlags abhalten konnte, durch einen Zettel auf der Eingangstüre unseres Hauses – „An die Mittrauernden!“ – bekanntgegeben, dass er eine Schweigedemonstration abhalten werde, vor seiner eigenen Wohnung, denn jeden könne es überall treffen.

Da steht er also nun, mein Nachbar, im Morgendunkel. Was soll ich tun? Ja, jawohl, scheint mir seine Geste zu bedeuten, ich solle mich neben ihn hinstellen, „aus Solidarität“. Er will mich, das ganze Haus – im Grunde die ganze Welt – verpflichten, mit ihm zu trauern. Gleichzeitig ist es sein unbeugsamer Stolz, als ein einsam Hochaufgereckter dazustehen, nichts und niemandem weichend, als ein Einziger gegen die Solidaritätsschwäche aller anderen …

Was soll ich tun? Ich richte ihm auf einem Tablett ein kräftigendes Frühstück, das er, vor ihm duftend, nicht zu sich nimmt. Er lässt es, „aus Solidarität mit den Opfern“, kalt werden. Sein Mitgefühl ist Mitgefühlsehrgeiz. Und dabei ist er blind geworden für jede kleine Geste des Mitgefühls, zum Beispiel meine Frühstücksgabe.

Er ist mir zuwider, während mich eine menschliche Regung davor bewahrt, ihn, den Solidaritätsolympioniken, aus Solidaritätsschwäche zu ignorieren.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.