Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Der Spatz der Minerva

Gastkommentar / von Peter Strasser / 13.02.2016

Laut Hegel soll ja die Eule der Minerva erst in der Dunkelheit zu fliegen beginnen. Daran muss ich heute Morgen denken, als ich aus dem Haus gehe, um einen kleinen Spaziergang zu machen.

Ich bin Hegel dankbar für seine – wie soll ich sagen? – Seniorenperspektive der Philosophie. Philosophie ist etwas für alte Männer. Sie ist eine Grau-in-Grau-Disziplin, bestens geeignet für den Zustand des alten Kopfes, der sich überhaupt erst in der Dämmerung, kurz vorm Einnicken im Fernsehsessel, entschließen kann, einen müden Gedanken über das Gewesene zu fassen.

Es wird ja naturgemäß nichts besser! Ergo: Es wird wohl niemand von mir verlangen, schon morgens, da noch gar nichts so richtig gewesen ist, einen philosophischen Gedanken zu fassen, nicht wahr? So schreite ich also, Hegel sei Dank, ohne den geringsten philosophischen Gedanken aus, als ich plötzlich vor dem übermannsgroßen Busch stehe, den ich bei mir „Spatzenbusch“ nenne. Darin dämmert nicht die Eule der Minerva vor sich hin, sondern es herrscht ein Mordsgetümmel samt dem dazugehörigen munteren Morgengetschilpe, das sofort verstummt, als ich mich nähere.

Weil der Busch jetzt, im Winter, keine Blätter trägt, sehe ich das Rudel der Spatzen, die sich hinter dem Nichtblätterzustand des Strauches glattweg für unsichtbar halten. Bitte, mir soll’s recht sein, und jetzt kommt mir auch ein hellwacher philosophischer Gedanke, der dem alten Hegel gewiss nicht gefallen hätte:

Wäre die Eule der Minerva doch bloß ein Spatz gewesen!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.