Gastkommentar

Der tabuisierte Tod

von Christiane Druml / 08.11.2015

Ein Gastkommentar von Christiane DrumlChristiane Druml ist Vorsitzende der Bioethikkommission beim österreichischen Bundeskanzleramt.  über die Institutionalisierung des Todes.

Der Tod ist nach wie vor – abgesehen von der Zeit der kirchlichen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen – in unserer Gesellschaft ein Tabuthema. Wir sind unser ganzes Leben vom Tod berührt. Aber man blendet ihn aus, man verdrängt ihn. Wir verstehen das Lebensende hauptsächlich als medizinisches Problem. Der Tod wird als „Unfall“, als Versagen der Medizin angesehen.

Das Thema Lebensende zieht sich wie ein roter Faden durch die Diskussionen der österreichischen Bioethikkommission. 2011 haben wir einstimmig ein Dokument zur Terminologie medizinischer Entscheidungen am Lebensende verabschiedet. Folgendes Zitat aus diesem Dokument ist bezeichnend für das Dilemma der heutigen Medizin: „Die Gratwanderung zwischen Lebensverlängerung und Sterbensverlängerung reflektiert den immerwährenden Konflikt zwischen medizinischer Machbarkeit und realem Nutzen für den Betroffenen. Die Angst zu versagen und die Sorge um rechtliche Konsequenzen spielen in der Entscheidungsfindung des medizinischen Personals eine nicht unerhebliche Rolle, wenn die bewährten Muster evidenzbasierter Medizin nicht mehr genügend Anhaltspunkte bieten.“

Wenn man die Menschen fragt, wünschen sich die meisten, schmerzfrei, im Kreise ihrer Lieben zu Hause zu sterben. 70 Prozent der Todesfälle ereignen sich jedoch in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, nicht zu Hause. Das Sterben ist institutionalisiert und medikalisiert. Es ist mit Ängsten besetzt, bei Betroffenen, Sterbenden – aber auch bei Ärzten und Betreuern. Im Sterbeprozess kollidieren oft ärztliche Moralvorstellungen, ökonomische Zwänge und Vorgaben sowie pharmakologische Verheißungen mit dem Wunsch des Sterbenden und seiner Angehörigen.

Im Frühjahr dieses Jahres hat die Kommission eine Stellungnahme zu „Sterben in Würde – Empfehlungen zur Begleitung und Betreuung von Menschen am Lebensende und zu damit verbundenen Fragestellungen“ verabschiedet. Der Begriff „Sterben in Würde“ lässt Raum für Interpretationen offen. Jeder von uns versteht darunter etwas anderes. Und dies nicht nur aufgrund der persönlichen Weltanschauung und Kultur, sondern auch der individuellen Erlebnisse. Wir sind geprägt von unserer Familie und unseren Erfahrungen.

Eine der wichtigsten einhelligen Empfehlungen in diesem unter anderen auch Palliativmedizin, Hospizwesen, Patientenverfügung ansprechenden Dokument ist jene zur Vermeidung von unverhältnismäßigen medizinischen Interventionen. Mit der Forderung nach größerer Rechtssicherheit in diesem Bereich soll sichergestellt werden, dass medizinische Interventionen, die nicht mehr indiziert sind, die ohne Nutzen oder mit einer höheren Belastung als dem eventuellen Nutzen für Patienten am Lebensende stehen, vermieden werden. Eine neue Studie aus den USA zeigt Erstaunliches auf: Ärzte würden für sich selbst auf aggressive Therapien am Lebensende verzichten, verfahren aber mit den Patienten anders, als sie es für sich anstreben. Eine nicht mehr begründbare Therapie ist jedoch ethisch nicht vertretbar und kann eine Körperverletzung darstellen, sofern dadurch irreversible Abläufe nur verlängert werden. Diesem Kernstück unseres Dokuments wurde aber nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt, da sich die öffentliche Debatte auf die Ausführungen zur Thematik des assistierten Suizids konzentriert hat, der in Österreich mit einem Rahmen von bis zu fünf Jahren Haft strafbar ist.

Die Bioethikkommission kommt hier mehrheitlich zur Meinung, dass die Weite der österreichischen Regelung zur „Mitwirkung am Selbstmord“ § 78 Strafgesetzbuch (StGB), die als gleichwertige Begehungsformen das Verleiten zum Suizid sowie die Hilfeleistung beim Suizid durch Tun und Unterlassen für strafbar erklärt, überdacht werden sollte. Dadurch soll vermieden werden, dass Angehörige, nahestehende Personen und Ärzte kriminalisiert werden, die aus Loyalität oder Mitleid gegenüber der suizidwilligen Person – trotz aller Gewissenskonflikte – eine Unterstützung (Beihilfe) leisten. Die Verleitung zum Suizid sollte jedoch weiter unter Strafe stehen, um zu gewährleisten, dass vulnerable Menschen keinem Druck ausgesetzt werden können. Das Prinzip der Suizidprävention für schwerkranke Menschen soll jedenfalls betont werden. Nicht zuletzt unter diesem Aspekt kommt der Palliativmedizin eine entscheidende Bedeutung zu.

Einige Mitglieder der Kommission sehen bei Angehörigen oder betreuenden Ärzten der suizidwilligen Person ebenfalls die Möglichkeit, dass es durch den Suizidwunsch zu gravierenden Gewissenskonflikten kommen kann, und empfehlen, dass eine solche Gewissensnot in der ethischen und rechtlichen Urteilsbildung in Fällen von Suizidbeihilfe bei Angehörigen und bei Ärzten zu berücksichtigen sei, sehen allerdings keine Notwendigkeit zur Änderung des Strafgesetzbuches. Sie empfehlen, dass seitens des Justizministeriums bindende Richtlinien für die Strafverfolgungsbehörden entwickelt werden, in denen eine ethisch fundierte Prüfung konkreter Vorwürfe von Suizidbeihilfe vorgegeben wird.

Gerade wir nationalen Ethikräte haben eine besondere Verantwortung, das Thema Lebensende interdisziplinär und öffentlich und immer mit der gebotenen Sensibilität voranzutragen.