Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Der tägliche Weltuntergang

Gastkommentar / von Peter Strasser / 26.06.2016

„Heute war ein grauenhafter Tag“, erzählte mir meine Bekannte gestern – ein Tag, an dem es ihr am liebsten gewesen wäre, „niemanden mehr zu sehen“. Am liebsten wäre ihr gewesen, die ganze Welt wäre verschwunden. Zack! Vollständige Auslöschung all dessen, was ihren Tag grauenhaft gemacht hatte, also zur Vorsicht die Auslöschung von allem und jedem. Zack und zack!

Woraufhin sie mich eine geschlagene Stunde lang damit unterhielt, wer ihren Weltuntergang dennoch hätte überleben dürfen, nämlich ihre vier bis fünf Kinder, ihre sechs bis zehn besten Freundinnen, ihre zwei liebsten Ex-Ehemänner (sie ist der typische Patchworkfamilienmensch) sowie ein Dutzend näherer und fernerer Verwandter.

Als mir diese Weltuntergangsgeschichte morgens durch den Kopf geht, befällt mich eine gewisse Besorgnis. Ich schicke meiner Bekannten also eine Morgen-SMS: „Wie geht’s Dir?“, mit einem angehängten Smiley zum allfälligen Trost. Und was schreibt sie mir postwendend zurück: „Supi (!), warum?“

Trost ist das aber irgendwie auch keiner, der stellt sich bei mir erst ein, als ich meine Orchideen betrachte, die gerade ihr Bestes tun, um zu einer prachtvollen Sommerblüte anzusetzen, während von der gegenüberliegenden Straßenseite das Gebimmel der dort im Morgenverkehr unbeachtet emporragenden Klosterkirche durchs geschlossene Fenster zu mir herübertönt.

Da kommt mir ein typisch philosophischer Gedanke: Solange die Welt täglich bei irgendwem untergeht, geht sie nirgendwo unter.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).