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Fussball

Der Torhüter: Der einsamste Mensch auf dem Feld

von Albert Ostermaier / 29.06.2016

Der Schriftsteller Albert OstermaierDer Schriftsteller Albert Ostermaier lebt in München. 2015 erschien bei Suhrkamp sein Roman „Lenz im Libanon“. stand lange selber im Tor. Er weiß, wovon er spricht, wenn er über die Einsamkeit des Torwarts schreibt, über Glück und Verderben auf der Torlinie.

Man muss sich den Torwart als glücklichen Menschen vorstellen. Ein Sisyphos mit Fanghandschuhen, der die Kugel, die auf ihn zurast, nicht festhalten, aber im Extremfall zur Sonne fausten kann – oder zumindest um den Pfosten drehen.

Aber, der Arme, so weit er sie auch schlägt, faustet, wirft: Die Kugel kommt immer zurück und naturgemäß gerade immer von dort, von wo man sie nicht erwarten konnte. Doch ein guter Schlussmann muss ein Auge für das Unvorhergesehene haben. Er ist das Auge im Sturm, er kann sogar – wie Jupp Heynckes über Manuel Neuer sagte – mit bösen Blicken das dressierte Leder über die Latte lenken. Oder, wie der „Standard“ gerade über den österreichischen Torwart Almer im Elfmeterduell gegen Ronaldo schrieb, den Ball „schnurgerade an die Stange mentalisieren“.

Der Torwart ist eine mythische Größe und von mythischer Größe, er ist, scheint es, nicht von dieser Welt und lebt in seinem Zwischenreich, das ein Strafraum ist. Er ist von einer kafkaesken Schuld besessen, die er abbüssen muss, ohne zu wissen, was er sich hat zu Schulden kommen lassen. Trägt er die Schuld an einem spielentscheidenden Gegentreffer, bleibt sie eingebrannt und unvergessen. Die Fehler der Stürmer dagegen sind schon beim nächsten Angriff vergessen. Nur der Torwart hat für seine Fehler ein eigenes Wort, das ihn stigmatisiert: Torwartfehler.

Der personifizierte Schrecken

Neben den Linksaußen, die es so nicht mehr gibt, gilt er als verrückt. „Ich habe seit meinem 15. Lebensjahr im Tor gestanden“, sinnierte Sepp Maier, „mich öfter als eine halbe Million Mal in den Dreck geworfen. Lässt das Rückschlüsse auf meinen Geisteszustand zu?“ Nicht nur, dass er sich auf den Boden und in Schüsse wirft, die Stollen des Stürmers vor dem Gesicht, die Schienbeine vor der Brust. Die Psychologie des Torwarts ist vielmehr eine gefährdete, der ewige mentale Ausnahmezustand. Er muss seine Reflexe wider alle Natur abrufen, er muss zwischen Beine und Tritte springen, mit seinen Händen zwischen auf ihn zufliegende Stirnen greifen, immer dort sein, wo es weh tut.

Er soll der personifizierte Schrecken sein, medusenlockig, soll mit dampfenden Nüstern und Minotaurusmiene den Gegner auf seine Hornhände nehmen, aber zugleich, wenn keine Gefahr droht, die Ruhe selbst sein, wie es wieder einmal der Maier Sepp auf den treffendsten Punkt brachte: „Ein Torhüter muss Ruhe ausstrahlen. Er muss aber aufpassen, dass er dabei nicht einschläft.“

Die Bewusstseinszustände des Torwarts schwanken zwischen Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Das Spiel ohne Ball bedeutet für den Torwart die schwerste Geduldsprobe. Er kämpft gegen ein Phantom, streckt sich in Gedanken, visualisiert à la Oliver Kahn alle nur erdenklichen Situationen, mobilisiert all seine musilschen Möglichkeitssinne. Er liest Gedanken und liest im Spiel, was kommen mag. Die großen Torwarte wie Buffon und Petr Cech können deshalb noch im Alter so herausragend spielen, weil sie die Bälle antizipieren und schon dort stehen, wenn die Stürmer noch gar nicht wissen, dass sie dorthin schießen werden. Torwarte sind Seher. Sie müssen schon vor dem Schuss springen, ihre Sprunggelenke haben unsichtbare Pupillen und können in die Zukunft blicken.

Doch es kommt noch viel schlimmer, denn der Torwart ist zwangsläufig schizoid und in eine perverse Konstellation geworfen: Er hofft inständig, dass der Gegner vor sein Tor kommt, damit er sich beweisen kann. Auf der einen Seite verhindert er durch sein Dirigat der Abwehr gefährliche Situationen, auf der anderen Seite sehnt er genau das herbei, was er zu verhindern sucht: den Angriff des Stürmers, die Chance, sich mit einer Parade auszuzeichnen. Je bedrohlicher der Spielzug, desto besser, und am allerbesten eins gegen eins. Torwarte lieben Western, für einen Torwart ist immer High Noon, und der Ball pfeift in der Luft das Lied vom Tod.

Der Torwart lässt sich von keiner Gefahr erschrecken oder abschrecken: Ein Torwart kennt keine Angst, er macht sie. Er kennt höchstens eine Furcht, und das ist jene vor haltbaren Schüssen, den Rollern, den Bällen, die nicht richtig getroffen werden, den Bällen aufs kurze Eck, das Torwarteck, den Bällen, die sich bei der Ecke vor die Sonne schieben und dann senken, den Bällen, die durch die Finger rutschen. Die besten Torwarte bekommen die absurdesten Tore, siehe Oliver Kahn. Er kennt das Absurde und weiß, wie absurd ein Spiel sein kann.

Eigentlich ist jeder Torwart per se eine Beckettsche Figur. Er wartet in der Tonne, in die er getreten wird, auf glückliche Tage ohne Gegentore. Das wahre Spiel spielt sich für den Torwart im Kopf ab, in der Einsamkeit auf der Torlinie, seiner Demarkationslinie, dem Trennstrich zwischen Himmel und Hölle: Ein Schlussmann darf nie zurückschauen. Er hat einen Sperrmuskel im Nacken. Wenn er zurückblickt, wird er zu Orpheus, und alles, alles ist verloren, sobald hinter ihm der Ball im Netz liegt.

Ein Torwart nimmt grundsätzlich alles persönlich, am meisten aber Tore. Charly Elsener, die Schweizer Torwartlegende, wurde bei der WM 1962 in Chile als bester Torwart ausgezeichnet, obwohl er acht Gegentreffer bekommen hatte und sein Team nach drei Niederlagen in der Vorrunde ausgeschieden war. „Ich habe wirklich alles gehalten, was möglich war“, beteuerte er, und er wird keinen Gegentreffer vergessen können und hat sich sicher nicht wirklich über den Titel freuen können. Doch er hatte ein ballgroßes Herz, denn er löste sogar Overaths Muskelkrämpfe. Vor Oliver Kahn wäre kein Spieler liegen geblieben.

Der Torwart ist nur bedingt ein soziales Wesen. In seiner Einsamkeit ist er vielmehr ein Existenzialist, der vom Doppelpass träumt und davon, alle Linien zu überschreiten und seine Identität zu wechseln für den Augenblick. Torwarte wollen Tore schießen. Dafür müssen sie alle Grenzen und Räume überwinden. Keiner, der nicht ein Torwart ist, weiß, wie es sich anfühlt, in einem Spiel wie Neuer auf der Mittellinie zu stehen, fast schon in der gegnerischen Hälfte. Das ist, als balancierte man auf Zehenspitzen über einem Abgrund. Und nichts wäre demütigender, als wenn plötzlich ein Ball über einen davonflöge und sich in aller Langsamkeit ins Netz senkte, während man ihm nur hinterherblicken und ihm im schlimmsten Fall hinterherrennen könnte, ihn aber nie mehr erreichen würde.

Die Todesstrafe des Torwarts

Schlimmer ist nur, wenn man vom gegnerischen Torwart ein Tor bekommt. Das ist die Todesstrafe für einen Torwart. Aber auch ein perverser und wieder schizoider Kitzel, wenn man hofft, dass man noch vor dem letzten Angriff zurückliegt und dann als Torwart zur letzten Ecke oder zu einem Freistoss in den gegnerischen Strafraum kann, Auge in Auge mit dem Konkurrenten, dessen Kamm anschwillt, den Blick voller Hass.

Der FC Bayern hat auch deshalb damals das „Finale dahoam“ verloren, weil Neuer gegen Chelseas Cech im Elfmeterschießen einen wahrhaften Strafstoss verwandelte, was diesen so zornig machte, dass er in der Folge wie ein Besessener die nächsten Strafstösse hielt und Neuer keinen mehr. Er kam nicht zurück aus dem Körper des Stürmers unter die Haut des Torwarts.

Leider hat er so Sartre widerlegt, der meinte: „Ein guter Torwart ist ein Spieler, der seine Mannschaft durch Überschreitung seiner Machtbefugnisse in eigenwilligen Aktionen rettet.“ Das mag vielleicht für Toni Schumacher gelten, der im Halbfinale der WM 1982 Battiston ins Koma foulte. In Sachen Fußball sollte man da mehr Camus vertrauen, der natürlich Torwart war wie auch der Schmetterlingsfänger Nabokov. Camus hat sicher an den Torwart gedacht, als er über Sisyphos schrieb.

Er wusste aus eigener Erfahrung: Niemand hat es so schwer, ein Held zu werden, wie ein Torwart. Für ihn gilt wie für Sisyphos das schier Unmögliche als das höchste Glück: Denn nur wer alles hält, ist ein Held.