Peter Strasser

Morgengrauen

Der Traum von den nutzlosen Augen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 03.04.2016

Gestern flanierte ich durch eine der weltgrößten Sammlungen altägyptischer Kulturerzeugnisse (immer ist das Prädikat des „Weltgrößten“ mit dabei), und heute Nacht war ich Teil einer archäologischen Rotte, die sich in fremde Erden hineinbuddelte, um dem Vaterland zu bringen und darzubringen, was ihm zusteht: alles, was herausgebrochen und herbeigeschafft werden kann aus den Tiefen, den Steinkammern und lichtlosen Höhlen, in denen Splitter, Scherben, Tonnenblöcke des Menschheitserbes überdauerten.

Alles, alles, alles! Ich war Teil einer Rotte, die bei jedem Sprung vorwärts mehr und mehr zu erblinden schien, während sie sich tiefer und tiefer eingrub in die stummen, augenlosen Träume der Altvorderen, die wir aus ihrem Jahrtausendstupor emporschrecken und mit unserer Ekstase mitreißen wollten. Tatsächlich erblindeten wir rasch, verklumpten zu Nacktmullhaufen, die aus nichts als Augen bestanden, welche schließlich nur noch Dekor waren: im Grunde zu gar nichts gut.

Wenn dann, nach wer weiß wie vielen Äonen, zur Erde niedergestürzte Meteoritengottheiten, weise Aliens auf der Suche nach Menschlichem, unsere Erde durchwühlen sollten – dann wären wir da, rundum augenbestückt. Die Aliens würden glauben, unsere Augen seien unser Wesentliches gewesen, obwohl sie doch am Ende zu nichts mehr gut waren. Unsere toten Augen, die einst unter dem Bannstrahl unserer habgierigen Seele verkrusteten, würden von den Aliens verehrt werden: als das Geheimnis des Menschen, das es zu entschlüsseln gälte …

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.