Morgengrauen

Der Traum von der größtmöglichen Erleichterung

Gastkommentar / von Peter Strasser / 26.07.2016

Heute hatte ich wieder einmal davon geträumt, dass mir die Last des Lebens von den Schultern genommen wurde. Das ist mein Traum von der größtmöglichen Erleichterung. Jetzt saß ich auf der Bettkante und lauschte in die Dunkelheit. „In die Dunkelheit lauschen“, das tut man nicht wirklich; man tut vielmehr so, als ob … Man folgt einer literarischen Formel, nicht dem Leben. Ich weiß aber eigentlich auch nicht, wie man dem Leben folgt.

Ich saß auf dem Bettrand, eingepackt in eine Traumvernebelung, in der lauter mehr oder weniger geistreiche Plattitüden, Redewendungen und Pathosformeln durcheinanderwirbelten. Das war die Nachwirkung des Traums von der größtmöglichen Erleichterung. Es war eine Eigentümlichkeit dieses Traums, dass man nachher nicht wusste, was es war, das man geträumt hatte. Und es endete auch dieses Mal damit, dass mich ein plötzlicher Harndrang veranlasste, nicht mehr in die Dunkelheit zu lauschen, sondern schleunigst den sprichwörtlich „stillen Ort“ aufzusuchen, um mich zu erleichtern.

Ich musste jetzt nur darauf achten, dass diese Handlung keine bloß literarische Geste blieb. Man sagt ja, die altgriechischen Kyniker, die „hündischen Philosophen“, hätten öffentlich, auf dem Marktplatz, uriniert. Nein, was ich gerade tat, war einfach, was ich gerade tat. Da war kein „Marktplatz der Meinungen“, um sich zu „erleichtern“. Na also, dachte ich, geht ja! Sehr erleichternd.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).