STEVE MCCURRY / MAGNUM PHOTOS

Zukunft des Buchs

Der Triumph des Lesens

von Michael Furger / 27.12.2015

Die Art, wie wir lesen, dürfte sich in den nächsten Jahrzehnten fundamental verändern. Doch die Magie eines guten Textes wird bleiben. Warum das geschriebene Wort so erfolgreich ist.

Stellen wir uns für einem Moment vor, Sie lesen diesen Text in zehn Jahren. Sie tragen dann möglicherweise eine Spezialbrille oder halten ein digitales Lesegerät mit Infrarotsensoren in der Hand. Wenn Sie am Wort „Infrarotsensoren“ hängenbleiben, wird im Sichtfeld Ihrer Brille oder auf dem Lesegerät sofort ein kleines Textfenster aufpoppen. Es enthält ein paar hoffentlich hilfreiche Zeilen, die Ihnen erklären, dass Infrarot ein unsichtbares Licht ist, mit dem man unter anderem Bewegung messen kann.

Vielleicht sind Sie an solchen Details aber gar nicht interessiert. Sie überfliegen diese Sätze nur, was Ihrem schlauen Lesegerät natürlich nicht entgangen ist. Augenblicklich lässt es alle unwichtigen Wörter verschwinden und zeigt Ihnen nur, was Sie für ein minimales Verständnis brauchen. Wenn Sie den Faden verlieren, markiert ein Pfeil, wo Sie weiterlesen müssen. Wenn Sie müde werden, vergrößert es die Schrift, bevor Sie nur daran gedacht haben. Und wenn Sie weiter unten im Text das Wort „Südseeinsel“ lesen werden, werden Sie ein Bild von einem Strand sehen — und die Brandung rauschen hören.

Ein Mann und sein Hund vertiefen sich in eine Zeitung vor einem Restaurant in Rom. (1994)
Credits: Steve McCurry / Magnum Photos

Seit Jahrtausenden lesen Menschen. Es ist die wahrscheinlich größte Erfindung der Menschheit. Simpel und doch unübertroffen. Man muss also vorsichtig sein mit kühnen Prognosen. Aber was sich jetzt anbahnt, könnte das Lesen revolutionieren. Und zwar nicht, weil wir heute Bücher oder Zeitungsartikel auf einem Tablet-Computer oder einem Smartphone lesen können. Auch Lesegeräte sind nur Träger von Texten und Bildern. Es wird um etwas anderes gehen: In Zukunft werden wir Texte nicht nur lesen. Der Text wird uns lesen. Und das könnte alles verändern.

Damit rechnet jedenfalls Andreas Dengel, ein eleganter Mann mit kleiner randloser Brille. Dengel steht in einem Labor im Universitätsquartier von Kaiserslautern. Er ist wissenschaftlicher Leiter am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Sein Team entwickelt seit sieben Jahren Geräte und Systeme für das Lesen der Zukunft. Dengel sagt: „Lesen wird neu definiert. Es wird künftig eine Wahrnehmung geben, die über den Text hinausgeht.“ Was das ist, kann man in seinem Institut ausprobieren. Man kann sich eine seiner Brillen aufsetzen oder ein Lesegerät zur Hand nehmen und eben jene Texte lesen, in denen Bilder erscheinen oder Geräusche erklingen, sobald man ein bestimmtes Wort liest. Infrarotsensoren messen millimetergenau, wie sich die Augen bewegen und auf welchen Buchstaben der Blick gerade liegt.

„Zeitungen“, sagt Dengel, „bestehen in Zukunft vielleicht nur noch aus ein paar Textseiten“. Fotos, Grafiken und Hintergrundinformationen zu aktuellen Nachrichten würden erst eingeblendet, wenn der Blick auf die betreffende Zeile fällt. Ob auf Papier oder auf einem Bildschirm gelesen wird, spielt keine Rolle. Die Lesebrille von Dengels Team kann eine Million gedruckte Buchseiten speichern und erkennt mit einer Kamera nicht nur, welches Buch sein Träger gerade vor sich hat, sondern auch, über welche Worte sein Blick gleitet.

Harry Potter im Wohnzimmer

Dengel liest gerade den Science-Fiction-Roman „Limit“ von Frank Schätzing. Ein ziegelsteinschwerer Schinken von 1.328 Seiten. Auf den ersten hundert Seiten führt Schätzing Scharen von Personen ein und wechselt zwischen unzähligen Schauplätzen: Shanghai, Berlin, ein Raumschiff, eine Südseeinsel; die Lage für den Leser wird derart unübersichtlich, dass der Autor hinten im Buch ein Glossar anhängen musste. Was Dengel daran stört, ist, dass er ständig hinten nachschauen muss und so nicht kontinuierlich lesen kann. „Es wäre hilfreich, wenn ich Informationen und auch Bilder direkt im Text abrufen könnte.“

Dengel nennt das eine „Bereicherung der Phantasie“. Die Informationen würden dem Leser helfen, sich zu orientieren und eine Gedankenwelt aufzubauen. Ob man noch ruhig lesen kann, wenn es laufend tönt und textet, das müsse man testen, sagt er. Auf jeden Fall würden die Konturen eines Textes schärfer. Seine Lesebrille könnte dereinst sogar Personen und Objekte als Hologramm dreidimensional vor dem Leser erscheinen lassen. Harry Potter lebensgroß im Wohnzimmer oder der neue Bundesrat als Drei-D-Bild bei der Zeitungslektüre. Sicher nicht für alle eine Bereicherung, aber technisch wäre es machbar.

Wenn man Andreas Dengel zuhört, sieht man eine prächtige Zukunft fürs Lesen heranziehen. Ausgerechnet fürs Lesen, wo es doch heute populär ist, den Niedergang der Lesekultur zu bejammern. Vor allem Jugendliche läsen nicht mehr, oder jedenfalls nur dummes Zeug. Immer mehr Menschen, so geht die Klage, seien nicht mehr in der Lage, längere Texte zu verstehen.

Maximilian Benz sieht das anders. Benz ist Oberassistent am Deutschen Seminar der Universität Zürich und denkt viel übers Lesen nach. Sosehr er sich bemüht, das Lamento zu verstehen, er sieht nichts, was auf den Niedergang des Lesens hindeutet. „Unsere Gesellschaft ist hoch literalisiert. Wir lesen heute so viel wie nie zuvor in der Geschichte.“ Wenn Benz von Lesen spricht, dann nimmt er keine Bewertung vor zwischen einem Drama von Schiller und einem Modemagazin vom Bahnhofkiosk. Und auch die SMS auf dem Handy zählt er dazu. Das sei nicht weniger wichtig. „Die Schriftlichkeit in unserer Welt wird immer dominanter. Wir lesen heute selektiver, vielleicht lesen wir auch oberflächlicher, aber das ist kein Verlust.“

Dass früher alles besser war, hält Benz für Unsinn. „Das oft beschworene goldene Zeitalter des Lesens möchte ich mal sehen.“ Vor 50 oder 100 Jahren hätten die meisten Leute gar keine Zeit dafür gehabt. Zudem sei der Zugang zu Literatur seit jeher auf eine privilegierte Schicht beschränkt gewesen. Und ob das Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts seine hübsch präsentierten Bücher im Regal wirklich gelesen habe, bezweifle er.

Natürlich läsen nicht alle hohe Literatur, sagt Benz, „aber es schadet auch nicht, Schund zu lesen.“ Auch mit einen Kiosk-Roman übe man sich darin, aus vielen Einzelheiten eine fiktionale Welt zu erbauen. „Das ist eine wichtige Kompetenz. Sie hilft, in der Realität Zusammenhänge zu erkennen und die Welt als sinnvolles Ganzes zu erfassen.“

Das einzig wahre Lesen gibt es ohnehin nicht. Die Wissenschaft unterscheidet zwischen dem „tiefen Lesen“, bei dem der Leser gedanklich abtaucht und sich fesseln lässt, und dem informativen Lesen. Dabei geht es darum, möglichst schnell viele Informationen aufzunehmen. Man überfliegt Texte, liest etwas quer. Ein erfahrener Leser weiß, wann er welche Strategie anwenden muss.

Ein Buch in zwei Stunden durch

Wenn es also stimmt, dass wir immer mehr zu lesen haben. Wenn es stimmt, dass wir Texte schneller und oberflächlicher erfassen müssen; wie sollen wir dann künftig lesen? Im Durchschnitt schaffen wir etwa 210 Wörter pro Minute. Der Prozess ist komplex. Die Augen springen von einem sogenannten Fixationspunkt im Text zum nächsten. Diese suchenden Sprünge absorbieren etwa 80 Prozent der Zeit, die fürs Lesen zur Verfügung steht. Eine Verschwendung, finden die Leute der Softwarefirma Spritz und haben ein Programm für eine neue Art des Lesens auf elektronischen Geräten entwickelt. Es lässt die Wörter einzeln in einem kleinen Fenster vor den Augen des Lesers vorbeiziehen. Auf der Website von Spritz kann man verschiedene Geschwindigkeiten ausprobieren. Die Skala geht bis 700 Wörter pro Minute, was mit etwas Gewöhnung und Konzentration zu schaffen ist. Mit diesem Tempo wäre „Der Prozess“ von Franz Kafka in einer Stunde und 43 Minuten gelesen.

Der Filmregisseur Woody Allen hat nach dem Besuch eines Schnelllesekurses einmal gescherzt: „Gestern habe ich ‚Krieg und Frieden‘ in einer Stunde komplett durchgelesen. Es ist eine Geschichte über Russen.“ Natürlich eignet sich auch ein System wie Spritz nicht fürs „tiefe Lesen“ von dicken Romanen. Die Wortkaskade erlaubt keine Reflexion, keine eigenen Gedanken und auch kein Zurückspringen, wenn ein Text nicht auf Anhieb verstanden wurde. Aber Spritz hat einen anderen Vorteil: Da die Wörter einzeln aufblitzen, lassen sich Texte auf kleinen Bildschirmen wie einer Armbanduhr lesen. E-Mails, Nachrichtentexte, Facebook-Einträge.

Wenn man übers Lesen schreibt, muss man übers Buch schreiben. Denn man kann es drehen, wie man will, das Buch ist noch immer das Rückgrat der Lesekultur. Und daran wird sich vorläufig nichts ändern. Rund 16 Millionen Bücher sind dieses Jahr in der Schweiz verkauft worden. Die Zahl ist stabil seit Jahren. In einer ersten Bilanz des Weihnachtsgeschäfts geht der Buchhändler- und Verlegerverband für 2015 sogar von leicht steigenden Verkäufen aus. Und in einer Erhebung des Beratungsunternehmens Ernst & Young war das Buch dieses Jahr das drittbeliebteste Weihnachtsgeschenk, nach Gutscheinen und Geld. Bücher aus Papier – damit wir uns richtig verstehen. Der Anteil der E-Books am Geschäft stagniert in Europa auf unter zehn Prozent.

Warum sind Bücher so erfolgreich? Über diese Frage muss Peter Haag nicht lange nachdenken. Haag empfängt in seinem Büro in der Nähe des Zürcher Helvetiaplatzes. Man versinkt in weichen weißen Stoffsesseln. Eine Angestellte bringt Milchkaffee in großen Tassen. An den Wänden türmen sich Bücher bis unter die Decke. Haag ist Gründer und Geschäftsführer des Buchverlags Kein & Aber. Aber sein Büro fühlt sich an wie ein warmes Wohnzimmer an einem grauen Dezembersonntag. Haags Verlag läuft gut, und er hat eine einfache Erklärung dafür. „Wir verkaufen Emotionen.“ Und in der Emotions-Branche sei das Buch unschlagbar. „Sie erreichen mit einem Film, auch wenn er noch so gut ist, auch wenn er alle verfügbaren technischen Möglichkeiten ausspiele, nie die Wirkung eines guten Buches.“ Ein Text sei stärker, grabe sich tiefer ein, weil man ihn als Leser im Kopf ausgestalten und interpretieren müsse.

Amazon weiß alles

Multimedia aus Hightech-Brillen, um das Leseerlebnis zu steigern – Haag findet es einen Blödsinn. Es sei, als misstraue man dem eigenen Text. Als finde man, er allein genüge nicht. Das Gegenteil sei der Fall. Das Buch könne in unserer hyperaktiven Gesellschaft seine Stärke ausspielen: Es biete einen Rückzug, eine Flucht aus dem Alltag. Haag verkauft zwar auch E-Books, aber er sieht das Potenzial woanders, in der Aufwertung des gedruckten Buches. „Das schöne Buch wird immer mehr zum Lifestyle-Objekt.“ Nie in der Geschichte sei man so billig zu Texten gekommen. Bestseller werden zu Tiefpreisen verramscht, Autorenhonorare gedrückt, Bücher miserabel gedruckt. „Eine Zumutung“, sagt Haag. Aber gut für Verleger wie ihn. Das schöne Buch ist wieder gefragt. Es wird elitärer.

Das Buch am Armgelenk: Design-Entwurf eines E-Readers mit der Lese-Software Spritz.
Credits: Spritz

Vielleicht ist das gedruckte Buch auch die einzige Chance, sich das Lesen als intimes Vergnügen zu bewahren. Großbuchhändler wie Amazon verkaufen nicht nur elektronische Bücher, sondern wissen auch ziemlich genau, wie wir sie lesen. Bei jedem Download erlauben wir dem Unternehmen, unser Leseverhalten aufzuzeichnen und auszuwerten. So hat Amazon herausgefunden, dass zum Beispiel der dritte Teil von „Die Tribute von Panem“ mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 57 Seiten pro Stunde gelesen wird.

Die großen E-Book-Händler können detailliert erfassen, um welche Uhrzeit wir lesen und wie lange, wo der Leser aussteigt, wo er stolpert und welche Passagen er als eindrücklich markiert hat. Der amerikanische Großbuchhändler Barnes & Noble steht offen dazu, dass er solche Daten seinen Autoren weiterreicht. Er wolle ihnen helfen, bessere Bücher zu schreiben, heißt es.

Ist das die Zukunft? Lesen die nächsten Generationen nur noch multimedial aufgemöbelte Bücher, die aufgrund von Leseanalysen auf den Massengeschmack gebürstet wurden? So einfach ist es nicht. An einem Mittwochmorgen im Dezember trifft sich die Klasse G4b der Kantonsschule Hottingen in Zürich in ihrem Schulzimmer, um übers Lesen zu diskutieren. 15 Frauen und Männer zwischen 18 und 20 Jahren, kurz vor der Matura. Sie sind mit der Digitalisierung aufgewachsen, elektronische Geräte und das Internet sind für sie selbstverständlich. Aber Bücher?

Die großen Fragen der Menschheit

Was die Maturanden erzählen, würde jedem Verleger die Tränen der Rührung in die Augen treiben. Wie sie von ihren Leseerlebnissen berichten, von Nächten mit dem Buch im Bett, vom Sich-Verlieren und vom Entdecken, vom Lernen und vom Staunen und von der Faszination des gedruckten Buches. „Ich finde es schön, Bücher zu besitzen“, sagt Nadia Frei, 20 Jahre alt. Wie sie gibt es in der Klasse einige, die neben der Schullektüre auf 15 oder mehr Bücher pro Jahr kommen. Damit zählen sie rein statistisch zu den Viellesern. Aber sie sind keine Exoten. Eine Studie der Zürcher Fachhochschule hat soeben ausgewiesen, dass 70 Prozent der Schweizer Kinder zwischen sechs und 13 Jahren mindestens einmal pro Woche in der Freizeit in einem Buch lesen. Das Buch ist das drittliebste Medium im Kinderzimmer, neben dem Handy und dem Fernseher, aber noch vor dem Computer.

Es lässt sich auch gut leben ohne Literatur.

Hansjakob Schneider, Deutschdidaktiker am Zentrum Lesen der Fachhochschule Nordwestschweiz

Das klingt nach einer guten Nachricht. Aber wieso eigentlich? Warum sollen wir lesen? Die Frage geht an Hansjakob Schneider, Deutschdidaktiker am Zentrum Lesen der Fachhochschule Nordwestschweiz. Schneider beschäftigt sich mit der Frage, wie Kinder und Jugendliche zum Lesen finden. Am Anfang, in den ersten zwei Schuljahren, geht alles glatt. Lesen ist neu, Lesen ist aufregend. Die Anfangseuphorie trägt einen über alle Anstrengungen. Dann wird das Lesen alltäglich, und die Motivation bricht ein.

Im dritten oder vierten Schuljahr zeichnet sich oft ab, wer eine Lesekarriere einschlägt und wer nichts mit Büchern und langen Zeitungsartikeln anfangen kann. „Jedes Kind muss für sich herausfinden, welchen Sinn das Lesen hat“, sagt Schneider. Lesen brauche eine Motivation, einen Funken, der ein Feuer entfacht. Schneider erzählt ein Beispiel, das besonders eindrücklich ist. Es handelt von der 15-jährigen Elif, einem türkischen Mädchen aus einer Aargauer Kleinstadt. Elif wollte in der Schule nicht lesen. Der Lehrer ließ seine Schüler im Unterricht selbstgewählte Texte lesen. Elif brachte ein Bravo-Heft mit und las die Ratgeberseite von Dr. Sommer. Der Lehrer erkannte, dass sie sich offenbar für Beziehungsthemen interessiert, und empfahl ihr ein Buch darüber. Das war der Zündfunken.

Natürlich klappt das nicht bei allen. Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung liest nie ein Buch. „Es lässt sich auch gut leben ohne Literatur“, sagt Schneider. Aber gedruckte Geschichten sind mehr als nächtliche Hochspannung mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. „Beim Lesen nehme ich eine andere Perspektive ein. Ich erfahre zum Beispiel, wie es sich bei anderen anfühlt, wenn sie traurig sind. Übers Lesen kann man Empathiefähigkeit aufbauen“, sagt Schneider. Gute Literatur arbeite auf, was wir im Alltag erleben. Liebe, Leid, Zweifel und Selbstfindung. „Wir lesen, wie andere ein Problem erleben und überwinden – und lernen daraus.“

Mit diesem Antrieb lesen jungen Menschen sogar anspruchsvolle Texte. Susanne Nussbaumer, die Deutschlehrerin der Maturaklasse der Kantonsschule Hottingen, arbeitet sich mit ihren Schülern gerade durch Goethes „Faust“ und erörtert die Frage, ob der Mensch von sich aus gut oder böse sei. Die Schüler finden, den „Faust“ müsse man einfach gelesen haben. „Literatur“, sagt Nussbaumer, „behandelt die großen Fragen des Menschseins.“

Und am Ende geht es auch um Schönheit: „Literarische Sprache ist gestaltet. Ihre Schönheit kann berühren“, sagt Deutschdidaktiker Schneider. „Lesen ist ein Lebensgefühl.“ Eines, das schon in der Kindheit angelegt werden kann. Die beste Voraussetzung sind Eltern, die ihren Kindern Geschichten erzählen und vorlesen. Der Erstkontakt mit dem Buch geschieht oft in einer Situation der Geborgenheit, etwa am Abend im Bett. Das Gefühl prägt sich ein. Wahrscheinlich nicht umsonst lesen heute viele Menschen gerne im Bett.

Für diesen Leseort hat Andreas Dengel vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz übrigens auch eine zukunftsträchtige Idee: Das Buch als Teil der Inneneinrichtung. Ein hochauflösender Projektor wirft die Buchstaben im Schlafzimmer an die Decke. Der Leser liegt bequem auf dem Rücken im Bett – und muss kein Buch mehr halten.

Aber vielleicht will er ja.