Gülçin Aksoy / Çanakkale Biennale

Çanakkale-Biennale abgesagt

Der türkische Staat hetzt gegen die Kunstszene

von Gaby Fierz / 22.09.2016

In der Küstenstadt Çanakkale wirde die 5. Biennale abgesagt. Dies nach einer Hetzkampagne gegen Beral Madra, die 74-jährige Doyenne der türkischen Kunstszene und Leiterin der Biennale.

Nach dem gescheiterten Militärputsch verschärft sich die Lage für Kunstschaffende in der Türkei. In der Küstenstadt Çanakkale wurde die 5. Biennale vor wenigen Tagen abgesagt. Dies nach einer Hetzkampagne gegen Beral Madra, die 74-jährige Doyenne der türkischen Kunstszene und Leiterin der Biennale.

Ab dem 24. September wären in der rund 120 000 Einwohner zählenden Stadt an den Dardanellen 42 künstlerische Positionen zum Thema „Heimat“ gezeigt worden. „Nicht in einer nationalistischen Lesart, sondern als künstlerische Auseinandersetzung mit Identitäten, Heimat-Verlusten, Minderheitenpolitik, Flüchtlingsbewegungen“, sagt die seit vielen Jahren in Istanbul lebende Filmemacherin Sabine Küper-Büsch und ergänzt: „Das passt natürlich nicht in den momentanen nationalistischen Taumel im Land.“ Sabine Küper-Büsch wäre selber (gemeinsam mit Thomas Büsch) mit einem Film über syrische Künstler in der Türkei und Jordanien an der Biennale präsent gewesen.

Kurz nach dem Putsch war bereits die Kunstbiennale von Sinope am Schwarzen Meer abgesagt worden. Doch stets beteuerten das Kuratorenteam und der liberale Bürgermeister von Çanakkale, Ülgür Gökhan, dass in seiner Stadt die 5. Çanakkale-Biennale durchgeführt werde, trotz der unsicheren politischen Situation. Warum nun diese Kehrtwende?

Alles begann mit einer Hetzkampagne gegen Beral Madra, Leiterin der Biennale in Çanakkale. Die international bekannte und angesehene Kuratorin und Kunstkritikerin verglich auf Twitter die Massenveranstaltungen, die von der Regierung Erdoğan nach dem Putsch vom 15. Juli organisiert wurden, mit der Ästhetik des NSDAP-Reichs-Parteitages in Nürnberg. Daraufhin warf der Filmemacher Kutluğ Ataman der Kuratorin Beral Madra vor, den Putsch unterstützt zu haben und die Putschgegner als Nazis zu diffamieren. Pikant an der Sache sei, erklärt die Filmemacherin Sabine Küper-Büsch, dass Kutluğ Atamans jüngster Film von der AKP-Holding unterstützt wird, die den Bau des dritten Flughafens in Istanbul mitfinanziert und eines der AKP-Kampfblätter, „Akşam“, betreibt. „Es ist katastrophal, dass Profiteure der AKP als Internet-Trolls andere Künstler und Kuratoren attackieren“, sagt Sabine Küper-Büsch. Sie selber hatte Atamans Schmäh auf Beral Madra auf Twitter geteilt und kritisiert, dass ihr angeblicher Nazi-Vergleich ein Missverständnis sei. Da sei sie selber von Ataman bezichtigt worden, eine Madra-Jüngerin zu sein. Zudem wurde „all jenen“ vorgeworfen, noch schlimmer als Beral Madra zu sein, die als Provokateure aus dem Ausland schon den Gezi-Lynch-Aufstand vorangetrieben hätten. „Mein Twitter-Account diente als Hashtag“, so Küper-Büsch.

Diskreditiert wurde Beral Madra auch vom lokalen AKP-Abgeordneten Bülent Turan. Er warf ihr vor, die pro-kurdische Partei HDP zu unterstützen. Auch habe sie Vertreter der sozialliberalen kemalistischen CHP kritisiert, die den von der Regierung organisierten Aufmarsch der Putschgegner vom 7. August in Istanbul mitgetragen haben. Sie sei somit eine Putschbefürworterin. Parallel dazu startete die von der AKP kontrollierte Presse eine Schlammschlacht. Sie desavouierte die international ausgewiesene Kuratorin, Mitbegründerin der Istanbul Biennale, Initiantin des türkischen Pavillons an der Biennale in Venedig und Kuratorin zahlreicher internationaler und nationaler Ausstellungen, griff sie persönlich an, verspottete sie und zweifelte ihre Kompetenzen an. Das sei die typische Lynch-Stimmung in der Türkei, die sich gegen alles richte, was die offizielle Haltung zum Putsch nicht voll und ganz mittrage, sagt Sabine Küper-Büsch.

Beral Madra trat von der Leitung zurück. Und obwohl die Stadtverwaltung von Çanakkale der 5. Biennale weiterhin Unterstützung zusagte, beschloss das Kuratorenteam, vor Ort das Kunstfestival abzusagen. Zu gross seien der Druck und die damit verbundene Unsicherheit und Bedrohung. Die nicht realisierte Biennale zum Thema „Heimat“ widmeten die Organisatoren dem auf der Flucht ertrunkenen dreijährigen Knaben aus Syrien, Aylan Kurdi, dessen lebloser Körper vor einem Jahr an den Strand der türkischen Ägäisküste gespült wurde. Und allen Menschen, die sich für diejenigen einsetzen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen.