Morgengrauen

Der unglücklichste Glückliche

Gastkommentar / von Peter Strasser / 25.08.2016

Er wacht auf und ist glücklich. Alles strahlt in ihm. Er hat keine Ahnung, warum. Es ist einfach so. Das macht ihn, wie er mir neulich gestand, schrecklich zu schaffen. Er leidet unter seinem Morgenglück, das noch dazu den ganzen Tag andauert.

Mich hingegen beneidet er. Er weiß, dass mein erster Gedanke beim Erwachen dem Tod gilt; erst mein zweiter Gedanke gilt dem Frühstück, das ich machen werde, nachdem ich wieder einmal mit dem falschen Fuß aus dem Bett gestiegen sein werde. Ja, er beneidet mich wegen meines, mit Heidegger gesprochen, allmorgendlichen „Vorlaufs zum Tod“, der mich eine Zeitlang, angefüllt mit Morgengrauen, stillliegen und starr sein lässt. Das ist, sagt er, angesichts unserer Existenz im Allgemeinen und des ewigen Zustands der Welt im Besonderen die richtige Haltung.

So soll es sein! Morgengrauen, Mittagsgrauen, Abendgrauen! Wäre er nicht so verdammt glücklich, würde ich sagen, dass ich keinen unglücklicheren Menschen kenne als ihn. Sein Glück wird ihn noch ins Grab bringen. Ich rate ihm, da er einer meiner besten Freunde schon aus Jugendtagen ist, sich vom Psychiater einige Pillen gegen sein Glück verschreiben zu lassen. Das hat er bereits getan. Dann, sage ich, bleibt nur noch ein Priester. Bei dem war er auch schon. Es war aber, sagt meint Freund, nicht hilfreich. Denn der Priester habe ihm geraten, das Kreuz seines Glücks auf sich zu nehmen und mit ihm durchs Leben zu gehen. Als ob er das nicht Tag für Tag ohnehin täte!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).