Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Der Vollbärtige vor meiner Tür

Gastkommentar / von Peter Strasser / 04.03.2016

Vor einigen Tagen habe ich die deutsche Kanzlerin sagen hören, dass man die Menschen nicht vor Europas verschlossenen Türen im Regen, in der Kälte, in der Not ihres Daseins stehen lassen dürfe.

Heute klingelt es frühmorgens an meiner Türe. Während ich sie einen Spaltbreit öffne (gäbe es hierorts einen Hahn, er hätte kaum erst ein Mal gekräht), gähne ich einen Vollbärtigen an, hinter dem sich eine halbwegs vermummte Frau samt einer üppigen Kinderschar – die Gruppe scheint das halbe Stiegenhaus hinunter zu reichen – halbwegs verbirgt.

Ich frage, was denn der Aufmarsch solle? Und ich frage vorsichtshalber den Mann, indem ich ihm vorsichtshalber erst gar nicht meine Hand reiche. Daraufhin verbeugt sich der Vollbärtige und sagt „Danke!“ Zugleich streckt er seine Hand bittend aus. Bevor ich meine Geldbörse zücke und einen Schein herausfingere, belehre ich ihn, indem ich sage: „Bitte!“

Damit will ich eine kleine gute Tat der Integration setzen, deren Sinn darin zu bestehen hätte, dass der Vollbärtige lernt, er habe, um eine milde Gabe für sich und die Seinen zu erbitten, „Bitte!“ zu sagen. Doch was sagt er, nachdem ich ihn belehrt habe, mit dem Geldschein als Lockmittel der Integration in meiner Hand? Er sagt: „Danke!“

Etwas in mir – das bin nicht ich, das ist mein innerer Schweinehund – lässt mich denken: „Stures Pack!“ Ich gebe ihm rasch den Geldschein und komme mir, die Türe schließend, nicht wie ich vor.

Von draußen höre ich noch die Stimme des Vollbärtigen: „Bitte, bitte, bitte!“

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. In dieser Woche erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.