Martin Parr / Magnum

Kulturelle Identität

Deutsch sein und bleiben

von Joachim Güntner / 17.09.2016

Bedroht der Zuzug der Flüchtlinge, was an Deutschland eigentümlich ist? Die Kanzlerin verneint, doch so einfach stehen die Dinge nicht. Identitätsdiskussionen haben ihre Tücken.

Identität ist ein heisses Eisen. Nur in der Logik nicht, da sind Identitätsfragen kalt und leer. Denn „a = a“, was soll das schon heissen? „Ein Ding ist mit sich selbst identisch.“ Man könnte Witze darüber machen. Ludwig Wittgenstein etwa kommentierte: „Es gibt kein schöneres Beispiel eines nutzlosen Satzes, der aber doch mit einem Spiel der Vorstellung verbunden ist. Es ist, als legten wir das Ding, in der Vorstellung, in seine eigene Form hinein, und sähen, dass es passt.“

Logisch betrachtet, ist es kaum zu glauben, was sich mit Identitätsbeschwörungen, diesen „nutzlosen“ Sätzen, alles anstellen lässt. Doch man richte sie einmal auf Individuen. Oder auf Ethnien. Eben da wird die kalte Logik heiss. Die logische Wahrheit, dass der Satz der Identität bloss eine Tautologie formuliert, gilt nicht(s) im Reich von Psyche, Geschichte und Politik. Dort erzeugt das „Spiel der Vorstellung“ eine magische Beleuchtung. Individuen träumen von „Selbstverwirklichung“, und Kollektive nehmen sich als Charaktere wahr, bemüht, „ihr Eigenes“ zu hüten. „Kulturelle“ oder gar „nationale Identität“ – wie schwer wiegen diese Worte. Als Verlockung. Als Verlangen. Als Parole.

Wortmagie

„Politik für das eigene Volk!“, plakatiert die AfD in Wahlkämpfen als – klar identitären – Leitspruch. Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern hat sie die etablierten Parteien düpiert und dabei die CDU in der Wählergunst überholt. Die Bundespolitik wurde für deren offenherzige Flüchtlingspolitik bestraft. Aber die Kanzlerin zeigt sich unbeirrt. Gegen die Sorge, der Zuzug von mehreren hunderttausend Fremden könne die vertraute Lebenswelt zerstören, setzt Angela Merkel ein optimistisches Versprechen: „Deutschland wird Deutschland bleiben – mit allem, was uns daran lieb und teuer ist.“

Zweimal schon hat Merkel diese Formulierung angebracht, erst in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ und eine gute Woche später im Bundestag. Es ist die Neufassung ihrer ein Jahr alten Beschwörung „Wir schaffen das“. Die Tendenz der Aussage ist unverändert, der Akzent indes hat sich verschoben. Mit der Wendung „Deutschland bleibt Deutschland“ ist die Kanzlerin in die Identitätsdiskussion eingetreten. Sie hat den Ball der AfD aufgenommen.

Man hört darin, als Dementi, den Widerhall von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“, jenem Skandalbuch von 2010, das Merkel als „nicht hilfreich“ beurteilte, ohne es gelesen zu haben, und dessen Diskussion unvergessen ist. Wenn übrigens nach Frankreich und Österreich heute auch Deutschland eine „identitäre Bewegung“ verzeichnet, dann wegen Sarrazin. Seine Schriften geben ihr Futter, an ihn knüpfte sie ursprünglich an: Hinter einem der ersten Facebook-Auftritte der deutschen Identitären steckte die „Sarrazin-Bewegung“.

Ohne Gemüt

Weniger selbstgewiss als seine Kanzlerin klingt der Bundesinnenminister. Gegenüber dem Magazin „stern“ glaubte Thomas de Maizière jüngst feststellen zu müssen: „Obwohl es uns ökonomisch gut geht wie selten zuvor, sind wir uns unserer selbst, unserer Identität nicht sicher genug. Wir wissen nicht mehr genau, wer wir sind und wer wir sein wollen. Was uns als Deutsche ausmacht.“ Als Angela Merkel konkretisierte, was den Deutschen an ihrem Land lieb und teuer sei, nannte sie Liberalität, Demokratie, den Rechtsstaat und die soziale Marktwirtschaft. Ist das den Bürgern zu wenig, um sich als Deutsche zu definieren? Merkel hat die deutsche Identität verfassungspatriotisch kodifiziert. Es fehlen Angaben zu Herz und Gemüt, Geschichte und Charakter. Die eigentlich kulturelle Identität der Deutschen ist damit nicht erfasst.

Die Schalen der Zwiebel

Das frustriert alle, die auf die Frage, was typisch deutsch sei, mehr erwarten als das Porträt eines demokratisch gereiften Citoyens. Sie wünschen saftige Antworten, welche die deutschen Neigungen und Haltungen, Vorlieben und Üblichkeiten herausschmecken lassen. Aber auch aus solchen kulturalistischen Bestimmungen würde sich keine letztgültige deutsche Identität herauskristallisieren. Denn alle Identitäten gleichen Zwiebeln: Sie haben viele Schalen und keinen Kern. Das lehren die Sondierungen, wie sie etwa Thea Dorn und Richard Wagner mit ihrem Buch über die deutsche Seele (2011) oder Asfa-Wossen Asserate mit seiner Musterung deutscher Tugenden (2013) vorgenommen haben.

Gleich ob es dort um Arbeitswut, Bierdurst oder Schadenfreude, um Gemütlichkeit, Musikalität, Ordnungsliebe, Fleiss und Pflichtbewusstsein geht – die Autoren können keine dieser Eigenschaften absolut setzen. Weder sind sie bei jedem Deutschen anzutreffen, noch ist ausgemacht, ob sie noch vital oder nicht vielmehr längst dabei sind zu verblassen. Die „Deutschlandsehnsucht“, die Dorn und Wagner spüren, greift nach einem Fluidum, das schwer zu fassen ist.

Im Reklamieren kultureller Identität steckt viel Reaktionsbildung auf die Zumutungen, welche der Umbruch der Zeiten mit sich bringt. Echte und gefühlte Wohlstandsverluste, Überforderung durch anspruchsvolle Technologien, Verlagerung von Arbeitsplätzen, demografischer Wandel und nun auch noch die Massenmigration – die Zugluft der Globalisierung lässt manchen wünschen, die Fenster zu schliessen. Oft würde es wohl genügen, hier vom Verlangen nach sozialer Sicherheit, Heimat, Verlässlichkeit, Geborgenheit zu sprechen, anstatt gleich den hohen Ton der Identitätssuche anzuschlagen. „Identität“ ist eine Vokabel, mit der sich ökonomische und politische Rivalitäten kulturalistisch verschärfen lassen.

Das macht sie gefährlich. Wer sich von der Zuwanderung in seiner Identität bedroht fühlt, stellt die Existenzfrage. Er verlässt die Ebene, wo die Integration der Flüchtlinge und Migranten als praktisch zu lösendes Problem begriffen wird. Er geht aufs Ganze, fühlt sich schicksalhaft ergriffen. Die auf Hilfe angewiesenen Fremden gelten ihm nicht bloss als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt oder als zusätzliche Nutzniesser von Sozialleistungen, sondern als die schlechthin Anderen. Kommen sie in grosser Zahl, werde nichts bleiben, wie es war, fürchtet der Identitäre.

Nicht die Umgangsformen, nicht das Strassenbild, nicht einmal die Sprache, dieses Fundament allen Heimatgefühls. So wächst das Verlangen, Identität durch Abgrenzung zu wahren, notfalls mit Gewalt. „Nie geraten die Deutschen so ausser sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen“, schrieb Kurt Tucholsky 1931. Nach 1945, nach Weltkrieg und Völkermord, galt sein Satz erst recht.

Heute wieder? Wahr ist: Nationalpopulismus und Kulturkonservatismus finden in Deutschland eine Resonanz wie seit Jahrzehnten nicht. Man kann darin mit Tucholsky den Willen zur deutschen Selbstbesinnung entdecken. Aber fanatische Züge, vom rechten Narrensaum einmal abgesehen, trägt der neogermanische Identitismus dennoch nicht.

Merkels Ausblendungen

Ob er sich ideologisch radikalisiert oder nicht, könnte auch davon abhängen, ob sich das Versprechen der Kanzlerin bewahrheitet. Deutschland wird Deutschland bleiben? Es ist mancherorts schon jetzt nicht mehr, wie es sein sollte. Der Stadtteil Duisburg-Marxloh etwa, von kriminellen libanesischen Clans beherrscht, verwandelt sich nach Einbruch der Dunkelheit in eine Gefahrenzone, die als „No-go-Area“ für Schlagzeilen sorgt. In Berlin stehen Örtlichkeiten wie der Görlitzer Park oder die Gegend ums Kottbusser Tor auf der Kippe, dem Beispiel Marxlohs zu folgen.

In vor kurzer Zeit noch bunt gemischten Vierteln der deutschen Hauptstadt schreitet die Segregation fort, welche Aufsteiger und Verlierer und Kulturen voneinander trennt. Auch das gehört zur Bundesrepublik, kaum aber zum Spiel der Vorstellungen, was uns an Deutschland „lieb und teuer“ ist. Es ist vielmehr, als legte man die ungemütliche Realität des Landes in Merkels ideale Form hinein und sähe, das passt – nicht.