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21. Jahrhundert

Die 100 Besten der Filmkritik: Gold für David Lynch

von Urs Bühler / 23.08.2016

177 Filmkritiker rund um den Erdball haben ihre favorisierten Filme des laufenden Jahrhunderts ausgewählt. Der Spitzenplatz geht an „Mulholland Drive“ – und die Blockbuster stürzen böse ab.

Olympia 2016 ist tot – hoch lebe die Kultur! Auch sie darf sich ab und zu in Ranglisten suhlen, und da wir gerade noch so schön im Medaillen-Modus sind, geben wir uns empfänglich dafür. Im vorliegenden Fall besteht das Kampfgericht aus 177 Filmkritikerinnen und -kritikern rund um den Erdball, die für BBC Culture ihre jeweils zehn liebsten Filme notiert haben. Und wer jetzt die Hand aufhält und „Modern Times!“ oder „Rashomon!“ in die Runde wirft, soll zuerst die Regeln lesen. In die Kränze kamen nur Werke dieses Jahrtausends, was zum etwas umständlichen Titel des Rankings führt: „The 100 greatest films of the 21th Century so far“.

And the winner is: „Mulholland Drive“! Dass David Lynchs faszinierendes, aber anerkannt mysteriöses Werk von 2001 obenaus schwingt, mag manchen im Vorurteil bestärken: je unverständlicher ein Plot, desto euphorischer die internationale Kritik. Tatsächlich schafft es auch der recht anstrengende „Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives“ von Apichatpong Weerasethakul auf die Liste, wenn auch nur auf Platz 37. Aber keine Bange, sie ist nicht gespickt mit Rätseln. Die Top 5 zieren auch zugänglichere Meisterwerke wie Wong Kar-Wais „In the Mood for Love“ und Richard Linklaters „Boyhood“. Nur knapp am Podest vorbei schrammt Japans Animations-Altmeister Hayao Miyazaki mit „Spirited Away“, und mit Edward Yangs „Yi Yi: A One and a Two“ findet sich eher unerwartet auch Taiwan in den Top Ten: Wie in Küchen ist Asien im Kino en vogue. Aber Amerika dominiert klar – auch bei den Überraschungen: Platz 14 belegt als bestplacierter Dokumentarfilm Joshua Oppenheimers aufwühlendes „The Act of Killing“, dessen Fortsetzung „The Look of Silence“ 2015 am Zurich Film Festival lief.

Die amerikanische Übermacht auf der Liste mag auch mit der Auswahl der 177 Juroren zusammenhängen: Sie stammen zwar aus 36 Ländern, aber fast zur Hälfte aus den USA (auf www.bbc.com ist deklariert, wer welche Filme gewählt hat). NZZ-Filmkritikerin Susanne Ostwald vertrat als Einzige die Schweizer Presse, wobei das weibliche Geschlecht mit einem Anteil von weniger als einem Drittel in der Jury klar untervertreten war. Und erst recht im Ergebnis: Nur in einem Dutzend der gewählten Filme waren Frauen an der Regie beteiligt. Als Beste von ihnen landet Sofia Coppola mit ihrem unvergesslichen „Lost in Translation“ auf Platz 22. Just noch auf Rang 100 schaffte es die Deutsche Maren Ade mit dem formidablen, von der Kritik aber vielleicht etwas gar ultimativ hochgejubelten „Toni Erdmann“.

Als bestplacierter rein deutscher Film taucht übrigens Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ auf Platz 32 auf. Als einziger Europäer in den Top 20 kann sich Michael Haneke mit der Koproduktion „Das weisse Band“ halten. Der grosse Meister gehört wie die Coen-Brothers und Paul Thomas Anderson, dessen „There Will Be Blood“ es auf den Bronzeplatz schafft, gar zu einem erlauchten Sextett mit je drei Filmen auf die Liste. Altmeister wie Roman Polanski oder Martin Scorsese hingegen müssen froh sein, wenigstens mit einem Werk im letzten Viertel gelandet zu sein.

Und wie steht’s mit Blockbustern? Den 3-D-Pionierfilm „Avatar“, bis heute eines der raren gelungenen Beispiele für diese neue Technik, sucht man ebenso vergeblich unter den hundert Favoriten der Kritiker wie die „Lord of the Rings“-Trilogie und alle anderen Top-30-Kassenschlager des Jahrhunderts – ausser „The Dark Knight“ und „Finding Nemo“. Den versteht fast jedes Kind – das Gegenteil zu Lynchs Siegerfilm also.