PD

Architektur

Die Ästhetik des Silicon Valley: Sandstein, Schiefer, lichte Helle

von Sarah Pines / 12.08.2016

Neben iPad und Tesla veranschaulichen auch die Neubauten von Apple, Facebook und Google, wie sehr sich im Silicon Valley die Ästhetik verändert. Doch wie wandelt die Digitalisierung Form und Materie?

Im derzeit beliebtesten Workspace-Café von Palo Alto, dem „HanaHaus“, an einem warmen Morgen: Um einen Brunnen unter hispanischen Arkaden sitzen arbeitende Leute mittleren Alters in Shorts und Kapuzenpulli oder Yoga-Kleidung an Holztischen, darauf Macbooks, Lattes, Quinoa-Müesli. In der Warteschlange am Tresen stehen Einheimische und Besucher auf Geschäftsreise, dies meist Männer im Versuch, mit eng sitzenden Ralph-Lauren-T-Shirts und Shorts die eigentlich locker weite Tech-Kluft nachzuahmen. Drinnen helle Sofas und Tische, Mini-Konferenzräume mit Glastüren, Teppiche in Spätsommerwiesenfarben, an der Wand ein Zitat der Erotik-Schriftstellerin Anaïs Nin in gelben Neonlettern: „Good things come to those who hustle.“

Organisch und synergetisch

In einer Ecke schreibt ein Mann in bräunlicher Sportkleidung die Wörter „Neuansatz“ und „Funding“ auf ein Whiteboard, eine junge Frau im Sommerkleid schaut zu, balanciert dabei einen Teller mit grillierter Forelle auf den Knien. Kurzes Gedankenflackern: Nur im Silicon Valley ist es den Leuten egal, wenn man laut ins iPhone palavert oder öffentlich Selfies von sich macht.

Das „HanaHaus“ wurde 2015 vom Unternehmer Hasso Plattner, dem Mitgründer der Softwarefirma SAP, eröffnet. Als Hybrid aus Networking-Café, Arbeitsspeicher und Sommerbank spiegelt es das Selbstbild des Silicon Valley: die natürliche Symbiose von Mensch, Natur und virtueller Idee sowohl in digitalen Konzepten als auch in konkreten Formen. Die beiden Eigenschaften, die, so der lokale Jargon, dieses Selbstbild ausmachen, lauten „organisch“ und „synergetisch“. „Organisch“ bezeichnet inhärente Eigenschaften der Selbstoptimierung, wie Innovationsgeist, Wagemut, Phantasie. „Synergetisch“ arbeiten meint die Schaffung eines Ganzen, das grösser ist als seine Teile. Synergie kommt durch interaktive Prozesse zustande, kurz: durch Networking.

Die
Visualisierung zeigt den Apple Campus, der gerade im Bau ist. (Bild: PD)

Hier befasst man sich mit Hightech in natürlich wirkender Form: Die Produkte des Silicon Valley – iPhone, Tesla, Touchscreen, Soylentbeutel –, ebenmässig und schlicht geformte Objekte und Strukturen in klaren Farben ohne Schattierung, sollen, so wird es oft beschrieben, die Angst vor der Technologie nehmen und ein Gefühl von der Beherrschbarkeit auch zukünftiger Technik vermitteln. Ein im weit entfernten Paris von Karl Lagerfeld entworfenes Brautkleid von 2015 wirkt inspirierend: vorne weiss, glatt und gewölbt wie das Kleid der Kaufmannsfrau Arnolfini auf der 1434 von Jan van Eyck gemalten „Arnolfini-Hochzeit“ oder wie die weisse Aussenhülle des Dragon-V2-Raumshuttles des SpaceX-Gründers und Silicon-Valley-Visionärs Elon Musk. Hinten gleicht die mit Halbedelsteinen verzierte, meterlange Schleppe des Lagerfeld-Kleides einem braungold funkelnden Kiesbett in der roségoldenen Farbe neuer Smartphones.

Entsprechend verhält es sich mit der Architektur des Silicon Valley: So haben Snøhetta Architekten die neue, im Mai enthüllte Erweiterung des Museum of Modern Art in San Francisco aus Beton erbaut, der mit weissem Westküstensand vermengt wurde. Die leicht aufgeworfene Form erinnert an streng gefaltetes und gestärktes Leinen oder an achtlos schräg gestapelte Laptops.

Die Architektur neu erfinden

Facebook, Google und Apple verbinden modernstes Hightech mit Vorstellungen von Einfachheit und Selbstgenügsamkeit in der Tradition amerikanischer Transzendentalisten wie des Dichters Ralph Waldo Emerson. Im Aufsatz „Natur“ (1836) schrieb Emerson, dass die Formen der Natur – am besten ebenmässig, hell und eher rund als zu eckig – sowie ein steter Blick auf Himmel und Sterne für die menschliche Kommunikation und das intuitive Entstehen von neuem Wissen unentbehrlich seien.

Nach der „digitalen Revolution“, der Verflüchtigung der materiellen Welt hinter virtuellen Datenströmen, sind den drei Grossfirmen Facebook, Google und Apple ihre fad daliegenden Firmenhauptsitze mit blanker Fassade (oder dem Eingangsschild mit albern hochgerecktem Riesendaumen am Facebook-Campus) zu nichtssagend. Sie schaffen nun neue Architekturen, an denen Welt und Digitales in vertraut und natürlich wirkenden Formen symbiotisch miteinander verschmelzen sollen. Von oben betrachtet, gleicht der von Frank Gehry realisierte Facebook-Campus in Menlo Park zufällig nach einem Beben aus der Erde brechenden Schieferplatten, von der Seite einer langsam aus Richtung der San Francisco Bay auf und nieder schwappenden Welle. Auf den Dächern gibt es Blumen, Gras und schattige Arbeitsbänke; um den Gebäudekomplex herum verläuft ein grosser, begrünter Autoparkplatz.

Ähnliches plant Google für den künftigen Firmenhauptsitz in Mountain View: Die beiden Shootingstars Bjarke Ingels und Thomas Heatherwick schlagen keine festen Gebäude vor, sondern lichtdurchlässige Strukturen mit integrierter Polaranlage, die in der Sonne glitzernden Tautropfen ähneln. Lasierte Baldachine an den Gebäudeseiten sollen Luft und Sonne hereinlassen, verschieb- und verstellbare Dächer und Wände spontane Projektbereiche ermöglichen. Um den Campus herum ist ein öffentlicher Park geplant mit Eulen, seltenen Kleintieren, Bächen. Stark besonnte Wege werden von spinnwebartigen Sonnendächern überspannt.

Technologie als architektonisches Ökosystem: Ähnlich beschrieb es Steve Jobs, als er 2011 den Bauplan des neuen Apple-Headquarters vorstellte, einen gigantischen weiss-schwarzen Ring in der Mitte eines Parks in Cupertino, darum herum pillenförmige Solardachanlagen. Das Gebäude wurde von Norman Foster entworfen, der auch ein Luxuswohnhaus in St. Moritz, die Erweiterung des Hotels Dolder in Zürich oder den Swiss Re Tower in London gestaltete. Die vollständig aus erneuerbaren Energien betriebene Anlage sei, so hielt Steve Jobs 2011 fest, wie „Gras“, das künftig die einst dicht mit Aprikosenbäumen bedeckte Landschaft Cupertinos bewachsen solle. Tatsächlich ist der mikroskopische Querschnitt eines Grashalms dem Gebäude nicht unähnlich: ein fluoreszierender Kreis mit ebenmässig eingelagerten Innenkreisen, der die ruhige Schönheit und Einfachheit Apples widerspiegelt. „Grüne Invasion“ nannte Steve Jobs das geplante Headquarter.

In dem philosophischen Aufsatz „Die Pforten der Wahrnehmung“ (1954) beschreibt Aldous Huxley, Autor von „Brave New World“, einen Mescalin-Trip unter der Aufsicht eines befreundeten Arztes an einem Sommernachmittag in seinem Haus in West Hollywood. Huxley teilte die Ansichten Emersons von der Wichtigkeit der Formen der Natur für den menschlichen Geist. Unter Mescalin, einem aus dem mexikanischen Peyote-Kaktus gewonnenen Halluzinogen, veränderte und erweiterte sich auch Huxleys Wahrnehmung. Aber statt sphärisch-fremde Visionen wahrzunehmen, sieht Huxley die ihn umgebenden Objekte detaillierter und näher, als es in nüchternem Zustand möglich wäre: die kleinsten Verzweigungen von Fusseln und Fasern seiner Hosen, Rostflocken, abblätternde Farbsplitter und winzigste Dreckpartikel an einem Gartenstuhl aus Metall, Melierungen alter Wasserflecken auf einer Glasvase.

Gefühl des Staunens

Für Huxley war die Welt unter Mescalin-Einfluss zwar nur auf wenige Objekte reduziert, dafür aber voller Schönheit und Wissen, ein wenig so, als könne ein besonderer Blick unsichtbar unter der Oberfläche der Dinge operierende Algorithmen (in Zahlen kodifizierte Anweisungen) erkennen. Ein ähnliches Gefühl des Staunens entsteht beim Anblick der Objekte und neuen Orte des Silicon Valley. Nichts von der alten Angst des Verschwindens der Welt hinter Virtuellem, sondern eher ein Eindruck von Zuversicht und natürlicher Notwendigkeit: Technologie ist vielleicht so etwas wie die DNA des menschlichen Geistes, teils berechenbarer Algorithmus, teils epigenetischer, unvorhersehbarer Prozess. Sie materialisiert sich in konkreten, neuen, aber auch vertrauten Formen, hält der nüchternen Perspektive auf die Welt eine zweite, erweiternde Sicht vor, so etwas wie die visuelle Kehrseite der Dinge: Spätsommerwiese, „HanaHaus“, Gebäude in Tautropfenoptik oder Schieferplattenform, wie Kiesel in den Händen liegende iPhones.