Munem Wasif / Agence VU / Fabric

Religion in pluralistischen Gesellschaften

Die Altäre der Moderne

von Rudolf Bretschneider / 14.12.2015

Derzeit scheint es so, als zeichne sich das 21. Jahrhundert durch seinen Polytheismus aus. Sozialforscher und Publizist Rudolf Bretschneider über das neue Werk von Peter L. Berger. 

Im kühlen Licht der Vernunft werde sich die Religion zwangsläufig auflösen. Davon waren Denker aller Spielarten, teil hoffnungsvoll, teils besorgt, seit der Zeit der Aufklärung überzeugt. Im 19. Jahrhundert trug der Aufstieg der Naturwissenschaften zu diesem Niedergangsglauben bei. In der Religionssoziologie, wie sie sich im 20. Jahrhundert entwickelte, wurde das allmähliche Absterben der Religion unter dem Einfluss der Moderne in Form der „Säkularisierungstheorie“ wissenschaftlich zum beherrschenden Paradigma.

Dass ein herausragender Gelehrter, der – nach eigener Auskunft – lange im Rahmen dieses Paradigmas gedacht und geforscht hat, einen Wechsel vollzieht, ist nicht allzu häufig. Peter L. Berger legt in seinem neuen Buch „Altäre der Moderne. Religion in pluralistischen Gesellschaften“ (Campus Verlag 2015) explizit ein neues Paradigma vor. Angesichts weltweiter leidenschaftlicher religiöser Bewegungen und ihrer Auswirkungen bis zur politischen Ebene ist die einfache Säkularisierungstheorie für ihn unhaltbar geworden. Belege für die Wiederkehr der Religion sieht er nicht nur in der Entwicklung des Islam, sondern vor allem auch im Wachstum der Evangelikalen, in der „robusten Gesundheit“, derer sich auch die katholische (und die anglikanische) Kirche in vielen Teilen der Welt erfreut (nicht in Europa), in der Zunahme des orthodoxen Judentums in den USA und Israel, in buddhistischen Erneuerungsbewegungen und in der östlichen christlichen Orthodoxie Russlands. (Vorsichtigerweise hat Joseph Roth in seinen Russlandberichten 1926 scharftsichtig geschrieben „Gott hat Ferien“ – und nicht „Gott ist tot“.)

Die Moderne führt, so Peter L. Berger , also offensichtlich nicht unvermeidlich zur Säkularisierung, sondern in den Pluralismus, in dem „ethnische, religiöse und sonstige Menschengruppen in bürgerlichem Frieden und in sozialer Interaktion miteinander leben“. Letzteres klingt nach einem allzu freundlichen Befund, und natürlich ist sich Berger auch der möglichen Gefährdungen dieser pluralen Gesellschaftssituation bewusst: der des Relativismus und des Fundamentalismus, die er als reaktive Phänomene auf die pluralistische Situation analysiert (siehe auch Peter L. Berger/Anton C. Zijderveld „Lob des Zweifels“ Kreuz Verlag 2010).

In seinem neuen Buch, „Altäre der Moderne“ geht es ihm um einen „Schritt in Richtung eines neuen Paradigmas für das Verständnis von Religion und Moderne“. Er unternimmt ihn mit seiner weltweiten Erfahrung, die er durch seine Studien in Asien, Südamerika, den USA, Afrika und natürlich auch Europa gesammelt hat; mit seinem Wissen um geschichtliche Prozesse, theologische Kontroversen und philosophische Größen. Seine soziologische Herkunft ist unverkennbar, ohne dass sie seinen höchst persönlichen Stil trübt, der den eingestreuten Witz nicht fürchtet. Dunkle Wolken schweren Wortschwalls sind seine Sache nicht.

Seine soziologische Theorie des Pluralismus entwickelt er im Hinblick auf dessen gesellschaftliche Auswirkungen und auf seine Folgen für das individuelle Bewusstsein. Millionen Menschen fragen sich zum Beispiel: „Wie kann ich ein gläubiger und praktizierender Muslim und gleichzeitig ein moderner Mensch sein?“ und gleichzeitig stellt sich die politische und kulturelle Frage: „Wie könnte und sollte ein moderner Islam in meiner Gesellschaft aussehen?“ Mutatis mutandis stellten sich diese Fragen auch für andere Religionen. Gläubige Menschen leben immer auch (und vermehrt) in einer Wirklichkeit, die durch Technik, Wissenschaft und Rationalität geprägt ist – und die ohne Bezug zur Religion wahrgenommen wird. In diesem Bereich wird das Leben ohne jeglichen Begriff von Transzendenz beschrieben (säkularer Diskurs). Die prägnanteste Formulierung, die den säkularen Diskurs der Moderne beschreibt, hat nach Bergers Auffassung vor mehr als 400 Jahren Hugo Grotius (1583–1645) geprägt: Grotius schlug vor, dass das internationale Recht in vollkommen säkularen Begriffen formuliert werden sollte, ohne irgendwelche religiöse Annahmen – etsi deus non daretur („als ob es Gott nicht gäbe“). Mittlerweile sind viele Bereiche vom säkularen Diskurs dominiert, und Berger bringt anschauliche Beispiele aus dem Alltag, in denen „Gott“ selbst für die gläubigsten Menschen keine Rolle spielt.

Er zeigt aber wie sich der säkulare Diskurs in die Welt des religiösen Pluralismus einfügt. Dabei muss man beachten, dass zwei Pluralismen vorliegen. Der eine ist der Pluralismus der verschiedenen religiösen Optionen, die in ein und derselben Gesellschaft koexistieren. Der zweite ist der Pluralismus des säkularen Diskurses und der unterschiedlichen religiösen Diskurse, die ebenfalls in ein und derselben Gesellschaft koexistieren. Im Kapitel über den säkularen Diskurs zeigt Berger wie religiöses Denken und Alltagsrationalität neben- und miteinander bestehen; und wie man in die „finiten Sinnprovinzen“ der Religion eintritt, wenn man die Alltagsrealität verlässt.

Immer wieder kommt er auf die Frage des Fundamentalismus zurück. Auch der Fundamentalist sei durch den säkularen Diskurs mitgeprägt. Aber da seine Entscheidung für den Glauben (er weiß um die Andersgläubigen!) meist eine sehr bewusste war, muss er seine Überzeugung vehement verteidigen, sich gegen „Kontaminierung“ abschotten und sich abkoppeln. Fundamentalismus drängt, anders als Glaube aus selbstverständlicher Tradition, zum Fanatismus.

Im letzten Kapitel des Buches beschreibt der Autor historische und gegenwärtige Versuche mit den Pluralismen politisch umzugehen. Er sucht nach Beispielen (bei christlichen und muslimischen Herrschern und bei modernen Staaten) für „Formeln für eine friedliche Koexistenz verschiedener religiöser Traditionen und Institutionen“. Es ist interessant, welche Anläufe und Versuche es gab und gibt.

Die notwendige Suche mit Verständnis für die moderne Situation fortzusetzen, könnte eine Konsequenz der Lektüre dieses Buches sein, schließlich ist – ob man es will oder nicht – in vielen Teilen der Welt eine gewisse Retheologisierung des Politischen festzustellen.