Morgengrauen

Die Arroganz der Schöpfungsblinden

Gastkommentar / von Peter Strasser / 24.09.2016

Blinde können nicht über Farben reden? Unsinn! Heute, auf dem Weg zum Bäcker, habe ich mich im dichten Frühnebel mit einem Blinden, den ich schon von weitem am Klappern seines Stockes erkenne, über die Farbe der Hundehaufen unterhalten – liebevoll auch „Gacksis“ genannt –, die um diese Zeit überall hin abgesetzt werden.

Der Blinde erklärte mir detailliert – für meinen Geschmack zu detailliert –, wonach die verschiedenen Gacksihäufchen duften. Und es ist nun, wie mir der Blinde erklärte, diese Farbe des Hundehaufengeruchs, die für ihn die Morgenspaziergängerwelt koloriert. „Ziemlich eintönig?“, vermutete ich, aber er erwiderte: „Nein, gar nicht, jedes Gacksi hat ja seinen eigenen, ganz und gar individuellen Farbton!“ Da hatte ich eine Eingebung, was um diese Tageszeit höchst selten der Fall ist: Blinde sprechen über Farben, so wie wir, die wir über die Fähigkeit des Sehens verfügen, über die Welt als Schöpfung sprechen sollten.

Blind gegenüber den Schöpfungswundern, die uns ständig umgeben, reden viele von uns so, als ob all die morgendlichen Gacksis bloß eine grausliche Anhäufung von kleinen stinkenden Fakten, brute facts, wären, die möglichst rasch im Gacksisackerl zu verfrachten sind. Wir armseligen Philosophenwichtel, besonders die zwanghaft begriffsklauberischen unter uns, haben weniger Ahnung von der Geistfülle der Welt, die in den letzten Winkel eines Gacksisackerls hineinreicht, als der Blindeste unter den Blinden von der Pracht und Herrlichkeit der Farben.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform:„Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.