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Flüchtlingskrise

Die Ausgesperrten

Meinung / von Barbara Kaufmann / 24.01.2016

Ein Arzt will keine Asylwerber behandeln, ein Anwalt sie nicht verteidigen, ein Schwimmbad Flüchtlingen keinen Einlass gewähren. Wer Ausgrenzung am eigenen Leib erfahren hat, fürchtet sich vor ihr. Erst recht, wenn er gehofft hat, sie nie wieder erleben zu müssen. 

Es ist kalt geworden im Land. Der Wintereinbruch kam überraschend. Nach einem wohlig warmen Dezember, in dem man geglaubt hat, man könne alles schaffen, gemeinsam in der Sonne saß, übermütig, ausgelassen, leichtsinnig, tut die Kälte doppelt weh. Eine dicke Schneedecke hat sich über die Straßen der Städte gelegt, die Felder und die Bergtäler. Sie lässt nichts durch, sie dämpft die Stimme des Gewissens, sie sorgt für Stille. Eine unheimliche Stille. Eine ohrenbetäubende Stille.

Es ist nicht die beste Zeit für Verwandtenbesuche. Schon gar nicht bei jenen, die schon sehr viel gesehen, die wie durch ein Wunder überlebt, die sich ein paar ruhige, angstfreie Jahre am Ende mehr als verdient haben.

Die Überlebende

Die Großtante sitzt in ihrem Rollstuhl am Fenster und blickt hinaus in den Schnee vor dem Heim, in dem sie die nächsten Jahre verbringen wird. Ihre letzten Jahre, das weiß sie selbst. „Hier werde ich also sterben“, hat sie beim Einzug gesagt und einen abschätzigen Blick auf die Terrasse geworfen, die Maisfelder hinter dem Zaun der Residenz, die schroffen Karawanken in der Ferne am Horizont. Und sie hat zufrieden genickt, ihre bunte Strickdecke um ihre Beine geschlungen und sich dem Kreuzworträtsel in ihrer Adels-Revue gewidmet. „Gibt Schlimmeres.“ Die Großtante ist keine pathetische Frau. Sie ist nicht sehr empfindlich, wenn es um den Tod geht. Sie ist eine Pragmatikerin. Sonst hätte sie nicht überlebt.

Aber diesmal, so kurz nach dem schmerzhaften Wintereinbruch, ist alles anders. Sie starrt versunken auf die schneebedeckten Felder vor dem Heim, ihr Tee verdampft auf dem Beistelltisch mit dem beigen Strickdeckchen und wird kalt. „Es geht wieder los“, sagt sie und ihre Unterlippe zittert und ist rissig unter dem hellrosa Lippenstift, der seit Jahrzehnten zu ihr gehört wie der Lidstrich über ihren dunkelbraunen Augen und die kurzen roten Locken, die sie sich selbst färbt. Die Großtante hat 40 Jahre in einem Friseurgeschäft gearbeitet. Das Geschäft ihres Mannes. Sie hat dort Kaffee gekocht und Zeitschriften sortiert und die Haare weggekehrt. Gerne hätte sie auch die Haare der Kundinnen gefärbt, geschnitten, hochgesteckt. Doch sie durfte nicht.

Die Ausgeschlossene

Als kleines Mädchen träumte sie davon, Friseurin zu werden. Die Familie ist bitterarm, lebt in einem Haus mitten im Wald, lebt vom Gutdünken des Großbauern am Hügel. Acht Kinder, die Mutter Magd und Kärntner Slowenin, der Vater Kutscher, ein russischer Deserteur. Beide unverheiratet. Die Kinder helfen am Hof des Dorfbauern. Im Stall, am Feld, bei der Holzarbeit. So überleben sie. Da ist kein Platz für den Traum von einer Lehre, von Ballfrisuren und Selbstbestimmtheit. Im Sommer recht sie nach der Schule das Heu zusammen. Im Winter füttert sie die Schweine oder hilft beim Wurstmachen im Nebengebäude, wo nicht geheizt wird. Manchmal ist die Fleischmasse so kalt, dass ihr die Finger klamm werden und der Tierdarm beim Füllen reißt. Die so entstehenden unbrauchbaren Reste darf sie mit nach Hause nehmen. Sie werden dem Vater vom Lohn abgezogen.

Im Dorf sind sie Aussätzige. Ausgegrenzte. Ausgesperrte. Zu Familienfesten, Geburtstagen und Kommunionsfeiern werden sie nicht eingeladen. Nach der Kirche gehen sie nicht mit ins Gasthaus. Der Dorfwirt mag keine Russen. Und erst recht keine Slowenen. In der Schule sitzt die Großtante mit den Schwestern ganz hinten, geduldet von der Lehrerin, die der Pfarrer überredet hat. Dafür putzt die Mutter ihm das Pfarrhaus. Die Dorfkinder rufen manchmal „Russen-Bankert“ hinter ihr her, wenn sie an ihnen vorübergeht, über das Feld, Richtung Wald, nach Hause. Und einmal werfen sie auch Steine.

Die Großtante ist klug und fleißig. Abends übt sie rechnen und lesen, in der vierten Klasse ist sie die Beste in Mathematik. Die Großtante darf keine Lehre machen. Die Familie kann es sich nicht leisten. Der älteste Bruder macht eine Tischlerlehre. Dafür haben sie sich das Geld vom Bauern geliehen. Für die Großtante will er ihnen nichts geben. Ein Mädchen braucht nichts lernen. Ein Mädchen ist nichts wert in seinen Augen. Schon gar nicht das Mädchen von den Russen, aus der Keuschn im Wald.

Die Ängstliche

Die Großtante hat das alles verdrängt. Sie hat einen Mann geheiratet, der nicht gut zu ihr war, aber sie weggeholt hat von dem Haus im Wald, in sein Friseurgeschäft in die Stadt. Sie hat sich den Respekt vieler Kundinnen erarbeitet. Sie ist nie mehr zurückgekehrt in das Haus. Sie hat vergessen, wie es früher war. Und irgendwann hat sie in der Zeitung vom Tod des Bauern gelesen. Sie hat ein Gebet für ihn gesprochen, weil sich das so gehört, wenn jemand stirbt. Zu seinem Begräbnis ist sie nicht gegangen.

Die Großtante ist nervös an diesem Nachmittag. Sie hat gelesen, dass ein Arzt Kranke nicht behandeln wollte, weil sie Asylwerber waren. Dass ein Anwalt keine Ausländer vertreten will. Dass eine Badeanstalt Flüchtlinge ohne Begleitung Einheimischer abweisen möchte. Die Großtante hat Angst vor dem Flüchtlingsstrom, weil sie jeden Tag liest, dass es so viele sind. Weil sie nicht weiß, wo sie alle hin sollen. Die Großtante hat Angst um die Flüchtlinge. Weil es Winter ist. Weil sie weiß, wie es ist, zu frieren. Weil so viele Kinder darunter sind. Die Großtante hat Angst vor der Ausgrenzung. Weil sie das Gefühl kennt, ausgeschlossen zu werden. Ohne Begründung. Ausgegrenzt, geschnitten und verlacht zu werden. Ohne dass jemand helfen würde. Ohne dass man etwas dagegen tun kann. Die Großtante presst unruhig ihre Handflächen gegeneinander. „Es geht wieder los“, murmelt sie leise, „wie soll das weitergehen? Wer ist als nächster dran?“ Es ist ein trauriger Abschied an diesem Nachmittag.

Am Heimweg dämpft der frisch gefallene Schnee die Schritte. Er schluckt die Stimmen des Protestes, er begräbt die Solidargesellschaft unter sich.

Es ist kalt geworden im Land.