STEPHANIE FUESSENICH

Nazi-Jäger Klarsfeld

Die beiden Unbeugsamen

von Christine Brand / 10.11.2015

Sie haben den Nazi-Verbrecher Klaus Barbie gejagt und vor Gericht gebracht. Sie wollten den SS-Schergen Kurt Lischka entführen und erwirkten seine Verurteilung. Sie überschritten in ihrem Kampf für Gerechtigkeit Grenzen und Gesetze. Jetzt blicken die Nazi-Jäger Beate und Serge Klarsfeld auf ihr Leben zurück. NZZ-Redakteurin Christine Brand über eine Biografie, die Zeitzeugnis und Liebesgeschichte zugleich ist.

„Diese Memoiren sind ein Abenteuerbuch, ein Kriminalroman, die Schilderung einer juristischen Schlacht, ein Leitfaden für Kämpfer, ein historisches Epos, eine dauerhafte Liebesgeschichte und ein einmaliges Lehrstück fürs Leben.“ Der das sagt, ist Arno Klarsfeld, einer der schillerndsten Anwälte in Paris. Das Buch, von dem er spricht, ist die Autobiografie seiner Eltern. Arno Klarsfeld mag in seinem Urteil befangen sein – doch zu Übertreibungen neigt er nicht.

Seite an Seite

„Diese Memoiren zu schreiben, war vor allem eines: ein riesiger Krampf!“ Serge Klarsfeld verwirft lachend die Hände und gibt zu, dass sich sein Enthusiasmus dabei in Grenzen gehalten habe. „Wir haben sie nur geschrieben, weil wir uns überreden ließen, einen Vertrag mit einem Verlag zu unterzeichnen.“ Seite an Seite mit seiner Frau Beate sitzt Serge Klarsfeld zwischen Akten und Papierstapeln am Pult in ihrem Archiv im 8. Arrondissement von Paris. Zu ihren Füßen scharwenzeln die beiden Hunde Mona und Rick, die aussehen wie herumflitzende Staubwedel. An der Wand hängen eingerahmte Zeitungsausschnitte; vergilbte Artikel über die Ohrfeige, die Beate Klarsfeld 1968 dem damaligen deutschen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger in aller Öffentlichkeit verpasst hat, und eine Fotoserie, die zeigt, wie sie sich mit Hilfe von Perücke, Schminke und Brille in eine völlig andere Frau verwandelte, um sich inkognito an einem Entführungsversuch zu beteiligen. Daneben: ein detaillierter Bauplan des Vernichtungslagers Auschwitz. Der Ort, an dem Serge Klarsfelds Vater getötet worden ist.

Unermüdliche Sammler

Beate und Serge Klarsfeld. Sie sind die bekanntesten Nazi-Jäger der Nachkriegszeit, die sich über Gefahren und Gesetze hinwegsetzten, um abgetauchte und unbehelligte SS-Schergen aufzuspüren und vor Gericht zu bringen. Sie sind unermüdliche Sammler von Dokumenten und Akten über den Holocaust, um Zehntausenden von jüdischen Opfern – von den Nazis zu Nummern reduziert – ihre Namen zurückzugeben. Beate und Serge Klarsfeld, das sind auch das deutsche Au-pair-Mädchen und der französische Jude, deren Wege sich am 11. Mai 1960 in der Pariser Metrostation Porte de Saint-Cloud kurz nach 13 Uhr kreuzten. „Sind Sie Engländerin?“, fragte er (was, wie er nach mehrmaligem Nachfragen schmunzelnd einräumt, damals seine Masche gewesen war). „Nein“, antwortete sie, „Deutsche“. Ein paar Stationen später hatten sie ihre Telefonnummern getauscht. „Hätten wir uns dort nicht getroffen, hätte es diese Geschichte weder für mich noch für Beate gegeben“, sagt Serge Klarsfeld 55 Jahre später.

Jetzt sind sie 76- und 80-jährig, eine elegante Dame und ein schelmischer Grandseigneur. Ihre Biografie umfasst über 600 Seiten, gefüllt mit prallem, unbeugsamem Leben, einmal aus seiner Feder, einmal aus ihrer, nüchtern berichtend, was war. Und es war vieles. Die beiden Leben sprengen den Umfang eines Buches und des Vorstellbaren. Das Zeitdokument beginnt mit den Geschichten, bevor sich Serge und Beate Klarsfeld, damals noch Künzel, trafen und zu jener Einheit wurden, als die sie sich seither immer verstanden haben. Beate, deren Eltern Hitler gewählt hatten, deren Vater als deutscher Soldat in den Krieg gezogen war, die unter ärmlichen Verhältnissen im Deutschland der Nachkriegszeit aufwuchs. „Ich weiß noch, dass ich vor April 1945 im Kindergarten kleine Gedichte für den Führer auswendig aufgesagt habe“, erinnert sie sich. Ihre Kindheit inmitten der Ruinen von Berlin umschreibt sie so: „Die Welt, in der ich aufwuchs, wurde mir nicht erklärt. Alles beschränkte sich auf einen Satz: ‚Wir haben einen Krieg verloren, jetzt heißt es arbeiten.‘“

Der letzte Kuss des Vaters

Serge Klarsfeld hat im selben Krieg viel mehr verloren. Er ist acht, als am 30. September 1943 mitten in der Nacht Scheinwerfer die Fassade des Miethauses an der Rue d’Italie in Nizza erleuchten und auf Deutsch gebrüllte Befehle durchs Treppenhaus peitschen. Serges Mutter versteckt sich mit den beiden Kindern im Schrank, in dem eine doppelte Rückwand eingebaut wurde. Als es draußen kracht, öffnet der Vater die Wohnungstür, sagt, die Familie sei aufs Land gefahren. Die Gestapo-Männer durchsuchen die Wohnung. „Einer öffnet die Schranktür“, erzählt Serge Klarsfeld. „Noch über siebzig Jahre später höre ich das Geräusch der Kleiderbügel, die über die Stange gleiten.“ Doch das Versteck bleibt unentdeckt. Als der Vater aufgefordert wird, mitzugehen, greift er in den Schrank; es wäre auffällig, die Wohnung zu verlassen, ohne abzuschließen – er braucht den Schlüssel. „Meine Mutter öffnet auf allen vieren die Trennwand einen Spaltbreit, reicht meinem Vater die Schlüssel, der sie nimmt und ihr ein letztes Mal die Hand küsst.“ Serge Klarsfelds Vater wird unter dem Kommando des SS-Hauptsturmführers Alois Brunner nach Auschwitz deportiert, wo er wenig später ermordet wird. Die Familie, die auf der Flucht der SS mehrfach nur knapp entkommt, sollte von seinem Tod erst viel später erfahren. „Ich war sicher, dass er zurückkehren würde“, sagt Serge Klarsfeld. „Er hatte es uns versprochen.“ Er habe in seinem Leben oft von seinem Vater und dessen Rückkehr geträumt.

Beate Klarsfeld stellt die Ohrfeige nach, die sie Kanzler Kiesinger am 7. November 1968 verpasste.
Credits: AP / DPA / PICTURE ALLIANCE

Als sich 18 Jahre später zwei junge Menschen mit derart unterschiedlichem Hintergrund in der Pariser Metro begegnen, ahnen sie beide nicht, was dies für ihren weiteren Weg bedeutet. Dass die Jagd auf Nazi-Schergen und die Dokumentation der größten Vernichtung von Menschen zu ihrem gemeinsamen Lebensziel werden würde. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, doch es wurde zu einer Liebe des Lebens. „Alle jungen deutschen Frauen wollten damals einen Franzosen kennenlernen“, sagt Beate Klarsfeld. Daher sei sie schon glücklich gewesen, überhaupt von einem jungen Franzosen angesprochen zu werden. „Sie dachte zuerst, das sei einfach irgendjemand – doch dann hat sie gemerkt, dass das nicht nur irgendjemand ist.“ Serge Klarsfeld legt die Hand auf den Arm seiner Frau. War die Begegnung Schicksal? „Zufall war das, mehr kann man sich nicht vorstellen“, sagt Beate Klarsfeld.

Auf jeden Fall war es Serge, der seine künftige Frau zum ersten Mal mit den Verbrechen Hitlerdeutschlands konfrontierte. „Sie wich nicht aus. Sie wollte verstehen. Sie wollte handeln.“ Gemeinsam traten sie ihren Kampf gegen das Vergessen an – und gegen die Ungerechtigkeit. Sie begannen mit dem Sammeln von Akten, Dokumenten, Bildern, Namen. Sie wollten die Schuldigen bestraft wissen.

Auf einen Schlag berühmt

Zwar waren in den fünfziger Jahren einige Gestapo-Führer in Frankreich in Abwesenheit wegen der Deportation zehntausender Juden zu teilweise lebenslangen Strafen verurteilt worden. Doch viele von ihnen lebten in Deutschland und waren vor dem Urteil der alliierten Militärgerichtsbarkeit geschützt. Sie wurden als Deutsche nicht ins Ausland ausgewiesen und konnten nach damaligem Recht in Deutschland nicht erneut wegen der gleichen Tat angeklagt werden. Andere SS-Führer lebten untergetaucht und unbehelligt außerhalb von Europa. Eine Tatsache, mit der sich weder Serge noch Beate Klarsfeld abfinden mochte.

Es war eine ihrer ersten Aktionen, die sie im wahrsten Sinne des Wortes auf einen Schlag berühmt machte. Man schrieb das Jahr 1968. Beate Klarsfeld, mittlerweile Mutter eines Sohnes, hatte in Paris ihre Stelle als Sekretärin im Deutsch-Französischen Jugendwerk verloren, weil sie in Artikeln gegen die Wahl des einst aktiven Nazis Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler angeschrieben hatte. Sie wusste, dass sie mehr tun musste, um auf Kiesingers Vergangenheit aufmerksam zu machen. Darum trat sie im Anschluss an eine Rede von Günter Grass auf einem Berliner Kongress ans Mikrofon. „Ich erklärte, um die Mauer des Schweigens über Kiesingers Nazivergangenheit zu durchbrechen, sei eine Eskalation nötig, und schloss: ‚Ich gebe euch heute mein Wort, dass ich den Kanzler öffentlich ohrfeigen werde.‘“

Einige Monate später verschaffte sich Beate Klarsfeld Zutritt zum CDU-Parteitag in Berlin. Man fühlt mir ihr, wenn sie ihre Nervosität beschreibt, ihre eisig kalten Hände und Füße, wie sie realisierte, dass sie zu klein war, um Kiesinger über den Tisch hinweg zu ohrfeigen, und wie sie einen Ordnungshüter mit Charme überlistete, um hinter den Tisch zu gelangen. „Da war meine Anspannung wie weggeblasen. Ich hatte gewonnen. Ich schrie, so laut ich konnte ‚Nazi! Nazi!‘ und ohrfeigte ihn mit voller Wucht.“ Beate Klarsfeld wurde umgehend verhaftet. Es blieb nicht bei diesem einen Mal.

Entführungsversuch

Man hatte den Klarsfelds gesagt, es bringe nichts, die ermordeten Juden zu zählen. Und doch taten sie es. Präzise und auf Wahrheit bedacht, gaben sie den 80.000 Juden, die in Frankreich Opfer der sogenannten Endlösung geworden waren, wieder eine Identität. Sie spürten Fotos von fast der Hälfte der 11.000 deportierten Kinder auf und veröffentlichten sie. Bei ihrer Suche stießen sie auch auf Beweise und Spuren, die sie zu jenen Tätern führten, die für das Massenmorden verantwortlich waren. Zum Beispiel zu SS-Obersturmbannführer Kurt Lischka, der als Gestapo-Chef in Paris für die Deportation zehntausender Juden nach Auschwitz verantwortlich war – und der, obwohl in Frankreich verurteilt, unbehelligt in Köln lebte.

Der Plan von Beate und Serge Klarsfeld klang bestechend: Sie wollten gemeinsam mit zwei Freunden Lischka entführen und der französischen Polizei übergeben. Die Umsetzung gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht, wohl auch, weil hier keine Profis am Werk waren. Das erste Mietauto erwies sich als zu klein für eine Entführung: zu wenig Türen! Beim zweiten Anlauf brach der beschaffte Schlagstock schon vor dem Einsatz auseinander. Und als sie Lischka dennoch überfielen, stellten sie fest, dass der sich zur Wehr setzende stattliche Mann zu schwer war, um ihn in den Kofferraum zu hieven. Sie ergriffen die Flucht. Trotzdem: Die Medien berichteten über den Entführungsversuch, Lischkas wahre Identität war offengelegt. Dieses Ziel verfolgten die Klarsfelds auch in anderen Fällen, in denen sie die Identität der Nazi-Verbrecher aufdeckten: bei SS-Sturmbannführer Herbert Hagen etwa und bei Ernst Heinrichsohn, die später, als die Gesetze geändert wurden, doch noch gemeinsam mit Kurt Lischka vor ein deutsches Gericht gestellt und verurteilt wurden. Und der wohl spektakulärste Coup der Klarsfelds: Sie spürten „den Schlächter von Lyon“, Klaus Barbie, in Bolivien auf und erwirkten seine Ausweisung. Die Jagd nach Barbie wurde unter dem Titel „Die Hetzjagd“ verfilmt – mit Franka Potente in der Rolle von Beate Klarsfeld.

Gewalt gegen Unrecht

Aber rechtfertigt Ungerechtigkeit Gewalt? „In einem Regime, in dem es keine Gerechtigkeit gibt, kann man Gewalt einsetzen“, sagt Serge Klarsfeld. Damals habe in Deutschland eine gewalttätige Situation geherrscht: „Die Kriminellen blieben frei, und uns steckte man ins Gefängnis; wir waren gezwungen, Gewalt anzuwenden.“ Wäre er sogar bis zum Letzten gegangen? Serge Klarsfeld zögert nicht. „Wir wollten nie Menschen töten, aber hätte sich die Situation in die falsche Richtung entwickelt, hätte das passieren können.“ Doch sie hätten immer Glück gehabt, fügt Beate Klarsfeld an und klopft auf den Holztisch. Glück hatten sie auch, als sie zwei gezielten Bombenanschlägen entgingen. Eine an ihrem Auto montierte Bombe hätte in jenem Moment hochgehen sollen, als sie morgens ihre Tochter in den Kindergarten fuhren. Der Zünder war falsch programmiert. „Der Kampf für die Gerechtigkeit war das Wichtigste in unserem Leben“, erklärt Serge Klarsfeld. „Und einen Kampf kann man nicht führen, ohne Risiken einzugehen“, ergänzt seine Frau.

„Meine Eltern hatten immer vor allen anderen recht“, sagt Arno Klarsfeld. Als er und seine Schwester klein waren, waren die Eltern mehrmals in Haft – doch schließlich zogen die Gerichte jene Nazi-Verbrecher zur Rechenschaft, die Serge und Beate Klarsfeld aufgespürt hatten. 45 Jahre nachdem Beate Klarsfeld Bundeskanzler Kiesinger geohrfeigt hatte, trat sie für die Linke in Deutschland selbst als Kanzlerkandidatin an. Frankreich zeichnete die Klarsfelds mit zahlreichen Ehren-Orden aus, Deutschland verlieh ihnen diesen Mai das Bundesverdienstkreuz, letzte Woche ernannte die Unesco sie zu Ehrenbotschaftern. Eine späte Befriedigung. „Wir wussten immer, dass wir gut gehandelt haben“, sagt Beate Klarsfeld.

Kommt man im Leben irgendwann an einen Punkt, an dem man verzeihen kann? „Massive Verbrechen kann man nie verzeihen.“ Serge und Beate Klarsfelds kämpfen weiter, gegen Antisemitismus, gegen Extremismus. „Wir haben noch ziemlich viel Energie“, sagt Serge Klarsfeld. „Vor allem zusammen haben wir Energie.“ Und was folgt, wenn es doch einmal Zeit zum Aufhören ist? „Keiner weiß, was nach dem Tod kommt“, sagt Beate Klarsfeld. „Unser letzter Wunsch wird sein, gemeinsam sterben zu können.“