Die Deutschen als Opfer

von Jan Plamper / 08.06.2015

Deutschland glaubt, es habe die Traumata des Zweiten Weltkriegs an die Generation der Kriegsenkel vererbt. An den Krieg erinnert man sich nun als Opfer, nicht als Täter. Ein Gastkommentar in der NZZ von Jan PlamperJan Plamper ist Professor für Geschichte in Goldsmiths, University of London, und derzeit Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin..

2015 jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal. Die Dekadenschritte dieses Jahrestages sind immer ein Anlass, die Erinnerungslandschaft zu vermessen, so wie sie sich im Augenblick präsentiert – mit ihren Sedimentierungen, aber auch mit ihren durch tagespolitische Beben hervorgerufenen Zerklüftungen: Welchen Platz nimmt der Krieg in der bundesdeutschen Erinnerung im Jahre 2015 ein?

Drei Tendenzen sind zu beobachten. Erstens nehmen sich die Deutschen verstärkt als Opfer wahr. Psychotherapien und die Traumatheorie liefern hierfür die Grundlage. Zweitens hat sich die Vorstellung breitgemacht, dass Kriegstraumata nicht nur der Generation der Kriegskinder vererbt wurden, sondern auch der Enkelgeneration, also den Kindern der sogenannten 68er. Bei dieser Verschiebung von Kriegskindern zu Kriegsenkeln ist das ehemals eher linke psychotherapeutische Denken anschlussfähig für politische Projekte der Rechten geworden, etwa der konservativen Männerbewegung. Drittens hat eine Diskussion darüber begonnen, wie sich die Zuwanderung aus anderen Ländern auf die Erinnerungskultur auswirken wird.

1985 verhalf Richard von Weizsäckers Rede dem Bild der Deutschen als Täter zum Durchbruch, und die Wehrmachtsausstellung 1995 tat ein Übriges. Gleichzeitig aber entwickelte sich langsam eine Gegenbewegung, die – so der Zeithistoriker Norbert Frei – eine „Umcodierung der Vergangenheit“ bewirkte. Eine neue Meistererinnerung von den „Deutschen als Opfer“ kristallisierte sich heraus.

In der Tat, Anzeichen einer solchen Umcodierung gab es im letzten Jahrzehnt viele. 2002 erschien Jörg Friedrichs populärwissenschaftliches Buch über den alliierten Luftkrieg, „Der Brand“, das vorgab, die „Leideform“, einschließlich ihrer sinnlich-emotionalen Dimension, hautnah und unter bewusstem Verzicht auf die analytisch-distanzierte Stimme des Historikers nachzuzeichnen. Die Debatte um „Der Brand“ erreichte die Boulevardmedien. Rechtsextreme Politiker wie Jürgen Gansel sprachen vom „Bomben-Holocaust“. 2003 erschien unter dem Titel „Anonyma: Eine Frau in Berlin“ die Wiederauflage des in Vergessenheit geratenen Augenzeugenberichts einer Frau, der die Vergewaltigungen durch die Rotarmisten in Berlin 1945 nach dem Einmarsch der Russen thematisierte. Spätestens mit dem 2007 ausgestrahlten ARD-Zweiteiler „Die Flucht“ rückte das den Deutschen während der Vertreibungen aus den Ostgebieten widerfahrene Leid in den Vordergrund. Inzwischen wird nicht mehr nur die Rote Armee als Auslöser des Leids gesehen, sondern auch die Armeen der Westalliierten, so in Miriam Gebhardts jüngst erschienener Studie „Als die Soldaten kamen“ über Vergewaltigungen in den westlichen Teilen Deutschlands.

Die Verschiebung vom Täter- zum Opferstatus wurde als die Begleiterscheinung eines Generationswechsels beschrieben: An die Stelle der Generation der Täter treten die Kriegskinder als Haupterinnernde. Als „eine Art Ablasshandel“ beschrieben dies Ulrike Jureit und Christian Schneider in ihrem Buch „Gefühlte Opfer“. Indem sich immer breitere gesellschaftliche Kreise mit den Opfern identifizierten, laste die Schuld auf immer weniger Tätern, die sich jedoch umso stärker zur Dämonisierung eigneten. Diese Entwicklung lässt sich auch auf globaler Ebene beobachten: Losgelöst vom konkreten historischen Ereignis, verkörpert der Holocaust heute für weite Teile der Welt das Böse schlechthin, und umgekehrt verkörpern seine ebenfalls von der konkreten Gruppe, den Juden, losgelösten Opfer das Gute. Der Generationenwechsel wirkt so als Abstraktion und macht den Opferstatus zur Eintrittskarte in die globale Liga der Guten.

Die nächste einschneidende Veränderung kam in den nuller Jahren, und zwar mit der psychotherapeutischen Unterfütterung dieses Opferstatus – ein Phänomen, das noch weitgehend unerforscht ist. Freilich hatten schon die Psychoanalyse der Frankfurter Schule oder Alexander und Margarete Mitscherlichs „Die Unfähigkeit zu trauern“ die Erinnerungsdiskurse befeuert. Gänzlich neu war aber in den 2000ern, zunächst in der Theorie und später auch in der Praxis, Traumatisierung durch Vertreibung, Luftbombardements, Vergewaltigung oder Verwaisung in den Fragekatalog einer Psychotherapie aufzunehmen. Der Therapeut Hartmut Radebold führte eine Vielzahl psychischer Erkrankungen bei älteren Menschen, und zwar sowohl bei denen, die alt genug waren, um Täter gewesen zu sein, als auch bei deren Kindern, auf Traumatisierung durch Vertreibung und andere Kriegsfolgen zurück. Er war sich der ethisch-erinnerungspolitischen Implikationen bewusst und fragte besorgt, ob man diese Traumata überhaupt aufgrund des durch dieselben Personen Juden u.a. zugefügten Leids thematisieren solle: „Dürfen wir uns als Deutsche mit diesem Teil unserer Geschichte befassen?“ – „Warum nicht?“, hätte man ihm damals antworten wollen. Heute, nachdem ein weiteres Jahrzehnt ins Land gegangen ist, scheint seine Sorge aber angesichts der skizzierten Entwicklung begründet.

Denn Radebolds Ansatz wurde auf die nächste Generation der sogenannten Kriegsenkel ausgeweitet. Er fand breite Beachtung durch die 2009 und 2008 erschienenen Bestseller „Kriegsenkel“ von Sabine Bode und „Wir Kinder der Kriegskinder“ von Ann-Eva Ustorf. Letztere ist Jahrgang 1974 und damit als „Betroffene“ gleichsam erstes Sprachrohr ihrer Generation. Es bildete sich ein „Forum Kriegsenkel“, und es entstand eine bundesweite Graswurzelbewegung, die „Kriegsenkelstammtische“.

Bei dieser Ausweitung wurde der ursprünglich linke Psychoanalysediskurs der 68er auch zu einer konservativen, ja extrem konservativen Sache. Wenn Sabine Bode in „Die deutsche Krankheit – German Angst“ Scheidungsrate, Kinderlosigkeit und den demografischen Wandel durch fehlende Trauer über die von der Kriegsgeneration erlittenen Schrecken erklärt, ist die Biedermeier-Norm einer Kleinfamilie implizit: „Warum wurde so lange nicht registriert, dass alleinerziehende Mütter selbst bei bestem Willen und Bemühen nicht alle Entwicklungsbedürfnisse ihres Kindes erfüllen können?“ Alle von der Norm abweichenden Familien werden durch solche Sätze ausgegrenzt. Die Schuldigen der „historical correctness“ stehen für Bode außer Zweifel: „Zu den erbittertsten Apologeten des Trauerverbots zählten viele 68er.“

Gabriele Baring, Psychotherapeutin und wie ihr Mann Arnulf gerngesehenes Konservatismus-Zugpferd in Talkshows, geht im 2011 erschienenen Buch „Die geheimen Ängste der Deutschen“ noch weiter. Anhand der Epigenetik untermauert sie „Depressionen, Gewaltneigung und Bindungsschwierigkeiten“ als harte, lebenswissenschaftlich erwiesene Spätfolgen der verpassten Trauer in der „Generation Golf“. Was hilft? Therapie und Genogramme – bei einer Kriegsenkelin öffnen sich die verklebten Eileiter, sobald sie ihren Vater akzeptieren lernt, dessen Scham über seinen eigenen Vater, einen Nazi, bei der Familientherapie herauskommt: „Der Körper der Klientin wurde fähig zur Empfängnis, nachdem sie sich gewissermaßen die innere Erlaubnis dafür geben konnte.“

Diese Spielart psychotherapeutisch-konservativer Erinnerungskultur verschränkte sich bald mit Tendenzen, die man als „neue konservative soziale Bewegungen“ bezeichnen könnte, etwa der „antifeministischen Männerrechtsbewegung“, ein Begriff des Soziologen Hinrich Rosenbrock. Ähnlich wie Frankreichs Front National orientiert sich diese seit vergangenem Jahr gen Putins Russland als vermeintlich letzte Bastion der traditionellen Familienwerte. Der Zweite Weltkrieg machte Deutschland vaterlos, die Feministinnen der 1970er Jahre schrieben diese Vaterlosigkeit fort, indem sie die alleinerziehende Mutter verklärten und durch das Gender-Mainstreaming alles ewig Männliche verteufelten, was zu bindungsunfähigen, depressiven, von „German Angst“ geplagten Scheidungsjungen führte – so die Argumentationskette der Psychotherapeutin Astrid von Friesen.

Was ist hierzu zu sagen? Schon einfache Gegenfragen entkräften die meisten Einzelthesen: Warum ist etwa das traumalose Italien ebenso kinderlos wie Deutschland? Eine Fundamentalkritik muss jedoch beim Traumakonzept selbst ansetzen. Die Wissenschaftshistorikerin Ruth Leys hat in „Trauma: A Genealogy“ gezeigt, wie sich nach dem Vietnamkrieg ein spezifisches Verständnis von Trauma durchsetzte, bei dem das traumatische Ereignis außerhalb von Sprache und Bewusstsein liegt. Damit entzieht sich das Trauma der Darstellbarkeit, wodurch es frei flottierend und letztlich auch anschlussfähig für die Rechte wird.

Namhafte Psychiater wie Bessel A. van der Kolk haben diese Annahmen neurobiologisch gestützt und in die Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) übertragen. Einerseits erlaubt es, sinnvolle Kausalitäten herzustellen. So lässt sich die psychische Störung einer heute 80-Jährigen gut auf die während des Kriegs erlebten Ereignisse zurückführen.

Andererseits ermöglicht das Konzept auch widersinnige Diagnosen, wie eben die Behauptung, die Kinderlosigkeit der heute 40-Jährigen stehe ebenfalls im Zusammenhang mit Kriegstraumata der Großeltern. Aber beide Kausalitäten, die sinnvollen wie auch die widersinnigen, lassen sich weder beweisen, noch sind sie falsifizierbar. Ähnlich wie bei einem so verstandenen Trauma ist auch Skepsis beim Trauerkonzept angebracht: „Ist so etwas wie nachgeholte, generationell verschobene kollektive Trauer überhaupt denkbar?“, so formulierten Jureit und Schneider diese Zweifel.

Für die nächsten Jahre ist davon auszugehen, dass immer mehr als traumabelastet gelten wollen. Hierbei gerät auch die DDR in den Traumatisierungsradius, sodass sich ehemalige DDR-Bürger als Schicksalsgemeinschaft von Opfern des Autoritarismus ostdeutscher Prägung zu verstehen beginnen. Hinzukommen wird vermutlich eine wachsende Pluralisierung und Hybridisierung der Erinnerung, die die – ohnehin fiktive – Erinnerungskultur im Singular in eine Vielzahl von Erinnerungskulturen aufbricht.

Dieser Prozess hängt auch mit Zuwanderung zusammen. Man stelle sich eine gewöhnliche Schulklasse in Berlin vor – mit Kindern aus Einwandererfamilien aus Südosteuropa, Afrika, Asien und der Ex-UdSSR, darunter sowjetische Juden: Was passiert mit Erinnerung, wenn die Erinnernden 1933 bis 1945 aus „rassischen“ Gründen selbst Opfer gewesen wären?

Mit den Zuwanderern werden auch andere Erinnerungsdiskurse importiert. Zu beobachten ist dies an der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, die seit der Zuwanderung einer Viertelmillion Juden aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten ab Anfang der 1990er Jahre von der Kultur her russisch-sowjetisch geprägt ist.

Hier ersetzt der 9. Mai, der sowjetische Hauptfeiertag des Sieges über den Faschismus, oft den 9. November, den Tag des November-Pogroms 1938, der sogenannten Reichskristallnacht, oder den 27. Januar, den Tag der Befreiung von Auschwitz, oder den 27. Nisan, Israels Holocaustgedenktag, der heuer auf den 16. April fiel.

Außerdem wird zu sehen sein, wie sich die Beteiligung Deutschlands an derzeitigen Kriegen auswirkt. Deutschland stellt seit Januar 2002 Truppen der ISAF; inzwischen waren rund 100.000 deutsche Soldaten in Afghanistan. Von diesen ist ein nennenswerter Prozentsatz traumatisiert, für 2010 etwa listete die offizielle Statistik 729 PTBS-Fälle. Immer wieder ist die These geäußert worden, diesen traumatisierten Veteranen gehe es schlechter als in Ländern wie Großbritannien – und zwar nicht nur wegen der geringen Kampferprobung der Bundeswehr. Vielmehr litten die Kriegsrückkehrer darunter, dass Deutschland eine heroische Kultur fehle, gilt doch das Heldenhafte – so wie das Symbolische und Rituelle insgesamt – seit dem Dritten Reich als kontaminiert.

Dass das eine, die fehlende Heldenkultur, unweigerlich mit dem anderen, der deutschen Opferobsession, zusammenhängt, hat 2009 die Philosophin Susan Neiman festgestellt. Ihr Ausweg: „Ich würde vorschlagen, dass wir unsere Verbundenheit mit den Opfern reduzieren und zu einem älteren Vorbild zurückkehren, wo der Anspruch auf Legitimität auf das gerichtet ist, wie man in der Welt handelt, nicht wie man von der Welt behandelt wird. Das würde die Opfer nicht wieder dem Müllhaufen der Geschichte überantworten, aber es würde den Helden wieder in den Mittelpunkt stellen.“ Was, wenn die von Bundespräsident Gauck u.a. seit Anfang 2014 vorgebrachte Forderung nach einem größeren außenpolitischen Engagement, auch bei kriegerischen Einsätzen, in die Praxis umgesetzt wird und Formen der Heldenverehrung – ob neue, alte oder hybride – wieder Eingang in die deutsche Kultur finden?

Schließlich sollten der Zufall und das Unvorhersehbare als treibende, die Geschichte gestaltende Kraft nicht unterschätzt werden. Vor zwei Jahren hätte niemand die Ukraine-Krise und die heutige Repolarisierung der Welt vorhergesagt. Was, wenn 2025 etwa Deutsche sowjetisch-jüdischer und russlanddeutscher Herkunft in einem dem westlichen Block zugehörigen Deutschland „ihren“ 9. Mai angewidert abstoßen, weil ihn der (verhasste) Kreml endgültig besetzt hat? Oder aber wenn Deutschland in einen russisch-chinesischen Block abgleitet und die nächste Dekadenvermessung einer bis dahin putinistisch geformten Erinnerungslandschaft am 9. Mai stattfinden muss? Man darf gespannt bleiben, denn ähnlich wie die Geschichte ist Erinnerung: offen.