Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Die drei offenen Wünsche

Gastkommentar / von Peter Strasser / 27.02.2016

E., meine ältere Enkeltochter, fragt mich, was ich mir wünschen würde, wenn ich drei Wünsche offen hätte. Sie, E., habe die ganze Nacht gegrübelt, werde aber nichts verraten, weil sonst die Lillifee böse wäre.

Ich sage ihr, was ich mir wünschen würde, nämlich, erstens, ewig zu leben, zweitens, zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, und drittens, niemanden auf der ganzen weiten Welt mehr unglücklich zu wissen. Jetzt ist E. böse auf mich – das heißt, sie tut so, als ob sie böse auf mich wäre –, weil ich ihr meine drei Wünsche verriet, die ich haben würde, falls ich sie offen hätte.

H., meine jüngere Enkeltochter, die schon vor einiger Zeit gelernt hat, „ich“ zu sagen, sagt: „Ich, ich, ich.“ Worauf E. ihr ein bisschen von oben herab erklärt, dass, falls man drei Wünsche offen hätte, man sich nicht drei Mal hintereinander wünschen könnte, „ich“ zu sein, weil das immer dasselbe wäre und weil man sowieso „ich“ sei. Da beginnt H. zu weinen, dass ihr die Tränen aus den Augen spritzen (aber nur ganz kurz), und sagt: „H. will nicht ich sein. H. will H. sein.“

Jetzt hält es E. angesichts von so viel Stümperei beim Drei-offene-Wünsche-Wünschen nicht mehr aus und verrät uns ihrerseits, Lillifee hin oder her, ihre drei Wünsche: Prinzessin zu sein, vom Mucki (?) einen Kuss zu bekommen und später einmal drei Kinder zu haben.

Den Kuss kann sie gleich kriegen, nämlich von mir, sodass sich E., wenn sie noch einen Wunsch offen hätte, wünschen würde, ich wäre der Mucki (?).

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.