Robert Harding / Mauritius

Die dritte Zerstörung Karthagos

von Beat Stauffer / 05.10.2016

Tunesien verfügt über ein ausserordentlich reiches kulturelles Erbe aus vorislamischer Zeit. Doch dieses ist durch Raubgrabungen, Schlamperei und Korruption bedroht.

Es ist fast wie ein Wunder. Weder der Massentourismus noch die Turbulenzen der letzten paar Jahre haben der zauberhaften Kulturlandschaft nördlich der Hauptstadt Tunis auf den ersten Blick viel anhaben können. Nach wie vor strömen die Menschen an den heissen Sommerabenden in das im andalusischen Stil hoch über dem Meer erbaute Dorf Sidi Bou Said, um einen Tee zu trinken und sich an der Meeresbrise zu erfrischen. Von den Dachterrassen, den Cafés und den abgetreppten Gärten schweift der Blick auf die weite Meeresbucht, auf die Lagune von Tunis und auf die dazwischenliegende schmale Landzunge.

Bedrohtes Weltkulturerbe

Der Beobachter erkennt das Geviert des Präsidentenpalasts, unzählige weiss getünchte Villen in üppigen Gärten, die neobyzantinische Kathedrale St-Louis, die Industrieanlagen von La Goulette sowie den Damm, welcher die im Dunst liegende Millionenstadt Tunis mit den nördlichen Vororten verbindet. Im Hintergrund ist die markante Silhouette des Djebel Bou Kornine zu erkennen.

Zu Füssen der Müssiggänger liegt das Siedlungsgebiet des ehemaligen Karthago, eines Brennpunkts der Weltgeschichte. Zwar wurde die punische Metropole von den Römern gründlich zerstört, und auch das Karthago der Römer, der Vandalen und der Byzantiner erlitt nach dem Einfall der Araber ein ähnliches Schicksal. Die verbliebenen Ruinen wurden zudem während Jahrhunderten als Steinbruch genutzt und weite Teile des ehemaligen Stadtgebietes überbaut. So grenzt es an ein Wunder, dass dennoch ein paar eindrückliche Ruinen bis heute erhalten geblieben sind.

Doch das Weltkulturerbe von Karthago ist heute akut bedroht. Seit Jahren mahnt die Unesco die tunesische Regierung, ihre Schutzpflicht gegenüber dieser einmaligen Ruinenstätte besser wahrzunehmen, und droht sogar, Karthago von der Liste der Weltkulturgüter zu streichen. Die Vorwürfe der Unesco betreffen in erster Linie den illegalen Bau von privaten Villen im Perimeter des Schutzgebiets. Es handelt sich dabei um äusserst begehrte Parzellen mit Meerblick. Diese Bewilligungen sollen vor allem in den letzten 15 Jahren erteilt worden sein. Es versteht sich von selbst, dass es äusserst schwierig ist, eine derartige Entwicklung wieder rückgängig zu machen. Andere Vorwürfe betreffen etwa die mangelnde Sicherung des Ausgrabungsgeländes sowie des archäologischen Museums. In diesem Bereich sind in den letzten Jahren tatsächlich Massnahmen ergriffen worden.

Kein Einzelfall

Karthago ist leider kein Einzelfall. Viele der unzähligen vorislamischen Monumente und archäologischen Stätten sind heute schlecht unterhalten und teilweise gar akut bedroht. Zwar werden die bedeutendsten archäologischen Stätten des Landes – etwa Thougga, Bulla Regia, Sbeïtla oder El Jem – meist noch ganz passabel unterhalten. Doch Experten wollen auch bei diesen Ruinenstätten Mängel in Unterhalt und Pflege erkennen, die schon bald offen zutage treten könnten. Zu diesen Fachleuten gehört der Historiker Mohammed Tlili, der als Experte während Jahren für das Institut national du Patrimoine, das staatliche Institut für Denkmalpflege (INP), gearbeitet hat. Als Einziger war Tlili bereit, sich namentlich zu diesem Thema zu äussern.

Die Vernachlässigung betrifft sehr viel stärker die kleineren, etwas weniger bekannten archäologischen Stätten des Landes, von denen es in Tunesien Hunderte gibt. Sie sind nicht minder wertvoll, werden aber nur wenig besucht, da sie weit weg von der Hauptstadt oder den touristischen Zentren liegen – etwa Makhtar, das antike Mactaris, oder Oudna. Noch schlechter steht es um die unzähligen überall im Land verstreuten baulichen Relikte aus frühen Epochen, denen überhaupt keine Beachtung mehr geschenkt wird. Vor allem an solchen Orten kommt es laut Tlili regelmässig zu Raubgrabungen und illegalem Export der zutage geförderten Antiquitäten.

Passive Ministerien

Angesichts dieser Bedrohung erstaunt die Passivität des tunesischen Kulturministeriums. Dieses unternehme in der Praxis kaum etwas, so Tlili, um das archäologische Erbe zu sichern und gegen die erwähnten illegalen Aktivitäten vorzugehen. Erstaunlich passiv verhält sich auch das Tourismusministerium, das ja ein grosses Interesse am Erhalt des einmaligen kulturellen Erbes haben sollte. So ist das weitläufige Karthago mit seinen römischen und punischen Ruinen sowie anderen kulturgeschichtlichen Kostbarkeiten – etwa der einzigen Villa von Le Corbusier auf afrikanischem Boden – noch immer nicht durch einen Rundgang erschlossen.

Der sorglose Umgang mit dem kulturhistorischen und vor allem mit dem archäologischen Erbe lässt sich überall in Tunesien mit blossem Auge feststellen. Der wohl gravierendste Fall betrifft den rund 130 Kilometer langen römischen Aquädukt, der bis ins 18. Jahrhundert noch funktionierte und einst Wasser aus den Bergen von Zaghouan nach Karthago leitete. Es handelt sich um den längsten Aquädukt aus der Antike. Dessen ungeachtet ist das majestätische Bauwerk an verschiedenen Stellen durch illegal errichtete Gewerbebauten und Baracken sowie durch Parkplätze unter den Bögen oder in deren Nähe bedroht. Einzelne Teile des römischen Aquädukts sollen gar mit schweren Baumaschinen zerstört worden sein. Der tunesische Abgeordnete Souhail Alouini erliess in Anbetracht des Desinteresses und der Passivität der zuständigen Behörden kürzlich einen verzweifelten Hilferuf: Wenn nicht rasch gehandelt werde, nehme das berühmte Bauwerk unwiederbringlich Schaden.

Wenn sogar Bauwerke, die auf einer nationalen Liste von schützenswerten Objekten stehen, direkt bedroht sind, so lässt es sich leicht ausmalen, wie es um die Tausende von kleineren, weniger bedeutenden und kaum bekannten Kulturgütern und auch um die kleinen Museen irgendwo im Hinterland steht. Viele dieser archäologischen Stätten, so berichtet Mohammed Tlili, befänden sich in einem beklagenswerten Zustand und würden kaum mehr unterhalten. In den kleineren lokalen Museen und vor allem in deren Depots, wo die nicht ausgestellten Objekte gelagert werden, befürchtet er sogar massive Entwendungen. In vielen dieser Sammlungen fehle ein konsequentes Inventar, so dass Diebstähle kaum bemerkt werden könnten.

Wie aber ist diese kaum nachvollziehbare Gleichgültigkeit und Schlamperei gegenüber dem unschätzbar wertvollen historischen Erbe zu erklären? Unser Gewährsmann sieht im Wesentlich drei Gründe. Zum Ersten soll es schon in den letzten Jahren der Herrschaft Ben Alis zu einem spürbaren Niedergang im Umgang mit dem kulturgeschichtlichen Erbe gekommen sein. Das staatliche Institut für Denkmalpflege INP habe ab etwa dem Jahr 2000 seine Autonomie zunehmend verloren und sei direkt unter die Kontrolle des Präsidenten und seiner Familie gestellt worden. Auf solche Weise habe das INP seinen einst hervorragenden Ruf innerhalb weniger Jahre weitgehend verloren. Korruption, Schlendrian und die Ernennung von inkompetenten Funktionären wurden zur Regel.

Der zweite wichtige Grund liegt laut Tlili im Ausbruch der sogenannten Revolution, der mit ihr verbundenen Turbulenzen und im Zerfall der behördlichen Autorität. Während mindestens dreier Jahre konnten lokale Baubehörden, aber auch die Polizei ihre Aufgaben überhaupt nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt wahrnehmen.

Einen dritten Grund erkennt unser Gewährsmann schliesslich im zunehmenden Einfluss der Islamisten. Zwar war die islamistische Ennahda-Regierung bloss etwas länger als zwei Jahre an der Macht. Doch die Partei ist stark geblieben. Und deren Interesse an nicht-islamischen Kulturgütern ist – gelinde gesagt – gering. Viele Beobachter sind überzeugt davon, dass die tunesischen Islamisten punische, römische oder byzantinische Kulturgüter insgeheim als Werke von Ungläubigen ansehen und entsprechend geringschätzen.

Nötige Mentalitätsänderung

Neben den erwähnten Gründen konstatiert Tlili ganz allgemein eine Gleichgültigkeit und eine Verwilderung der Sitten, die in Tunesien nach der Revolution um sich gegriffen haben. Niemand scheint sich mehr gross um das Gemeinwohl zu kümmern. Exemplarisch zeigt sich dies an einer erschreckenden Verschmutzung des Landes, die jedem Beobachter sofort ins Auge sticht. Davon sind häufig auch geschützte Bauwerke und archäologische Stätten betroffen. Viele kleine lokale Vereine versuchen gegen diese Entwicklung anzukämpfen. Sie rufen die Bürger zu mehr Selbstverantwortung auf und engagieren sich für den Schutz der Umwelt und der historischen Bauwerke.

Auch in Sidi Bou Said hat sich eine solche Bürgerinitiative konstituiert. Der äussere Anlass war ein Brandanschlag von Salafisten auf die «Zaouia», den Sitz einer islamischen Bruderschaft, und auf das Grabmal des dort begrabenen Lokalheiligen. Der kleine Verein namens Association de la sauvegarde des monuments de Sidi Bou Said sammelte Geld und nahm die Renovation des schwerbeschädigten Monuments, das sich nur wenige Schritte neben dem berühmtesten Café von Sidi Bou Said befindet, tatkräftig an die Hand.

Heute erstrahlt das historische Monument, welches nach wie vor von einer Bruderschaft genutzt wird, wieder in neuem Glanz. Der Verein kümmert sich laut Aussagen seines Präsidenten, Walid Maaouia, auch allgemein um die Sensibilisierung der Bevölkerung in Sachen Denkmalschutz und versucht ausserdem die Behörden in dieser Hinsicht aufzurütteln. Zeichen der Hoffnung wie die kleine Bürgerinitiative haben im nachrevolutionären Tunesien Seltenheitswert. Umso mehr verdienen sie Unterstützung.