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Langjährige Beziehungen

Die Erotik der Trägheit

Meinung / von Milosz Matuschek / 10.09.2016

Kann jemand wirklich spannend, individuell und „besonders“ sein, wenn es schon mit der Distinktion per Klingelton nicht klappt?

Sie haben gerade einen neuen Menschen kennengelernt. Sie sind begeistert von dessen Ausstrahlung, Kreativität, dem Elan – bis das Handy klingelt und alles wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Dieser Klingelton, das ist doch, genau: die Standardeinstellung, das „Default Setting“. Die Enttäuschung ist gross. Kann jemand spannend, individuell und „besonders“ sein, wenn es schon mit der Distinktion per Klingelton nicht klappt?

Liebe in der Position der Scheintoten

Nun ja, zumindest sollte man versuchen, sich das einzureden. Denn die wahren Individualisten sind rar. Der Mensch neigt zu Trägheit und Routine. Er nimmt Optionen am liebsten so wahr, wie sie präsentiert werden, wählt mittags brav aus dem angebotenen Tagesmenu, guckt am Sonntag den „Tatort“ und liebt danach gerne in der Position der amourös Scheintoten, der „Missionarsstellung“. Die Welt täglich neu zu erfinden, ist ihm ein Graus. In der Kneipe ist er längst Stammgast, und an seinem Ferienort kennt man ihn seit 25 Jahren, nebst Plakette im Eingangsbereich des Hotels. Aus dem gleichen Grund ist er auch Abonnent einer Fernsehzeitung, die er vor fünf Jahren zur Probe bestellt und schlicht „vergessen“ hat zu kündigen.

(Bild: imago stock&people)

Die klassische Ökonomie sah den Menschen lange anders, als „Homo oeconomicus“, der als Nutzenmaximierer unermüdlich nach den besten Optionen sucht. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert A. Simon dagegen favorisiert den Mittelweg zwischen beiden Extrempositionen und sieht den Menschen als Kompromisslebewesen, welches zwar nach dem Besten sucht, aber sich mit dem „Gut genug“ zufriedengibt („Satisficing“). Wenn es im Leben erst mal halbwegs läuft, wird nicht täglich das Rad neu erfunden.

Wozu Optimierungsstress, wenn man einen ruhigen Fernsehabend haben kann? Das dicke Ende kommt dann später, und bei den „Glücklichen“ war einfach der Tod etwas schneller.

Ist es in langjährigen Beziehungen anders? In der Regel stiftet die Liebe den Anfang, den Rest besorgen Trott und Trägheit, welche die Zeit der Zweisamkeit wie einen Kaugummi in die Länge ziehen. Es läuft dann eben wie auf Schienen, und ehe man sich versieht, ist wieder ein Jahr um. Das Laufenlassen ist zudem mit weniger Anstrengung verbunden, als neue Schienen zu verlegen, die Richtung zu ändern oder die Weichen neu zu stellen. Was viele noch für eine aktive Beziehung halten, ist vielleicht schon längst ein Museum, gebaut auf der Routine des täglichen Kaffees am Frühstückstisch und dekoriert mit einer Säulenhalle aus alten Erinnerungen.

Die Ehe ist die Paradedisziplin der Beziehungsträgheit in Form des „Default Setting“. Einmal geschlossen, soll sie möglichst nicht sofort wieder infrage gestellt werden, und auch ihrer Ausgestaltung sind natürliche Grenzen gesetzt. Sie gleicht oft dem Abonnement, wie bei der Fernsehzeitung, und irgendwann, na ja, ist man eben schon sehr lange zusammen, und irgendwie ist es ganz nett. Wozu also Optimierungsstress, wenn man einen ruhigen Fernsehabend haben kann? Das dicke Ende kommt dann später, und bei den „Glücklichen“ war vielleicht einfach der Tod etwas schneller.

Ein regelmässiger „Beziehungs-TÜV“

Trägheit kann krankende Beziehungen wie eine Art Koma fast unendlich verlängern. Vielleicht sollte man sich daher auf einen regelmässigen „Beziehungs-TÜV“, eine periodische Analyse, einlassen wie bei der Fahrzeugüberprüfung. Dann kann man den sonstigen Routinen des Alltags auch mit mehr Nachsicht begegnen und muss nicht erschrecken, wenn sich das Handy per Standardgebimmel meldet. Zudem könnte es das eigene sein. Klingeltonindividualismus ist ohnehin so Neunziger.