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Die explodierenden Bauten der Zaha Hadid

von Roman Hollenstein / 01.04.2016

Sie war die genialste Architektin unserer Zeit, die 1950 in Bagdad geborene Zaha Hadid. Mit ihren organisch fließenden Bauten faszinierte sie die Welt. Nun ist sie im Alter von 65 Jahren in Miami gestorben.

Wer ihr begegnen durfte, wird diesen Augenblick nie vergessen. Mit ihrer physischen Präsenz beherrschte Zaha Hadid den Raum, während sie ihre intellektuelle Schärfe raffiniert hinter barock geschnittenen Designerkleidern zu verbergen suchte. Stets war ihr Erscheinungsbild perfekt, perfekt wie ihre Bilder, auf denen Bauten – einer höheren Logik gehorchend – zu explodieren scheinen. Diese Darstellungen nahm die Architekturwelt 1983 mit Erstaunen wahr, als ihr Hongkonger Projekt „The Peak“ publiziert wurde. Ein Wirbel der Formen und Farben kündigte hier die Geburt eines neuen Stils an, dem noch der Name fehlte. Zaha Hadids Vision wäre zu einem Meisterwerk geworden, hätte man damals den Mut aufgebracht, sie zu verwirklichen. Doch die geniale Baukünstlerin musste auf ihren beruflichen Durchbruch warten.

Der große Philip Johnson lud sie 1988 zur Teilnahme an der legendären Ausstellung „Deconstructivist Architecture“ im MoMA ein, wo sie neben ihren Lehrern Rem Koolhaas und Bernard Tschumi ihre Peak-Gemälde präsentieren durfte. Doch es war der Basler Rolf Fehlbaum, der dem Rockstar des architektonischen Dekonstruktivismus als Erster Gelegenheit zum Bauen gab: das 1993 vollendete Feuerwehrhaus auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein. Dieses skulpturale, von einer waghalsig auskragenden Betonplatte überdachte Gebäude, dessen Wände zu bersten drohen, bewies, dass Zaha Hadids Entwürfe, die die kühnsten Träume der russischen Suprematisten fad aussehen ließen, realisierbar waren. Seither gilt es vielen als ein Schlüsselwerk mit der Strahlkraft von Le Corbusiers Villa Savoye.

Nachdem das Eis gebrochen war, feierte Zaha Hadid einen Erfolg nach dem andern – sekundiert von ihrem Geschäftspartner Patrick Schumacher: die Tramhaltestelle in Straßburg, die Bergisel-Schanze in Innsbruck, das Center for Contemporary Arts in Cincinnati, das ihr 2004 den Pritzkerpreis eintrug, das Phaeno-Museum in Wolfsburg, das MAXXI in Rom, das Riverside Museum in Glasgow, das Opernhaus in Guangzhou, das Heydar Aliyev Center in Baku und das vor wenigen Monaten auf dem Kronplatz in Südtirol eröffnete Messner Mountain Museum. All diese Bauten zeugen von einem grandiosen künstlerischen Können, aber auch von mangelndem Interesse an städtebaulichen und kontextuellen Aspekten. Das erklärt vielleicht ihre Misserfolge in der Schweiz, wo sie weder das Basler Stadtcasino noch den Erweiterungsbau des Kunstmuseums realisieren durfte.

Nun ist die von der Queen geadelte Architektin während eines Aufenthalts in Miami, wo sie neben dem Pérez Art Museum von Herzog & de Meuron ein gedrechseltes Hochhaus und in Miami Beach einen Autosilo bauen sollte, an einem Herzinfarkt gestorben. Mit ihr verliert die Kulturwelt eine Lichtgestalt.