EPA/MICHAEL KAPPELER

Vergangenheitsbewältigung

„Die Flüchtlinge, sie machen mir Angst“

von Barbara Lehmann / 29.10.2015

Die Flüchtlingsfrage rührt an eine lange verdrängte Dimension deutscher Geschichte: die Vertreibung aus dem Osten nach 1945. Gerade darum leitet sie das politische Handeln untergründig stark an. Schriftstellerin Barbara LehmannBarbara Lehmann lebt als Schriftstellerin und als freie Autorin mit Themenschwerpunkt Osteuropa in Berlin. Kürzlich ist von ihr im Verlag Langen Müller der Tschetschenien-Roman „Eine Liebe in Zeiten des Krieges“ erschienen. über die Angst vor den Flüchtlingen.

Seit meiner Kindheit begleiten mich innere Bilder von Flüchtlingen, die unsere Städte stürmen. Horden. Barbaren, die alles zerstören, was wir nach dem Krieg an Zivilisation, an Kultur wiederaufgebaut und gerettet haben.

Diese Massen der Flüchtlinge, die heute nach Deutschland kommen, sind mein real gewordener Albtraum. Sie machen mir Angst wie vielen. Ich fühle mich bedroht, existenziell, praktisch, ökonomisch. Ich habe Angst davor, dass diese Fremden mir das wenige, was ich habe, wegnehmen könnten.

Welchem emotionalen Bodensatz entstammen diese Ängste, die, angesichts der ganz konkreten Herausforderung, ja Überforderung, die der Ansturm der Flüchtlinge an uns stellt, so viel Emotionales, Ungefiltertes preisgeben? In der deutschen Provinz, aus der ich stamme, gab es keine Ausländer. Die Fremden waren wir selber, meine Eltern, Grosseltern, die aus dem Osten kamen. Flüchtlinge, zeitlebens.

Bruchstücke von Erzählungen

Damals. Ich erinnere mich an die Fabrik meines Vaters, die Bruchstücke eines Familienbetriebs, der eigentlich im Osten lag, enteignet worden war und von ihm und meinem Grossvater im Westen wiederaufgebaut wurde, bis die Firmenneugründung Konkurs anmelden musste. Ich erinnere mich an eine großbürgerliche Welt, die nur noch in Bruchstücken, auf Familienfotos und in ein paar Möbeln hinübergerettet wurde, aber als Ganzes vernichtet war – unwiderruflich. Ich erinnere mich, dass diese Welt mitunter fragmentarisch sichtbar wurde, auch ihre Schattenseiten, etwa, wenn mein Großvater spätabends, unter dem Einfluss von einem Glas Wein, einwarf, dass in der Nazizeit doch nicht alles schlecht war und unter Hitler Autobahnen gebaut wurden. Dass es aufwärts ging – anfangs.

Ich erinnere mich aber auch an unterdrücktes Schluchzen, an Bruchstücke von Erzählungen, von Bomben auf Dresden, Massakern an Juden, von jüdischen Vertretern in der Firma des Vaters, die dank dem stillen Wirken meines Grossvaters gerettet wurden. Aber diese Erzählungen blieben abgerissen, Fetzen. Und zwar nicht nur deshalb, weil der Erzählende nicht imstande war, Kohärentes zu vermitteln, sondern auch, weil die Worte auf wenig Gegenliebe stießen. Es galt, eine heile Welt zu schaffen, innerhalb einer am Kaffeetisch der Großeltern für ein paar sonntägliche Stunden zusammengeschmiedeten Familie. Alles, was Anlass zu Streit, Zerwürfnissen und Trauer hätte geben können, wurde im Keim erstickt.

In dieser Welt von im Osten enteigneten Fabrikanten, Flüchtlingen, die zu stolz waren, staatliche Hilfen zu erbitten, die aus eigener Kraft einen Neuanfang im Westen versuchten, der indes schnell scheiterte, gab es keinen Platz für eine zusammenhängende Erzählung, keine Gefühlsbeschreibung, was Enteignung, Flucht, Vertreibung mit der Familie gemacht hatten. Es gab auch keinen Platz für die damit verbundenen Emotionen, Wut, Angst, Verzweiflung.

Der Überlebenskampf erstickte das Emotionale. Die gemeinsame, oftmals verbissene Anstrengung, es doch noch einmal zu schaffen. Wir krempeln die Ärmel hoch. Weiter. Eine Selbstüberschätzung, auch der eigenen Möglichkeiten, Kräfte. Selbstausbeutung.

Deutschland wäre ein anderes Land geworden, wenn jenseits der offiziellen Vergangenheitsbewältigung diese emotionale Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte stattgefunden hätte. Es wäre einerseits wärmer und andererseits rationaler.

Allen Behauptungen zum Trotz, wir hätten in so vorbildlicher Weise die Vergangenheit bewältigt, ist entgegenzuhalten: Die Schuld der Nazis, unserer Väter, Großväter lastet noch immer auf unseren Schultern. Das bestimmt unsere Reflexe, auch in der Flüchtlingsfrage. Wir Deutsche sind Extremisten – im Guten wie im Schlechten.

Der gleiche Aktionismus

Die gleichen Reflexe, die gleichen Muster, die ich aus meiner Nachkriegskindheit kenne, begegnen einem auch heute, in der Flüchtlingsdebatte. Die gleiche Betriebsamkeit, der gleiche Aktionismus. Wir schaffen das. Augen zu und durch! Wir packen es. Es geht nach vorne. Weiter. Der ganzen Welt ein Beispiel. Diese Durchhalteparolen klingen zwanghaft. Sie wiederholen jene Muster, die schon die bundesrepublikanische Aufbauanstrengung begleiteten. Aber diesmal, so meine Sorge, werden sie die Menschen in Deutschland nicht erreichen. Sie werden auch von der übrigen Welt, entgegen den medialen Durchhalteparolen, keineswegs als nachahmenswert wahrgenommen. Im Gegenteil, sie rufen Abwehr hervor, und zwar nicht nur bei der einheimischen Bevölkerung, sondern auch bei anderen Nationen. Erschwerend kommt hinzu, dass wir Deutschen mit den Flüchtlingen auch jenem Teil unserer Historie begegnen, den wir emotional, in den Tiefenschichten unserer Gefühle, nie als Teil von uns begriffen, sondern stets abgewehrt haben.

Ein Volk, das sich hinter einen Führer scharte, der zu Rassereinheit und Weltherrschaft aufrief. Und das ihm Gefolgschaft schwor noch in jenen Stunden, als der Kollaps dieser Idee die größte Völkerwanderung der Geschichte auslöste. Auch das sind wir – Selbstvernichtung, Selbstauslöschung. Wir sind diesen Weg gegangen, bis zum bitteren Ende. Warum? Emotional haben wir uns diesen Fragen verweigert, weil wir die Antwort – unsere Fratze im Spiegel – nicht ertragen.

Deutsche Ostflüchtlinge 1944/45
Credits: Archiv Berliner Verlag/DPA/Keystone

Neulich reiste ich durch die Ostukraine. Es war eine Reise zu Orten der Zerstörung, von Flucht und Vertreibung. Ich war den Weg der Flüchtlinge zurückgegangen – an jene Stätten, die ihnen Heimat waren und die sie nun gezwungen waren zu verlassen. Ich kämpfte mich durch Checkpoints hindurch, an Auto- und Menschenschlangen vorbei. Mehrere Tage hielt ich mich in Donezk auf, im Gebiet der Separatisten, wo eine Junta die verängstigte Bevölkerung brutal im Griff hält. Ich schlug mich auf beide Seiten der Front durch. Getrieben von der Frage, wie Gewalt entsteht, aus welchen Abgründen und was sie anrichtet mit den Menschen. Ebenso wollte ich wissen, was Flucht bedeutet auch für uns, die wir derzeit, Tag für Tag, so viele Flüchtlinge aufnehmen. Gebrochene, Verstörte, mit schwierigen Biografien. Können wir eigentlich helfen?, fragte ich mich immer wieder. Sind wir überhaupt dazu imstande?

In Donezk, im Gebiet der von der Ukraine abgespaltenen Separatisten, traf ich Swetlana. Sie sah für sich und ihre Familie keine Perspektive mehr. Ihr Mann arbeitete in Konstantinowka, auf der ukrainischen Seite, und sie hatten dort in einer kleinen Mietwohnung bereits Zuflucht gefunden. Nun war sie ein letztes Mal nach Donezk zurückgekommen, um in ihrem Haus Wasser und Strom abzustellen. Swetlana wusste, sie würde nicht mehr zurückkehren.

Swetlana weinte oft

Swetlana: Eine Frau in den mittleren Jahren, in Donezk geboren, die sich zeitlebens nie um Politik gekümmert hatte. Eine Mutter, die nur für ihr kleines Haus, ihre Familie gelebt hatte. Ihr Haus war nichts Besonderes, ein einstöckiger, grauer Flachbau aus den Vierzigerjahren, preiswert erworben, den sie und ihr Mann in den letzten fünfzehn Jahren Stück für Stück instand gesetzt hatten, wohnlich gemacht, zurechtgeschnitten auf die Bedürfnisse der Familie.

Swetlana weinte oft. Früher, sagte sie, waren sie, die Donezker, eine Einheit. Jetzt gab es zwischen ihr und der Nachbarin bereits eine Mauer. Sie trennte die, die geflohen waren, von denen, die zurückblieben, die die Bombardierung der Stadt erlebt hatten, Tote und Verwundete sahen und dem Terror weiterhin ausgesetzt blieben.

Ich verstand, was meine junge Mutter durchmachte, als sie, als ginge sie nur auf eine kurze Reise, mit einem Koffer in der Hand ihre Villa und die Fabrik verließ. Damals. Ich verstand den Schmerz. Ich verstand, was Flucht bedeutet. Ich verstand in diesem Moment auch, warum die Vergangenheit meine Eltern nicht losgelassen hatte.

Abstammend von begüterten Familien im Osten, enteignet, geflohen, Flüchtlinge zeitlebens, waren sie im Westen eigentlich nie angekommen, trotz ungezählten Neuanfängen, Kämpfen. Sie, meine unglücklichen Erzeuger, hatten ihr früheres Leben zum Glaskugelidyll verklärt und im Regal abgestellt. Später, nach der Vereinigung, als sie als alte Leute in die Heimat zurückkehrten und vor den Ruinen dessen standen, wonach sie sich zeitlebens gesehnt hatten, war das Glaskugelidyll zerplatzt.

Nach der Wende, angesichts der Ruinen, die von dem einzigen Besitz übrig geblieben waren, entzogen sich meine Eltern mit ihrem gemeinsamen Selbstmord auch jenen Fragen, die ich ihnen, als ich älter wurde, noch stellen wollte.

Mauer des Schweigens

Der Krieg, verstand ich während meiner Ukraine-Reise, zieht nicht nur eine Mauer des Schweigens zwischen denen, die fliehen, und denen, die bleiben, er zieht auch eine Trennlinie zwischen Militärangehörigen und Zivilisten. Einer, der einmal im Krieg war, wird emotional nie mehr für ein ziviles Leben taugen, auch wenn er bestrebt ist, ungeachtet aller Betriebsamkeit und aller Durchhalteparolen.

Ich traf Kaszbek, einen tschetschenischen Geschäftsmann, der nun auf der Seite der Ukrainer gegen die Russen kämpfte. Er hoffte, auf diese Weise zukünftig auch die Diktatur von Kadyrow, dem tschetschenischen Präsidenten von Putins Gnaden, zu brechen. Ich sah, wie er den alten Kampf wiederaufnahm, dem er doch versuchte zu entfliehen, als es ihn als jungen Mann vor den Tschetschenienkriegen in die Ukraine verschlug. Nun, zwanzig Jahre später, trat er wieder an. Es ist auch ein Kampf gegen den eigenen Vater und den Bruder, die weiterhin in Tschetschenien leben und damit zu Kadyrow stehen. Ich sah, dass in der auseinandergebrochenen Familie Sprachlosigkeit herrschte.

Ich sah seine Verstörung, seine Wut, ja Aggression, wenn ich ihn nach der Familie fragte. Er blieb in Mustern gefangen – kollektiven, nationalen –, die er nicht abstreifen konnte. Er, der erfolgreiche Geschäftsmann, der nun in den kriegerischen Kampf gegen die Russen verstrickt war und dabei sogar Momente der Euphorie und des Glücks erlebte, die illusorisch waren in meinen Augen, war daran, alles zu zerstören, was er sich aufgebaut hatte. Er war bereits für das zivile Leben verloren.

Ich sah, immer noch, schon wieder, meinen Vater und seinen älteren Bruder. Ihren Zwist. Den Krieg der Brüder.

Das hatte ihn gebrochen

Bereits mit neunzehn Jahren war mein Vater als Panzerleutnant an die Front in Russland geschickt und dort mehrfach verwundet worden. Vier Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft zerstörten seine Jugend. Nach seiner Heimkehr gab es die östliche Heimat, so, wie er sie gekannt hatte, nicht mehr – er floh mit meinen Grosseltern in den Westen. Er war ein Mann ohne Eigenschaften. Man hatte ihn mehrfach durch den Fleischwolf der Ideologien gedreht – erst der Nazis, dann der Kommunisten –, und das hatte ihn gebrochen.

Man hatte ihn enteignet, im wahrsten Sinne des Wortes. Auf diese Weise, sich selbst entfremdet, waren ihm auch die Worte, Erinnerungen abhandengekommen. Ja, in gewisser Weise hatte man sie ihm gestohlen, denn seine Geschichten von Krieg, Flucht und Vertreibung fanden, jenseits von Moral und Schuldzuweisung, im Nachkriegsdeutschland keinen Resonanzraum.

Ich sah auch den älteren Bruder meines Vaters, der das Glück hatte, nie im Krieg gewesen zu sein. In der DDR geriet er als Sozialdemokrat zwischen die Fronten, wurde von seinen westlichen Genossen an die DDR verraten und in sibirische Lagerhaft verbannt. Er kam als Spätheimkehrer zurück. Im Unterschied zu meinem Vater hatte er das Glück gehabt, auf der „richtigen Seite»“ gestanden zu haben. Das verlieh ihm Selbstbewusstsein, eine politische „Überzeugung“ – und Anerkennung, zumindest seitens des jüngsten Bruders.

Die Brüder mochten sich nicht. Zwischen ihnen herrschte Verstörung. Sie redeten nicht viel miteinander. Es gab oft Streit. Dann brach der Kontakt ab.

Die Geschichten der Väter

Manchmal, besonders auf meinen Reisen durch den Osten, fühle ich mich wie Kassandra – ich rede aus einer Zukunft, die andere, Jüngere, die Flüchtlinge von heute, noch vor sich haben.

Eines Morgens traf ich in Donezk Swetlana in ihrer Küche. Weinend. Vor ihr stapelten sich alte Familienfotos. Sie hatte sie aus den Alben gerissen, so wogen sie leichter und waren nun besser zu transportieren. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass diese Fotos auf der Rückseite beschriftet waren. Jetzt, in dieser Situation der Vertreibung, wurde ihr bewusst, dass sie wenig über ihre Familie wusste. Über ihre Mutter und ihre Großmutter, die Pogrome und Vertreibung, das Versprechen einer besseren Zukunft aus Odessa nach Donezk geschwemmt hatten. Damals. Nun versuchte sie, die Fetzen zusammenzufügen und zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass sich alles wiederholte.

Die Krisen von heute sind, im Osten wie im Süden, eine Folge dessen, was an den Tafeln, im engen Kreis, die Geschichten der Väter, der Grossväter waren, die nie erzählt worden sind. Hier wie dort, diesseits und jenseits aller Grenzen und Checkpoints, fehlte die Erzählung als sinnstiftendes Element zwischen den Generationen. Diese Erzählung wäre nicht nur im gesellschaftlichen Rahmen in den Familien, zwischen Opfern und Tätern, notwendig gewesen, sondern sie hätte auch nationenübergreifend eine Brücke bilden können.

Wie können wir heute, in Deutschland, den Flüchtlingen eine Heimat geben, wenn wir uns selbst fremd sind? Wenn wir selbst keine Heimat haben?

Sich einander anvertrauen

Mehr Privatheit, Offenheit, Intimität wäre vonnöten. Trotz siebzig Jahren „Vergangenheitsbewältigung“ stehen wir am Anfang. Flüchtlinge – das sind wir alle. Wir, hier in Deutschland, sollten die Fremden, die heute zu uns kommen, willkommen heißen, aber in unseren Grenzen, unter Abschätzung der uns gebotenen Möglichkeiten.

Wir sollten sie und uns dabei nicht überfordern. Sicher, wir sollten uns öffnen. Sicher, wir sollten uns mit ihnen austauschen. Aber zuvor sollten wir uns endlich unserer eignen Geschichten und deren unserer Familien bewusst werden. Geschichten, die noch immer tief auf dem Boden der familiären Truhen ruhen und es endlich verdient haben, ans Licht zu kommen. Wir sollten sie uns untereinander erzählen, aber sie auch den Flüchtlingen anvertrauen. Erst dann werden wir auch in der Lage sein, die Geschichten der Fremden anzuhören. Nur wenn wir selbst wissen, woher wir kommen, wo wir jetzt stehen und was wir in Zukunft sein wollen, können wir den Fremden Schutz bieten und ihnen geben, was wir – und sie – am dringendsten brauchen: Heimat.