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Religion

Die Freiheit der anderen

von Uwe Justus Wenzel / 07.12.2015

Am 8. Dezember 1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende. Kurz vor Schluss wurde noch die Erklärung zur Religionsfreiheit – „Dignitatis humanae“ – verabschiedet: ein in seiner Bedeutung kaum zu überschätzendes Dokument.

Der letzte Mönch, der von einem Konklave in das höchste Amt gewählt wurde, das die römisch-katholische Kirche zu vergeben hat, war Bartolomeo Alberto Cappellari. Als Gregor XVI. veröffentlichte er im August 1832 seine Antritts-Enzyklika. Darin lässt er sich „über den Liberalismus und religiösen Indifferentismus“ aus. Die Gleichgültigkeit in Glaubenssachen, die sich durch die „Bosheit ruchloser Menschen“ überall verbreite, sei – so wettert der Oberhirte – die „modrige Quelle“, aus der „jene törichte und falsche Ansicht“ fließe, „die man besser als Wahnsinn“ bezeichne: die Ansicht nämlich, einem jeden Menschen „müsse die Freiheit des Gewissens zugesprochen werden“. Solch „verderblichem Irrtum“ bereite die „übermäßige Meinungsfreiheit“ in Staat und Kirche den Weg. Dass derlei Freiheiten des Teufels seien, hat auch Gregors direkter Nachfolger, Pius IX., bekräftigt. Seine Enzyklika „Quanta cura“ samt beigefügtem „Verzeichnis der Irrtümer“ verurteilte 1864 die Religionsfreiheit sowie die Trennung von Staat und Kirche.

Der Staat als Arm der Kirche

Ein dienstbarer Staat, der als deren weltlicher Arm der Kirche und der von ihr verwalteten Wahrheit die gehörige Nachachtung in der Gesellschaft verschafft und der darum andere Glaubensbekenntnisse oder Religionen als Irrtümer wenn schon nicht verbietet, so doch allenfalls duldet, sofern es das Gemeinwohl erfordert – diese Vorstellung eines Schulterschlusses von Heil und Herrschaft, Wahrheitsanspruch und Machtinstrument ist als Fluchtpunkt für das offizielle Selbstverständnis der katholischen Kirche bis in die jüngere Vergangenheit hinein prägend geblieben.

Erst das Zweite Vatikanische Konzil hat mit solcher Form politischer Theologie gebrochen, namentlich durch die Verabschiedung der Erklärung zur Religionsfreiheit, die von Papst Paul VI. zusammen mit anderen folgenreichen Erklärungen, Dekreten und Konstitutionen vor fünfzig Jahren, am 7. Dezember 1965, in Kraft gesetzt worden ist. Erst mit „Dignitatis humanae“, wie die Erklärung nach ihren Anfangsworten betitelt ist, hat die älteste existierende Institution von Weltgeltung das aggiornamento auf den Weg gebracht, das ihr von Pauls Vorgänger, Johannes XXIII., als Verjüngungskur verordnet worden war.

Noch während der Beratungen der Bischöfe, die in vier Sitzungsperioden von 1962 bis 1965 im Vatikan zusammentrafen, kamen freilich Lehrbücher des Kirchenrechts aus der Druckpresse, in denen etwa dies zu lesen stand: „Der religiös neutrale Staat der Neuzeit erscheint ihr [der Kirche] als nationale Apostasie. Als getreue Hüterin der christlichen Offenbarung kann die Kirche dem Irrtum keinerlei Rechte zugestehen und muss daher die unbeschränkte Bekenntnis- und Kultusfreiheit ablehnen …“ Auf den Einwand, die Kirche messe mit zweierlei Maß, wenn sie dort, wo katholische Christen in der Minderheit seien, Religionsfreiheit für sich fordere, aber dort, wo sie das Sagen habe, das Recht der Andersgläubigen beschneide, hatte noch 1960 der einflussreiche Kirchenrechtler und Kurienpolitiker Alfredo Ottaviani 1960 selbstbewusst zu Protokoll gegeben: „In der Tat, zweierlei Maß und Gewicht ist anzuwenden, das eine für die Wahrheit, das andere für den Irrtum.“

Die Vertreter dieser „traditionellen“ Lehre bildeten im Konzil eine Minderheit, die bei der Abstimmung über „Dignitatis humanae“ schließlich kaum ins Gewicht fiel, auch wenn keines der anderen Konzilsdokumente mehr Nein-Stimmen erhielt: 2.308 „Konzilsväter„ votierten mit Ja, 70 mit Nein (8 ungültige Stimmen wurden zudem gezählt). Doch es wurde mit den Beharrungskräften, die kurialen Beistands nicht entbehrten, in der Sache zuvor ausgiebig gestritten – und das Ergebnis ist naturgemäß ein Kompromiss. Spuren des Ringens mögen sich auch in einigen vagen oder verklausulierten Formulierungen des – alles in allem – noch immer staunenswerten Textes finden.

Ein Recht

Der Eingangssatz situiert sich und alles, was ihm folgt, in der Gegenwart einer Bewusstwerdung: „Die Würde der menschlichen Person – dignitatis humanae personae – kommt den Menschen unserer Zeit immer mehr zum Bewusstsein, und es wächst die Zahl derer, die den Anspruch erheben, dass die Menschen bei ihrem Tun ihr eigenes Urteil und eine verantwortliche Freiheit besitzen und davon Gebrauch machen sollen …“ – Diese Freiheit ist auch eine in religiösen Belangen, und so erklärt der Text in seinem zweiten Abschnitt mehr oder minder feierlich, die menschliche Person habe „das Recht auf religiöse Freiheit“. Die Freiheit, die gemeint ist, bestehe näherhin darin, „dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl vonseiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie auch frei von jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als Einzelner oder in Verbindung mit anderen […] nach seinem Gewissen zu handeln“.

Es ist, notabene, nicht die Rede von Toleranz, von bloßer Duldung, sondern von einem Freiheitsrecht in religiösen Dingen, von einem „ius ad libertatem religiosam“, das jeder Person als Person zukomme; das unverlierbare Recht gründe in ihrem „Wesen“ als Person und hänge nicht etwa von einer bestimmten subjektiven Verfassung oder davon ab, ob diese Person von ihrer Freiheit in der „richtigen“ Weise Gebrauch mache oder eine „wahre“ religiöse Überzeugung habe.

Die Wahrheit kommt zwar auch ins Spiel, naheliegenderweise in Gestalt der „einzig wahren Religion“, die „in der katholischen, apostolischen Kirche“ verwirklicht sei – aber zu dieser Wahrheit „bekennt“ sich das Konzil, es „erklärt“ sie nicht, es deklariert sie nicht als in irgendeiner Weise rechtlich verbindlich. Die neu gewonnene Unterscheidung von moralisch-religiöser und von rechtlich-politischer Ordnung wird damit nicht wieder verwischt. Sie wird auch dadurch nicht wieder aufgehoben, dass das Konzilsdokument die Würde der menschlichen Person, aus der es das Menschenrecht auf Religionsfreiheit hervorgehen sieht, selbst christlich versteht – nämlich als die Würde, „wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird“. Im Gegenteil: Die Trennung von Religion und Politik wird auf diese Weise theologisch bekräftigt, eine Selbstbegrenzung der Kirche im säkularen Rechtsstaat wird theologisch begründet oder doch zu begründen versucht.

Das Gewissen

Der Dreh- und Angelpunkt ist dabei das Gewissen, in dem nach christlichem (übrigens: nicht nur katholischem) Verständnis die Freiheit des individuellen Glaubensaktes ebenso wie die Verpflichtung zur Wahrheitssuche ihr Medium haben. Es sei, heißt es in „Dignitatis humanae“, Hauptbestandteil der katholischen Lehre, „dass der Mensch freiwillig durch seinen Glauben Gott antworten soll“. Der Wesensart eines „freien Glaubensgehorsams“ entspreche, „dass in religiösen Dingen jede Art von Zwang vonseiten der Menschen ausgeschlossen“ sei.

Durch Gottes „Ruf“ würden die Menschen „im Gewissen verpflichtet, aber nicht gezwungen“. Einige Absätze weiter wird – nicht ohne Selbstkritik, aber auch nicht ohne Untertreibung – gesagt, diese Lehre habe „die Zeiten überdauert“, obgleich in der Geschichte der Kirche „gewiss“ manches geschehen sei, was dem Geist des Evangeliums „entgegengesetzt“ gewesen sei. Auch hier wird eine Brücke sichtbar, die den konservativen Geistern des bischöflichen Kollegiums der Weltkirche gebaut worden ist.

Das Zusammenspiel von Wahrheitssuche und Gewissensfreiheit erfährt noch manche nähere Charakterisierung. Insbesondere eine von ihnen könnte selbst vor dem Gerichtshof einer philosophischen Vernunft und auch dann bestehen, wenn es bei der gesuchten Wahrheit nicht um eine des Glaubens ginge:

Die Wahrheitssuche, so liest man, müsse, um der „Würde der menschlichen Person und ihrer Sozialnatur“ zu entsprechen, auf dem Wege der „freien Forschung“ vonstattengehen, nicht nur „mithilfe des Lehramtes oder der Unterweisung“, sondern auch „der Kommunikation und des Dialogs“. Dergestalt könnten die Menschen „einander die Wahrheit, die sie gefunden haben oder gefunden zu haben glauben, mitteilen, um sich bei der Erforschung der Wahrheit gegenseitig zu unterstützen“.

Der Geist

Der auch und gerade heute in der katholischen Welt wieder beschworene „Geist des Konzils“ scheint durch die zitierten Zeilen besonders kräftig zu wehen. Nimmt man noch einen Gedanken aus dem Vorwort hinzu, zeichnen sich die Grundzüge eines nicht unbekannten kommunikationstheoretischen Wahrheitsbegriffs ab. Die Wahrheit, so versichert das Konzil, mache ihren Anspruch „nicht anders“ geltend als „kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt“. – Sanft und stark: Das mutet beinahe wie der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ an, wie auch der katholische Moraltheologe Eberhard Schockenhoff in einem lesenswerten neuen Kommentar zu „Dignitatis hominis“ zu bemerken nicht umhinkann.

Wie auch immer dem des Näheren sei: Erst das unzweideutige Bekenntnis des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Religionsfreiheit als unveräußerliches Recht hat eine katholische Menschenrechtspolitik möglich gemacht, die nicht unglaubwürdig wirkt – und deren erster Exponent der „polnische Papst“ Johannes Paul II. war. Eine Pointe der Deklaration von 1965 ist eine Selbstverpflichtung: Weil die Lehre von der Freiheit des Gewissens in religiösen Dingen „ihre Wurzeln“ in der göttlichen Offenbarung habe, müsse sie von Christen „umso gewissenhafter beobachtet“ werden. Zweierlei Maß – das eine für den „Irrtum“, das andere für die „Wahrheit“, wie es Alfredo Ottaviani 1960 mit Chuzpe reklamierte – kann es nach dem Konzil in puncto Recht auf Religionsfreiheit nicht mehr geben. In Sachen Moral liegen die Dinge anders, da gilt zweierlei Maß – allerdings gewissermaßen andersherum: Christenmenschen sollten sich stets zuallererst für die Freiheit der anderen – der Andersgläubigen wie auch der Nichtgläubigen – einsetzen.

Die Frage, ob die Erklärung „Dignitatis humanae“ einen Bruch mit der Tradition der katholischen Kirche bedeute oder aber auf ihre Weise eine Kontinuität erkennen lasse, gibt bis heute Anlass zu naturgemäß immer subtiler werdenden Disputen unter Theologen, Kirchenhistorikern und auch Juristen. Die vorbehaltlose Anerkennung der Religionsfreiheit als Menschen- und Bürgerrecht markiert zweifellos einen Bruch.

In der theologischen Begründung dieses Rechts indes ist der Wille zum Anschluss an eine, wenn auch bisweilen „verborgene“, Tradition spürbar. Die Wahrheit freilich wird, wie Eberhard Schockenhoff (in dem erwähnten Kommentar) plausibel macht, „nicht einfach in der Mitte zwischen Kontinuität und Diskontinuität“ liegen. – Wie auch sonst sollte der Schlusspunkt des Konzils ein Aufbruch gewesen sein und eine Institution sich weiterentwickeln, die als Verflechtung von Widersprüchen existiert: als „complexio oppositorum“.