Die Freiheit des Gewissens ist es, worauf es ankommt

von Pascal Hollenstein / 31.05.2015

Gentests an Embryos, die noch nicht im Mutterleib eingesetzt sind, zwingen immer zur Entscheidung, wer zu einem Kind heranwachsen darf. Entscheidend bleibt das freie Gewissen des Einzelnen, meint NZZ-Redakteur Pascal Hollenstein. Am 14. Juni wird in der Schweiz zum Thema Pränataldiagnostik abgestimmt. Bis dahin fangen wir hier die Stimmung im Nachbarland ein. Wenn Sie mehr zum Thema, auch Österreich betreffend, wissen möchten oder eine andere Meinung vertreten, dann können sie mit mir (Yvonne Widler) diskutieren. 

Eine Frau lässt sich künstlich befruchten. Im Reagenzglas verschmelzen Eizelle und Spermium, der Embryo wird in die Gebärmutter eingesetzt. Wochen später folgen die vorgeburtlichen Untersuchungen. Womöglich ergeben sie, dass das Kind eine Behinderung hat, was zum Abbruch der Schwangerschaft führt. Bei einer In-vitro-Fertilisation ist dieses Prozedere heute üblich. Doch es gäbe eine Möglichkeit, dieses zu vereinfachen: Mit der Präimplantationsdiagnostik (PID) kann der Embryo getestet werden, bevor er in den Mutterleib eingepflanzt wird. Am 14. Juni stimmen Volk und Stände darüber ab, ob für dieses Verfahren auf Verfassungsstufe der Weg frei gemacht wird. Frauen, die a priori entschlossen sind, kein schwer behindertes Kind auszutragen, würden damit von Abtreibungen nach erfolgtem Test entlastet.

Schwangerschaft auf Probe

Ist es nicht sinnvoll, Familien von den bisher praktizierten „Schwangerschaften auf Probe“ zu bewahren? In einer pragmatischen Sicht der Dinge liegt die Antwort auf der Hand: Natürlich. Wollen die werdenden Eltern auf jeden Fall verhindern, dass ihnen ein behindertes oder schwer krankes Kind geboren wird, so hat es keinen Sinn, den Labor-Test am fünf Tage alten Embryo zu verbieten. Zumal sie sich dann in der elften Schwangerschaftswoche für eine Abtreibung entscheiden werden.

Dennoch ist die Zulassung der PID nicht einfach eine technische Erleichterung. Zwischen der PID im Labor vor einer Schwangerschaft und der Pränataldiagnostik im Mutterleib bestehen grundsätzliche Unterschiede. Diese sind auch dann zu bedenken, wenn man die PID befürwortet.

Erstens trägt eine Frau bei der Pränataldiagnostik ihr werdendes Kind bereits elf Wochen unter ihrem Herzen. Zeigt der Test eine schwere Behinderung an, so kann sie zwar einen Abbruch beschließen. Dies ist aber keineswegs zwangsläufig, im Gegenteil: Auch in Kenntnis einer Behinderung des Fötus ist es einer Familie grundsätzlich freigestellt, sich für das Kind zu entscheiden. Vielleicht nutzt sie die medizinischen Erkenntnisse ja auch einfach dazu, sich auf das Leben mit einem behinderten Kind vorzubereiten. Vielleicht entscheidet sie sich für einen Abbruch. Beides ist möglich. Und beide Fälle kommen vor.

Im anderen Fall, bei einer künstlichen Befruchtung im Reagenzglas inklusive Gentest am fünften Tag, muss ein Paar gesunde Embryonen auswählen und erblich belastete verwerfen. Die bis zu zwölf Embryonen werden einzig zum Zweck hergestellt, eine Wahl zu haben. Die PID ist also zwingend mit einer Selektion verknüpft. Weil dabei alles hochtechnisiert und entpersonalisiert im Labor abläuft und anders als bei einer Schwangerschaft weder eine körperliche noch eine emotionale Verbindung zum Embryo besteht, wird dieser Zusammenhang leicht übersehen.

Angst vor Designerbabys

Das neue Gesetz über die Fortpflanzungsmedizin will diesem Selektionsprozess klare Grenzen setzen. Es regelt deshalb, in welchen Fällen eine PID zulässig ist, nämlich allein zur Feststellung schwerer Erbkrankheiten und Chromosomenstörungen. Nicht erlaubt wird, was in den USA bereits gang und gäbe ist: Dort bieten Fertilitätskliniken Tests auf Gene an, die ein Risiko für Krankheiten wie Darmkrebs bergen. Auch das Geschlecht des Kindes lässt sich wählen. Und der Tag ist nicht mehr fern, da werden genetische Untersuchungen der Haar- und Augenfarbe folgen und so den Weg zu Designerbabys frei machen.

Weil man in der Schweiz vor dieser Vorstellung zurückschreckt, versuchte der Gesetzgeber einen Mittelweg zu finden. Er sieht die möglichen Vorteile der Präimplantationsdiagnostik, er sieht den pragmatischen Nutzen dieser Methode, der einer Frau den unnötigen Stress erspart, einen Embryo einzupflanzen, um ihn dann in der elften Woche allenfalls wieder abzutreiben. Um aber einem befürchteten Missbrauch einen Riegel zu schieben, definiert er den Anwendungsbereich genau und eng.

Verbieten oder Zulassen

Damit legt aber im Grunde der Staat und nicht mehr die einzelne schwangere Frau die Grenzen zwischen Leben und Tod fest. Er schreibt vor, welche Krankheiten und Behinderungen das Leben so stark beeinträchtigen, dass eine PID mit nachfolgender Ausmusterung gerechtfertigt sei. Das ist aus prinzipiellen Überlegungen problematisch. Doch möchte sich der Staat dieser Rolle gänzlich entziehen, so bleiben ihm nur zwei Möglichkeiten: Er kann die PID wie bisher einfach verbieten. Oder aber er lässt sie zu und verzichtet auf weitergehende Vorschriften. Der Entscheid, nach welchen Kriterien und mit welchen Methoden die Embryonen untersucht werden sollen, würde damit vollständig den einzelnen betroffenen Paaren überlassen.

Nur: Ist ein Totalverbot der PID heute noch haltbar, zumal die Methode im Ausland bereits praktiziert wird? Und wäre eine vollständige Liberalisierung bis hin zum Designerbaby gesellschaftlich zu verkraften? Die zweite Frage ist interessant, doch am 14. Juni stellt sich nur die erste. Fest steht: Auch wenn die PID zugelassen wird, so ist niemand gezwungen, von ihr Gebrauch zu machen. Die Gewissensfreiheit des Einzelnen bleibt somit auch innerhalb der vorgeschlagenen Leitplanken gewahrt. Das ist die rote Linie, die der Staat niemals überschreiten darf. Auch bei einem Ja zur Präimplantationsdiagnostik wäre das nicht der Fall.