Brian Shumway / Redux / laif

Streng gläubig

Die Freiheit überleben

von Albertine Bourget / 11.12.2015

Das Aufwachsen in einer strenggläubigen Gemeinde – sei sie nun jüdisch, christlich oder muslimisch – bedeutet Druck und Enge, aber auch ein Maß an Sicherheit und Ordnung. Der Schritt in die Freiheit fordert meist einen hohen Preis. Ultraorthodoxe Juden in den USA kehren ihrer Gemeinde den Rücken – und schreiben darüber.

„Ich hatte mir geschworen: Wenn ich das überlebe, dann werde ich meine Geschichte erzählen. So viele Frauen, orthodoxe und auch andere, fressen den Schmerz und die Scham, die sie quälen, nur stumm in sich hinein.“ Die Überlebende ist eine zarte junge Frau mit intensivem Blick, die in einem Café in Manhattan, nahe dem Studentenviertel um den Union Square, auf uns wartet. „Beware of pickpockets and loose women“, mahnt ironisch ein Schild an der Wand – Vorsicht vor Taschendieben und leichten Mädchen.

In die Welt geworfen

Ein leichtes Mädchen, eine Gefallene, eine Verrückte, ein Paria: Das ist Leah Vincent für die Ihrigen, seit sie aus der ultraorthodoxen Gemeinde in Pittsburgh geflüchtet ist, wo sie mit zahlreichen Geschwistern unter der Fuchtel ihres Vaters, eines Rabbiners, aufwuchs. Mit siebzehn Jahren landete sie auf dem harten Pflaster von New York, verzweifelt einsam und naiv. Monate des Herumirrens folgten, Begegnungen mit skrupellosen Männern, denen sie sich hingab; sie begann sich zu ritzen, beging einen Selbstmordversuch – die Eltern reagierten mit marmorner Kälte. „Während meiner ganzen Kindheit hatte ich nichts anderes gehört, als dass meine Sexualität das Wichtigste überhaupt an mir sei und dass ich meine Keuschheit bewahren müsse“, erzählt sie.

Die Menschen, die sich aus einem ultraorthodoxen Milieu losgerissen haben, sind in keiner Weise vorbereitet auf eine Welt, die ihnen stets als verderbt geschildert wurde und deren Bedeutungs- und Bezugssysteme sie nicht kennen. Dank menschlichen Begegnungen, dank der Hilfe von „Footsteps“ – einer an der Wall Street domizilierten Organisation, die Renegaten bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft unterstützt – und vor allem dank ihrem eigenen eisernen Willen ist Leah Vincent davongekommen. Sie hat ihren chaotischen Lebensweg aufgezeichnet: „Cut Me Loose: Sin and Salvation After My Ultra-Orthodox Girlhood“ ist letztes Jahr in den Vereinigten Staaten erschienen. Das Buch endet mit Leahs erfolgreicher Bewerbung um einen Studienplatz in Harvard.

„Cut Me Loose“ gehört zu einer ganzen Reihe ähnlich gelagerter autobiografischer Werke, die in jüngerer Zeit erschienen sind. „Off the derech“ werden ihre Verfasserinnen und Verfasser von den amerikanischen Ultraorthodoxen genannt – diejenigen, die vom derech (hebräisch: vom rechten Weg) abgekommen sind. Sie selbst nennen sich kurz OTD oder auch XO (Ex-Orthodoxe).

Natürlich hat der Autor Chaim Potok (1929–2002) schon in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit Werken wie „Die Erwählten“ und „Mein Name ist Ascher Lev“ für Unruhe im orthodoxen Milieu gesorgt. Aber die in den letzten Jahren erschienenen Werke sind geprägt von der Erfahrung derjenigen, die ihrer Gemeinschaft und ihrem Glauben endgültig den Rücken gekehrt und einen hohen Preis dafür bezahlt haben. Den rabiaten Witz Shalom Auslanders etwa, der in „Eine Vorhaut klagt an“ seine Kindheit in einer orthodoxen Gemeinde in Monsey (NY) schildert, kontert Deborah Feldman mit „Unorthodox: The Scandalous Rejection of My Hasidic Roots“. Dieses ätzende Porträt der Satmarer Chassidim von Williamsburg, unter denen Feldman aufwuchs, schaffte es auf die Bestsellerliste der New York Times, während die Satmarer Gemeinde den Stab über der Autorin brach.

Wachsende Gemeinden

In den letzten Jahren ist der in Brooklyn gelegene Stadtteil Williamsburg ein „must“ in der Topografie von Touristen und Bobos, den bourgeoisen Bohémiens des 21. Jahrhunderts, geworden. Es gibt jedoch auch Führungen durchs „chassidische Williamsburg“; denn nur einige Blocks von den modischen Cafés und den Vintage-Boutiquen entfernt erleben laut einer Studie der United Jewish Appeal Federation of New York die ultraorthodoxen Gemeinschaften dank hoher Geburtenraten eine „explosive Wachstumsphase“. Mittlerweile leben in Williamsburg und in Borough Park, einem anderen Viertel Brooklyns, Hunderttausende von Haredim („Gottesfürchtigen“); nach Israel ist dies die zweitgrößte ultraorthodoxe Gemeinde weltweit.

Unter den Ultraorthodoxen gibt es einerseits die chassidischen Gemeinschaften, die sich um eine zentrale Figur gruppieren – den Rebbe, der als spirituelle Autorität und Führer der Gemeinde fungiert; anderseits die aus Litauen stammenden Litvish, die in den Vereinigten Staaten auch „Yeshivish“ genannt werden. Die Differenzen zwischen den Gemeinschaften sind theologischer Natur; die Unterschiede in den Regeln für den Alltag und die Lebensführung sind für Außenstehende nicht wahrnehmbar. In New York haben einige der Gemeinden eigene Schulen, Verwaltungsorgane, Busse oder Ambulanzen; manche Ortschaften im Gliedstaat, etwa New Square, sind ausschließlich von Chassidim bewohnt.

Shulem Deen hat lange in New Square gelebt. Er wuchs unter Satmarer und Skverer Juden auf; die letztere Gemeinschaft wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in der Stadt Skwyra – jiddisch Skver – in der heutigen Ukraine gegründet. Mit 19 Jahren stellte man ihm seine künftige Frau Gitty vor; er weiß noch, wie entsetzlich schüchtern sie damals waren. „Wir vermochten kaum ein paar Worte zu wechseln“, erzählt uns der jugendlich wirkende Vierzigjährige in Jeans, den äußerlich nichts vom New Yorker Mainstream unterscheidet. Er erinnert sich auch, dass er nicht die geringste Gefühlsregung für seine Braut empfand, aber er fügte sich. Fünf Kinder wurden ihnen geboren.

Doch Shulem Deen war, wie man in seiner großartigen und bewegenden Autobiografie „All Who Go Do Not Return“ nachlesen kann, schon immer ein neugieriger junger Mann gewesen. Durchaus mit Humor erzählt er in dem Buch von den Fragen, die ihn umtrieben, von seinen häufigen Verstößen gegen Verbote und Regeln, von den Büchern und Zeitungen, die er las; vom Fernseher und von dem Radio, die er zu Gittys Entsetzen in der Wohnung installierte, und vom Internet, wo er unter dem Namen „Hasidic Rebel“ einen Blog eröffnete. Im Lauf der Jahre musste er sich eingestehen, dass sein Glaube wankte, dass es im eng begrenzten Universum seiner Gemeinschaft keinen Platz mehr für ihn gab. Am Ende wurde er in einem vom Rabbiner geleiteten Verfahren wegen „Häresie“ aus der Gemeinde ausgeschlossen.

Die Jahre danach sind „entsetzlich einsam“; wie Leah Vincent – mit der er befreundet ist – findet Shulem Deen Unterstützung bei „Footsteps“. Aber seine Kinder wollen ihn nicht mehr sehen. Zur Hochzeit der ältesten Tochter wird er nicht eingeladen: Sie heiratet „wie Gitty und ich vor zwanzig Jahren – einen jungen Mann, den sie zuvor nur einige Minuten lang gesehen hatte“. Und Deen fährt fort: „Wenn ich gewusst hätte, dass ich meine Kinder verliere und wie viel Leid mein Entschluss zur Folge haben würde … Nie und nimmer wäre ich fortgegangen.“

Heimweh

Heute aber sind Leah Vincent und Shulem Deen frei von Groll und Bitterkeit. Sie haben ihren neuen Platz gefunden – so einigermaßen jedenfalls. „Manchmal überkommt mich das Heimweh nach der Schönheit der Gesänge, der Feste. Nach der Wärme und der Sicherheit der Gemeinschaft. Die Welt um uns herum ist so unsicher und chaotisch“, gesteht Shulem Deen ein. Leah Vincent, inzwischen Mutter eines Töchterchens, hegt immer noch „die Hoffnung, die Beziehung zur Familie wieder aufzunehmen, auch wenn mich das nicht mehr so quält wie früher“. Sie weiß auch: „Ich will der Gemeinde nicht schaden, aber ich möchte, dass den Frauen und Kindern mehr Rechte zugestanden werden. Und ich wünsche mir auch, dass man fortgehen kann, ohne dass man Gefahr läuft, alles zu verlieren.“

Shalom Auslanders Buch „Eine Vorhaut klagt an“ ist 2008 auf Deutsch beim Berlin-Verlag erschienen. Die anderen im Beitrag erwähnten Werke sind bis jetzt nicht übersetzt. Aus dem Französischen von Albertine Bourget.