Peter Strasser

Morgengrauen

Die Freude, dass es wieder einmal so weit ist

Gastkommentar / von Peter Strasser / 26.03.2016

Schlechte Tage hat unsereiner halt auch. Warum nicht? Jedes Jahr dasselbe, nach Regen folgt Sonnenschein et vice versa. Das sagte ich gestern einem alten Freund, den man unter alten Freunden wegen seiner schlechten Laune gerne einen „mieselsüchtigen alten Sack“ nennt.

Plötzlich begann er mir hymnisch vorzuschwärmen, wie jetzt morgens das Licht bereits eine Stunde früher durch die Jalousien zu sickern beginne. „Herrlich, nicht wahr?“ Darauf wusste ich bloß zu erwidern: „Jedes Jahr dasselbe!“, zumal ich die Frühsonneneuphorie meines alten Freundes für ein Stimmungsmachertheater hielt. Klar, ich hatte meinen schlechten Tag, den ich immer wieder einmal habe. Mein alter Freund aber nahm meine Ignoranz gegenüber dem Licht, das jetzt bereits wieder eine Stunde früher durch die Jalousien sickerte, als ein Zeichen dafür, dass ich ein mieselsüchtiger alter Sack geworden sei.

Also sagte er zu mir: „Du mieselsüchtiger alter Sack!“, was ich mir nicht gefallen lassen wollte, weil ich doch bloß einen meiner schlechten Tage hatte, und gab ihm das Kompliment zurück: „Selber einer!“ Darauf er: „Wer sagt das?“ Darauf ich: „Ich.“ Darauf er „Du hast es gerade nötig!“ Da standen wir uns also gegenüber wie zwei junge Kampfhähne, die einander bezichtigten, mieselsüchtige alte Säcke zu sein. Die Folge: kindisches („bubenhaftes“) Gelächter auf beiden Seiten. Und heute, als die Sonne eine Stunde früher durch die Jalousien zu sickern beginnt, freue ich mich, dass es wieder einmal so weit ist.

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.