Morgengrauen

Die freundliche Allerweltssynthese

Gastkommentar / von Peter Strasser / 18.07.2016

Ich schaue aus dem Fenster. Im Radio wird gerade der Wetterbericht verlesen: Heute ist es in den Niederungen nebelig. „Die Dinge sind, was sie sind“, pflegte unser Geschichtelehrer am Gymnasium gerne zu sagen, um uns davor zu warnen, in die Dinge – er sprach auch gerne von den „harten Fakten“ – etwas „hineinzusehen“. Daran muss ich jetzt denken.

Draußen ist es noch dunkel, aber auf der Straße unter mir bewegen sich die Lichter der Autos, die zu seltsamen, geisterhaften Flecken geworden sind, die über mein Fenster gleiten, worin sich mein Morgengesicht spiegelt. Es wird überzogen und immer wieder verwischt von den Lichtauren, die durch den Nebel dringen. Die Dinge sind, was sie sind. Mein Geschichtelehrer glaubte an seinen Tacitus, ja es war fast eine Tatsachenreligion, die ihn beflügelte, während ich mir jetzt aus dem Lichtnebel im dunklen Fenster entgegenblicke, unheimlich verzerrt, als ob ich aus einem Bild des Malers Francis Bacon heraus Grimassen schnitte.

„Irgendwie sind wir alle in die Dinge mit hineinverwoben“, dozierte einer meiner Philosophieprofessoren an der Universität. Wer hatte recht, mein Geschichtelehrer oder mein Philosophieprofessor? These, Antithese, egal. Im Laufe des Tages werde sich der Nebel lichten, tönt es gerade vom Radio her, und darin scheint mir jetzt, indem ich mich morgendurchgraut von meinem ontologisch abgründigen Fenster wegdrehe, eine freundliche Allerweltssynthese zu liegen: Die Dinge werden sich lichten, die Dinge werden mich lichten …

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).