Peter Strasser

Morgengrauen

Die Furcht vor der Angst

Gastkommentar / von Peter Strasser / 03.02.2016

Ob die feinen Unterschiede wiederkommen? Das fragt mich der Differentialsoziologe, der, weil er differentialsoziologisch denkt, davon überzeugt ist, dass die Zeiten schlechter werden, seit die feinen Unterschiede verschwinden. Als Beispiel nennt er mir den feinen Unterschied zwischen „Furcht“ und „Angst“. Er habe noch in der Schule gelernt – ich auch –, dass, wenn man sich vor etwas ängstige, man sagen müsse: „Ich fürchte mich.“

So etwa fürchte man sich vorm Schwarzen Mann. Hingegen sei die Angst nichts, was den Schwarzen Mann zum Gegenstand habe. Denn die Angst habe überhaupt nichts zum Gegenstand. Ängstige man sich, dann nicht vor etwas, sondern eben – vor nichts. Heidegger habe daraus eine Philosophie gemacht: Angst bedeute Hineingehaltenheit des wesenhaft sorgenden Daseins ins Nichts …

Als ich heute Morgen die Zeitung aufschlage, schaut mir der Differentialsoziologe über die Schulter. Kein Zweifel, der feine Unterschied zwischen Furcht und Angst hat wieder Saison. Man fürchtet sich vor den Fremden, die jetzt überall herumwimmeln, während man vor dem, was sie bringen – man weiß nicht was, nicht wahr? –, eine Heidenangst hat. Deshalb ist der Differentialsoziologe doch im Unrecht. Wie glücklich waren wir, als es uns witzlos schien, zwischen Furcht und Angst zu unterscheiden, weil uns keines von beidem politisch umtrieb! „Angst essen Seele auf“, sagte einst, 1969, Rainer Werner Fassbinders „Katzelmacher“; und heute, 2016, fürchten wir uns vor unserer eigenen Angst.

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.