Peter Strasser

Morgengrauen

Keine Angst vor metaphysischer Platzangst!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 19.04.2016

Metaphysische Platzangst: Es ist 6 Uhr 30 hierorts, Graz, Österreich, Europa, Welt, Universum. Ich sitze, mental zusammengequetscht, in meiner Frühstücksecke im fünften Stock eines Hauses nahe einer brummenden Ausfahrtsstraße irgendwo am Rande unserer Galaxie inmitten eines rundum auseinanderrasenden Universums. Scheußlich!

Dazu die Gravitationswellen von den einander umtanzenden Schwarzen Löchern her, die, bereits jahrmilliardenalt, alles in ihrer Umgebung schlucken. Scheußlich, scheußlich! In der Morgenzeitung steht, dass die Börsen wieder auf Wackelkurs sind, was aber die 400 reichsten Reichen der Welt nicht weiter zu beunruhigen brauche, denn die hätten zurzeit 4.000.000.000.000.000 Dollar – und würden à la longue immer mehr davon haben. Wohinein dehnt sich das alles aus?

Bevor mich diese Frage existenziell zerquetscht, tönt aus einem riesigen Busch fünf Stockwerke unter mir das muntere Getschilpe und Getschirpe einer Horde von Spatzen durchs leicht geöffnete Fenster, und das lässt mich mit einem hüpfenden Herzschlag wieder dort sein, wo ich ohnehin bin: zu Hause, in meiner Frühstücksecke. Hier gibt es kein auseinanderrasendes Universum, sondern das Einfache, von dem einst Heidegger sagte, es „verwahre das Rätsel des Großen und Bleibenden“, zum Beispiel den Guten-Morgen-Kuss meiner Frau beim Anblick der dampfenden Frühstückskaffeekanne neben dem Körbchen goldbraun glänzender Frühstücksbrötchen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).