Lilly Panholzer

Wiener Marien Apotheke

Die geheime Anlaufstelle für HIV-Infizierte

von Elisabeth Gamperl / 23.11.2015

Bei der Diagnose Krebs wird man in die Arme genommen, bei HIV oder Aids ist das nicht der Fall. Die Krankheit hat noch immer etwas Anrüchiges. Für HIV-Infizierte ist es daher nicht so leicht, diskret an Medikamente zu kommen. Die Wiener Marien-Apotheke im 6. Bezirk ist eine der wenigen, die sie lagernd haben. Karin Simonitsch ist seit Jahrzehnten Ansprechpartnerin für die Betroffenen.

Für die einen ist eine Apotheke ein Ort, an dem man sich um die kleinen Wehwehchen kümmert: Hustenzuckerl, Tabletten gegen Kopfschmerzen oder Lippenbalsam.

Da gibt es aber noch die anderen. Für die ist es ein Ort, an dem sie den Ausbruch einer tödlichen Krankheit verhindern. Ohne dass es jemand mitbekommt – die Wenigsten outen sich freiwillig als HIV-Infizierte.

In der Marien-Apotheke stehen alle nebeneinander. Tresen an Tresen. Ohne dass jemand mitbekommt, was dem anderen fehlt.

Während die meisten Wiener Apotheken die Aids-Medikamente nicht lagernd haben, sind sie in der Marien-Apotheke seit über 20 Jahren in einem Regal im Hinterzimmer gestapelt. Menschen, die sich mit dem HI-Virus infiziert haben oder bei denen Aids bereits ausgebrochen ist, pilgern in die futuristisch anmutende Apotheke mit bunten Verkaufstresen und Mitarbeitern in weißen T-Shirts statt Kitteln.

Die Lampen in der Apotheke bestehen aus leeren Medikamentenverpackungen.
Credits: Marien-Apotheke

Medikamente im blickdichten Beutel

Karin Simonitsch und ihre 45 Mitarbeiter sind im Umgang mit Betroffenen geschult. Wie bei jedem anderen Kunden auch nehmen sie das Rezept, verschwinden im Hinterzimmer und kommen mit den Medikamenten in der blickdichten Jutetasche zurück.

Diskret. Ohne verstohlene Blicke.

„Nicht nur, aber vor allem öffentliche Personen können sich ein Outing nicht leisten“, sagt die Pharmazeutin Simonitsch. Die rothaarige 52-Jährige hat 1999 die Apotheke von ihrer Mutter übernommen. Sie weiß, dass HIV nicht nur eine rein gesundheitliche Bedrohung ist. Es ist auch immer noch ein soziales Stigma. Wenige outen sich freiwillig als Infizierte. Das zeigte kürzlich der Fall des Schauspielers Charlie Sheen: Der US-Amerikaner hat vor kurzem seine Infektion mit dem HI-Virus im US-Fernsehen öffentlich gemacht, weil er von mehreren Menschen erpresst wurde.

Deswegen würden sich viele auch eher von ihr und ihrem Team beraten lassen, als etwa ins Aids-Hilfe-Haus zu gehen, meint Simonitsch. „Was ich im Aids-Haus will, ist offensichtlich. Bei uns ist das viel diskreter“, sagt sie. Das Geheimnis sei hier sicher. Die Apotheke hat sich damit zum geheimen HIV- und Aids-Zentrum Wiens entwickelt.

Wie die HIV-Ära der Marien-Apotheke begann


Credits: Marien-Apotheke/Luiza Puiu

Angefangen hat alles mit einem Kunden. 1994 kam ein Mann in die Apotheke. Sein Lebensgefährte hatte Aids und wollte seine letzten Tage nicht im Krankenhaus verbringen, sondern daheim in seiner Wohnung. Er wusste, er würde sterben.

Simonitsch war in ihren Dreißigern und arbeitete seit kurzem in der Familienapotheke. Sie bestellte ihm die notwendigen Medikamente und brachte sie persönlich in ihrer Mittagspause vorbei. So lange, bis der Mann starb.

Ihr fürsorgliches Verhalten sprach sich in der Community herum, erzählt Simonitsch. Damit brach für die Apotheke ein neues Zeitalter an und ein neuer Kundenstock etablierte sich: Von nun an pilgerten HIV-Erkrankte in die Schmalzhofgasse. Die Apotheke war damals im Besitz ihrer Mutter – „Sie war zwar konservativ, aber ich hatte Glück, dass sie mir freie Hand ließ.“

Das neue Zeitalter macht sich mittlerweile auch im Erscheinungsbild bemerkbar. Über dem Eingang der Apotheke findet sich rote Schleife – das HIV-/Aids-Solidaritätssymbol. Auf der Homepage findet sich Info-Material über die Erkrankung.

Die Apotheke unterstützt auch den Life Ball. „Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie viele Betroffene auf dem Fest sind. Es ist schnell ausverkauft, alles ist fesch und schrill. Aber der eigentliche Grund wird noch immer abgelehnt“, sagt Simonitsch. HIV und Aids hat noch immer etwas Anrüchiges. Bei der Diagnose Krebs wird man in die Arme genommen, bei HIV oder Aids ist das nicht der Fall, da wird anders gewertet: „Bei der Erkrankung sei man selbst Schuld, heißt es dann, denn es muss ja beim Bumsen oder Fixen passiert sein“, sagt Simonitsch. 

Es hat noch immer etwas Anrüchiges, denn das HI-Virus wird über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma oder Scheidenflüssigkeit weitergegeben.

Die meisten Betroffenen, die sich heutzutage mit dem Virus infizieren und rechtzeitig eine Therapie bekommen, können ein weitgehend normales Leben führen, arbeiten gehen, Sport treiben, Freunde treffen, unter Berücksichtigung von Schutzmaßnahmen Sex haben und eine Familie gründen.

Die Erkrankten kommen seit Jahrzehnten

Vergangenes Jahr haben sich laut Aidshilfe in ganz Österreich rund 400 Menschen mit HIV angesteckt. Die Hälfte davon lebt in Wien. Die Zahl geht sukzessive zurück. 2012 gab es etwa noch 523 Neuinfektionen. Durch die hochwirksame Medikamenten-Kombination haben Erkrankte mittlerweile die Chance, alt zu werden. „Aids ist kein Todesurteil mehr“, sagt Simonitsch. Ihre Kunden betreut sie deshalb teilweise schon seit über 20 Jahren.

Mittlerweile wurde das geheime Zentrum erweitert: Über der Apotheke befindet sich seit Juli 2015 eine neue Ordination. Ein Allgemeinmediziner der HIV-Ambulanz hat sich in der Schmalzhofgasse niedergelassen. Die Betroffenen können hier ihre vierteljährliche Kontrolluntersuchung durchführen lassen und müssen nicht wie sonst in eine eigene Ambulanz. Der HIV-Stempel bleibt damit weg.