Morgengrauen

Die Geißel Realität

Gastkommentar / von Peter Strasser / 14.11.2015

Die Nacht steht um mein Haus. Das ist natürlich Unsinn. Es ist 6.30 Uhr. Ich ziehe die Vorhänge beiseite und blicke in den ersten Morgendämmer – die Zeit im Jahr ist auch schon wieder reichlich fortgeschritten –, und dabei höre ich vor der Türe die Morgenzeitungen rascheln.

Nein, es raschelt nicht, es zischt und faucht und grinst mich höhnisch an. Jedenfalls kommt es mir so vor, als ich die Wohnungstür einen Spalt breit öffne, um mir die Zeitungen zu schnappen. Es zischt und faucht, ich höre es, noch bevor ich die politischen Kommentare überfliegen kann.

Die Realität hat uns eingeholt. Horror! Terror! Wieder einmal. Eingeholt.

Ich blinzle die Kommentare an, aus den Augenwinkeln, mit halbgeschlossenen Lidern, die Kommentare grinsen höhnisch zurück. Alle Geistesmenschen und sonstigen Realitätsverweigerer bekommen sie heute Morgen zu lesen, die REALITÄT. „Terror! Horror!“ Hunderte sind tot. Wann werden es Tausende sein?

Nur wer in der Realität lebt, wird nicht von ihr eingeholt. Zerknirscht betrachte ich zwei alte Orchideenstöcke, die auf dem Fensterbrett meiner Frühstücksecke blühen. Die anderen ruhen, rüsten zum großen Erblühen vor Weihnachten. Und so bekomme ich, im Anblick der zartgelben, rosagefiederten Blüten, doch noch eine Ahnung von der Realität: von der Herrlichkeit der Welt, welche zu erleben die Sehnsucht in uns allen ist, auch – da bin ich mir sicher – all jener, deren Schicksal die Kommentatoren beflügelt, mich hier und jetzt mit der Realität zu geißeln.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.