JEROME DELAY/Keystone

Attentate in Paris

Die Homöopathie der Gewalt

Meinung / von Veit Dengler / 23.11.2015

Syrien. Eine religiös motivierte Gruppe von Menschen ruft die Wiedererrichtung des Gottesstaates aus, schafft sich tatsächlich ein Staatsgebilde, dem die umliegenden islamischen Staaten nicht beikommen, und versetzt die Welt durch Attentate in Angst und Schrecken. Die Attentäter sind meistens junge Männer, die eigens ausgebildet werden, manchmal auch in Gruppen agieren, und denen als Preis für ihre Tat das Paradies winkt. Man nennt sie die „Opferbereiten“, da praktisch keiner der Attentäter sein Attentat überlebt.

Ich rede von den Assassinen des 12. und 13. Jahrhunderts, die Europa so beeindruckt haben, dass in vielen Sprachen heute noch ihr Name als Bezeichnung für „Mörder“, „Meuchelmörder“ dient: assassin.

Dramatische Ereignisse wie jene in Paris werden reflexartig als historisch einzigartig wahrgenommen. Nun, sie sind es nicht. Terrorismus durchzieht die Geschichte Europas, und zwar nicht erst seit RAF, Brigate Rosse, ETA und IRA. Ist Ihnen der „Befreiungsausschuss Südtirol“ noch ein Begriff? Die rechtsradikalen Fememorde der Weimarer Republik? Narodnaja Wolja? Giovane Italia? Los Solidarios? Ravachol? Die IRB?

Terrorismus ist ein Randphänomen von Gewaltmonopolen, seinem Wesen nach weder Krieg noch einfaches Kapitalverbrechen, sondern Propaganda, „Propaganda der Tat“ wie es die Anarchisten des 19. Jahrhunderts nannten: ein kommunikativer Akt für großes Publikum. Meistens handelt es sich um eine relativ überschaubare Bluttat, die über ihre Symbolik eine immense Wirkung gewinnt, weil sie gegen „Wahrzeichen“ der Macht und des Funktionierens von Macht gerichtet ist: Könige, Generalstaatsanwälte, den Bahnhof Bologna Centrale oder das World Trade Center.

Der Terrorismus funktioniert nach dem Ähnlichkeitsprinzip der Homöopathie: „Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden“. Das Ziel der Terroristen ist ein Aufschaukeln der Gewalt, der Ausbruch einer allgemeinen Panik, um den Eindruck zu vermitteln, es herrsche Krieg.

Den Attentaten in Paris fielen 130 Menschen zum Opfer: Das ist ungefähr ein Fünftel der jährlichen tödlichen Arbeitsunfälle in Frankreich, ein Zwanzigstel der dort durch Feinstaub verursachten Todesfälle und ein Fünfzigstel der Verkehrstoten – also ein Bruchteil der Opfer alltäglicher politischer Probleme, die auch entsprechend gehandhabt werden (und klarerweise kein weltweites Entsetzen hervorrufen).

Wenn es eine Besonderheit dieser Anschläge gibt, dann ist es die Tatsache, dass weder der Eiffelturm noch der Élysée-Palast das Ziel waren, sondern ein Lebensgefühl: das Sich-Vergnügen westlicher Menschen in Cafés, bei einem Konzert, beim Shopping, bei einem Fußballspiel.

Aber die Symbolik ist dichter. Das Match im Stade de France – noch dazu gegen Deutschland – bediente die nationale Symbolik der Grande Nation. Beim Konzert im Bataclan spielten die Eagles of Death Metal.  Die Bezeichnung des Genres geht zurück auf den Vers So scream out in fright Death Metal came in the wind, der Bandleader nennt sich The devil – eine perfekte symbolische Szenerie für ein solches Attentat. Auch der Name der Band könnte eine Rolle gespielt haben: Der schwarze Adler war das Feldzeichen Mohammeds.

Und alles geschah an einem Freitag dem 13., was prompt zur Folge hatte, dass zahlreiche Medien einen „Schwarzen Freitag“ ausriefen.

Manchmal gewinnt man den Eindruck, die Attentäter amüsierten sich bei der Planung der Anschläge.

Zwar gelang es in Paris nicht, das größte mediale Ziel umzusetzen – das Auslösen einer Massenpanik der 80.000 Zuschauer im Stadion vor laufenden Kameras, d.h. mit Millionen von Live-Zusehern – die Wirkung ist dennoch enorm, da die Anschläge mitten in einen ohnedies wegen der Flüchtlingsfrage schon hysterisierten politischen Diskurs fielen.

Und auch das war offenbar Teil der kommunikativen Strategie. Warum sonst hätten offenbar zwei der Attentäter den Weg über Griechenland als Flüchtlinge wählen sollen: Der IS hat deutlich einfachere, genauer planbare und sicherere Mittel und Wege, Attentäter in die EU einzuschleusen, wenn denn ein Ad-hoc-Einschleusen für die Durchführung überhaupt nötig gewesen wäre. Warum hatte gerade einer der Selbstmord-Attentäter einen syrischen Pass dabei? Jetzt ist der aktuelle Flüchtlingsstrom für terroristische Zwecke symbolisch perfekt besetzt, die EU metaphorisch „infiltriert“ durch Hunderttausende potenzielle Attentäter. Eine effizientere Form allgemeiner Verunsicherung lässt sich schwer denken.

Natürlich stellen die Attentate in Paris eine Herausforderung an die Europäische Union dar. Blendet man jedoch das symbolische Register aus, auf dem die Attentäter so meisterhaft gespielt haben, ist sie nicht unbewältigbar, nicht einmal besonders groß. Es muss zweifellos effizient gehandelt werden, polizeilich und geheimdienstlich. Es wird möglicherweise einer konzertierten militärischen Intervention in Syrien bedürfen. Aber wir benötigen dazu keine Rhetorik des allgemeinen Krieges oder des Kampfes der Kulturen. Es gibt keinen stichhaltigen Grund, unsere Demokratien im allgemeinen Säbelrasseln zu beschädigen.

Die Wirkung von Homöopathie ist – zumindest zu einem guten Teil – Einstellungssache.

PS: Es gibt keine einzige terroristische Bewegung der europäischen Geschichte, die ihre politischen Ziele erreicht hätte.