Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Die Kanzlerin im Führerbunker

Gastkommentar / von Peter Strasser / 30.01.2016

Gestern las ich in meiner kleinen Lieblingszeitung den dort erscheinenden Brief aus Deutschland. Die Folge: Schwärzestes Morgengrauen. Stand schon in aller Herrgottsfrühe die Nacht um mein Haus?

Gleich schrieb ich einen Leserbrief: „Verehrte Chefredaktion, hat in Ihrer Redaktion niemand bemerkt, dass der prominente Kolumnist Henryk M. Broder die deutsche Kanzlerin einer Nazibunkermentalität zeiht?“ Zitat: Das Geschehen in und rund um Berlin erinnert an den Film Der Untergang (2004), der im Führerbunker während der letzten Tage des Dritten Reiches spielt. Nur dass diesmal alles oberirdisch passiert und live übertragen wird. Eine sture, fakten- und beratungsresistente Kanzlerin hat dem Land eine Rosskur verschrieben, die geradewegs in die Katastrophe führt.

Dazu schrieb ich: „Würde ein total vertrottelter Blogger so etwas absondern, wüsste man sich eine Erklärung: Total vertrottelt … Wie aber ist es möglich, dass ein prominenter Kolumnist sein Scharfmacherspiel treibt, indem er sich nicht geniert, die protestantische Ethik der Kanzlerin auf das Niveau eines Nazi-Endspiels herabzuwürdigen? Wie soll ich das meinen Studenten erklären, denen ich beizubringen versuche, was es bedeutet, miteinander auch unter hohem politischen Druck menschlich umzugehen?“

Heute – draußen ist Winterfrühling, Frieden und Vogelsang – kommt mir vor, meine Frage von gestern war rhetorisch. Ich werde mich weiterhin anstrengen, das Immunsystem meiner Studenten zur Henryk-M.-Broder-Resistenz zu befähigen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.